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Man stelle sich 37 Jahre des Wartens vor. Warten, während man an der Bushaltestelle steht. Warten darauf, dass das Telefon klingelt. Während man aus dem Fenster guckt. Warten auf den Briefträger. Tag für Tag. Jahr für Jahr. 37 Jahre lang - und schließlich fährt der Bus vor, man steigt ein und das Telefon klingelt während der Postbote hinter dem Bus herläuft. Kurzum: Die legendären ROCKET FROM THE TOMBS, gegründet 1974, ausgebrannt 1975, haben endlich ein Studioalbum aufgenommen, "Barfly" realisiert und den Kreis einer unglaublichen Reise geschlossen.
Zumindest - aber nicht nur dort - in Amerika hält man es für eine anerkannte Tatsache, dass Punkrock von den RAMONES in New York erfunden wurde, die den Hardrock des Mittleren Westens mit den Garage Singles der Sechziger zu einer Formel zusammenfassten, die den Punk definierte: kurz, schnell, eingängig und nicht aufzuhalten. Doch es gibt ein Universum, in dem die Wahrheit noch bestand hat: Und in diesem verdrehten alternativen Universum reichen die Wurzeln des Punk bis zu ROCKET FROM THE TOMBS, einer Band aus Cleveland, die weniger als acht Monate existierte und es in der Zeit niemals schaffte, ins Studio zu gehen.
Drei Dinge liefen essentiell falsch: die Band nahm Drogen und trank Alkohol in einem Ausmaß, das selbst Keith Richards Sorgen gemacht hätte; dazu zeitigte sie eine Sprunghaftigkeit, die fatalerweise an THE TROGGS erinnerte und verfügte über ein Karussell von Drummern, das SPINAL TAP alle Ehre gemacht hätte.
Eines jedoch lief absolut richtig: in den acht Monaten ihrer Existenz schrieben ROCKET FROM THE TOMBS Songs, die zu Punkhymnen wurden: "Ain't It Fun", "Sonic Reducer", "Final Solution", "So Cold", "What Love Is", "30 Seconds Over Tokyo", "Amphetamine". Und sie spielten sie, als gäbe es kein Morgen mehr. Was daran lag, dass es für sie auch kein Morgen gab.
Denn die Band zerlegte sich nach einem apokalyptischen Soundcheck, bei dem den Headlinern TELEVISION vor Angst das Herz in die Hose rutschte, in ihre Einzelteile. Ein Teil sollte sich schließlich zu den Avant-Garagenrockern PERE UBU mausern, während ein anderer Teil zu den Punkhelden THE DEAD BOYS mutierte.
Theoretisch hätte dies das Ende der ROCKET-Geschichte sein können, wäre nicht in den folgenden 25 Jahren ein manischer, internationaler Handel mit ROCKET FROM THE TOMBS Bootlegs ausgebrochen, der die Band zur Legende werden ließ. Ein Album mit Liveaufnahmen und Tapes aus dem Proberaum, "The Day The Earth Met The Rocket From The Tombs", führte 2003 zu einer vorsichtigen Reunion. Der Kern der Band - David Thomas aka Behemoth, Cheetah Chrome alias Gene O'Connor und Craig Bell - stammt noch aus den alten Tagen. Mit dabei waren Richard Lloyd von TELEVISION, der für den verstorbenen Peter Laughner (er starb 1977 im Alter von nur 25 Jahren an akuter Pankreatitis durch übermäßigen Alkoholmissbrauch) zur Band stieß und der PERE UBU Drummer Steve Mehlman.
Das Feuer loderte noch immer. Was gut und schlecht war. Zwei Touren sorgten für extreme und brutalste Konzerte, doch auch für jede Menge Schlägereien auf nächtlichen Motelparkplätzen. Sänger David Thomas sagt: "Wir haben diese Einstellung im Blut und werden sie nicht los. Zumindest sind wir nicht mehr jung, laut und rotzig. Jetzt sind wir alt, laut und rotzig."
Diese Einstellung ließ im Studio "Barfly" Realität werden, eine ungeschönte, unverfrorene Bekräftigung der Magie des Gitarrenrocks: Soli, die sich zwischen zwei Meistern der Zunft auftürmen, eine einfallsreiche Rhythmus Sektion, die fest auf den Groove des Mittleren Westens gebaut ist und ein Sänger, der alles von Rob Tyner und Don Van Vliet gelernt hat, was es zu lernen gibt. Im Opener "I Sell Soul" knurrt Thomas "I will amblify you" - und was immer das heißt.er meint es ernst.
Die bittere Ironie von "Romeo & Juliet", die Cleveland / Detroit Verknüpfung von "Sister Love Train" / "Love Train Express", der manische Vorwärtsdrang von "Maelstrom", die dystopische Sci-Fi Romanze "Butcherhouse 4" und der Bukowski Grunge von "Pretty" untermauern den Siebziger Jahre Revisionismus, der im Herzen der Produktion liegt.
Mit einem Sound, der weder veraltet noch eingeengt von neuesten Marketingkorsett daherkommt, sind diese Männer hässlich, alt und in keinster Weise weicher geworden. Sie haben ihr Leben der Auflehnung gegen Grenzen verschrieben und haben den Preis dafür gezahlt. "Barfly" hakt die letzten 37 Jahre als Zeitverschwendung ab. Macht Schluss, ohne auch nur einen sentimentalen Gedanken zu verschwenden. Allein das war es wert, zu warten. (Text: Presseinfo)br |