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Nachricht vom 29.07.2011 (kr)

Buch-Tipp! Barry Miles: Frank Zappa - Touring Can Make You Crazy

Barry Miles' Zappa-Biografie ist bereits seit 2005 auf dem deutschen Markt, im Februar 2011 ist das Werk pünktlich zu Frank Zappas 70. Geburtstag nochmals als Taschenbuch erschienen. Da es sich zu weiten Teilen mit dem Tourleben und vielen Aspekten von Live-Auftritten beschäftigt, nutzte POP FRONTAL das Sommerloch, um in die Geschichten aus dem wilden Tourleben des Maestros einzusteigen.

Von Chefzyniker Zappa stammt u.a. der Aphorismus "Rockjournalisten sind Leute, die nicht schreiben können und Leute interviewen, die nicht reden können, für Leute, die nicht lesen können." Gottlob ist sein Biograf kein schnöder Rockjournalist wie unsereiner. Barry Miles war Assistent bei William S. Burroughs (dessen Biografie er schrieb) sowie Biograf von Paul McCartney, Allen Ginsberg oder Jack Kerouac. Er gilt laut Verlag "als wegweisender Kritiker der Musik- und Popkultur". Für die Zappa-Biografie qualifizierte ihn allerdings noch mehr der Umstand, dass er den Maestro viele Jahre lang begleitet hat und mit ihm befreundet war. Und dementsprechend detailfroh geht es auf den knapp 530 Seiten dann auch zur Sache: Wir lernen etwa, dass eine Snare-Drum das erste Instrument des kleinen Frankie war (S. 32), dass "Riot In Cell Block Number 9" das erste Album war, das er besaß (S. 36), und wir lernen - natürlich - alles über den Komponisten Varese als vielleicht größtem musikalischen Einfluss auf Frank Zappa. Durch die Schilderung der Kindheits- und Jugendjahre zieht sich das Motiv der häufigen Umzüge - herbeigeführt durch permanente Arbeitsplatzwechsel des Vaters, der ein Jobnomade in der Rüstungsindustrie war -, was zu Franks Unfähigkeit, Freundschaften zu pflegen und der Manie, jedwede Beziehung zu dominieren, geführt haben soll.

Den ersten Live-Auftritt des 1940 geborenen Künstlers hat Miles 1955 verortet. Schon damals wurde übrigens "Directly From My Heart" gespielt. Bedauerlicherweise aber wurde Frank aus seiner ersten Band geworfen (S. 44), was sich mit einer Blaskapelle, für die er rekrutiert wurde, wiederholte (S. 57). Bald gründet er mit den Black-Outs eine wichtige Vorstufe der Mothers Of Invention. Die erste eigene E-Gitarre taucht auf, ebenso wie Johnny Guitar Watson als frühes Gitarristen-Vorbild. Die E-Gitarre wird jedoch erst 1958 zu seinem Hauptinstrument (S. 71). Wir lernen Don Van Vliet alias Captain Beefheart kennen (S. 67 ff.), erfahren von Franks Ernährungsgewohnheiten und lebenslangen Verdauungsproblemen - speziell auf Tourneen. 1960 erfolgt die Heirat mit Kathryn J. Sherman und sieht den Bürgerschreck Zappa in bürgerlichen Jobs, beispielsweise als Grußkartendrucker (S. 78). Doch wir nehmen auch (durch Zappa-Freund und Studiobesitzer Paul Buffs Augen) das Erscheinen von 8-Spur-Aufnahmetechnik und Stereophonie am Horizont (S. 86 ff.) wahr. Später kaufte Zappa Buffs Pal-Studio und erlangte so noch mehr Kontrolle über seine kreativen Prozesse. Dort wurde u.a. laut Miles der erste Fuzz Bass (verzerrt) aufgenommen (S. 100). Bei einem Live-Auftritt des Trios "The Muthers" versuchte ein Mexikaner bei laufendem Gig Frank "den Schnurrbart abzureißen" (S. 105) - schon damals bewegte sich also das Live-Schaffen des Künstlers entschieden zwischen den Polen Ernüchterung und künstlerischer Selbstverwirklichung - ein Thema, das das gesamte Buch durchzieht. Von zentraler Bedeutung ist laut Biograf Franks Verurteilung wegen einer Ordnungswidrigkeit (Vorwurf der Pornographie) zu zehn Tagen Gefängnis - eine Zeit, die Zappa dauerhaft prägen sollte und während der er sich in die Welt der "Imaginary Guitar Notes" zurückzog (S. 109).

Es geht voran: die Mothers entstehen, der erste Manager wird eingestellt und besorgt Gigs am laufenden Meter. Jedoch: "Solange sie Coverversionen spielten, lief alles gut, aber sobald sie eines von Franks Stücken anstimmten, hörten die Leute auf zu tanzen, kauften kein Bier mehr und die Band wurde hinausgeworfen" (S. 112). U.a. deswegen suchen die Mütter ihr Glück in Hollywood - und finden es dort auch. Einige Anekdotik liefert die lebenslange Fehde zwischen Lou Reed (damals: Velvet Underground) und Frank (S. 140), ein Treffen mit Salvador Dali (S. 165) oder der Umstand, dass Joni Mitchell die damalige Freundin von Mothers-Saxophonist James "Motorhead" Sherwood war (S. 166). Mittlerweile ist es 1967 und der Zweitling der Mothers, "Absolutely Free", schafft es in die Charts. Zappa in NY: Gastspiele in New York verlaufen so erfolgreich, dass Manager Herb Cohen mit dem Garrick ein ganzes Theater in den Sommermonaten mietete. Das endlose Thema "Zappas Publikumsbeschimpfungen" wird eingeführt (S. 170), und wir lernen die berüchtigten Handzeichen des Meisters kennen (S. 174), der später regelmäßig seine Musiker auch mit Taktstock dirigierte und Live-Spielfehler mit unbarmherziger Manöverkritik verfolgte (S. 204).

Wir sind dabei, als Zappa Jimi Hendrix und Jeff Beck trifft (S. 171, S. 187), und erfahren von der skurrilen Verordnung, dass aufgrund von Forderungen der Luddite-Musikergewerkschaft damals "für jeden Auftritt eines US-Musikers in UK ein Engländer in den USA auf Tour gehen müsse" (S. 186). Das eigene Label Bizarre wird gegründet - noch mehr Kontrolle - (S. 201) und die Turtles Howard Kaylan und Mark Volman (Flo & Eddie) treten ins Bild. "200 Motels" entsteht und lehrt uns "Touring Can Make You Crazy" (S. 242 ff.). Zappa trifft und musiziert mit John Lennon, wobei der unterträglich heulenden Yoko Ono schließlich ein Sack über den Kopf gestülpt wird (S. 250 ff.)! 1971: In Montreux kommt es bei einem Live-Auftritt während "King Kong" zum Ausbruch des Feuers, das seitens der im Publikum befindlichen Musiker von Deep Purple durch "Smoke On The Water" unsterblich gemacht wurde (S. 259).

Im Jahr 1973 ist Zappa 183 Tage auf Tournee (S. 270), ein Schnitt, der für Jahrzehnte zum stereotypen Lebensmuster werden sollte (S. 283). Kein Wunder, denn Touren sind für Zappa der einzige probate Weg, Geld zu verdienen (S. 297). Allerdings wird hier auch die Langeweile "on the road" thematisiert (S. 277). Doch es gibt durchaus auch immer Highlights. Die nicht endende Serie von Groupies, aber auch der Umstand, von Tina Turner Eintopf und Gesangsbeiträge serviert zu bekommen. Selbst Zappa-Fans mag es übrigens weniger präsent sein, dass Zappa "Heavy Metal Spaß machte" und dass er sich privat mit sowohl Black Sabbath wie Ozzy Osbourne traf und den Conférencier für deren gemeinsame Shows im Madison Square Garden gab (S. 296).

Ein total eskalierender Gig (Palermo, 1982, S. 338) führt dann doch zu einer bis 1984 andauernden Konzert-Pause. Schon wieder bekannter ist die Phase, in der Zappa Vaclac Havel kennenlernt und teilweise sogar als Beauftragter der tschechischen Regierung angesehen wurde. 1990 wurde bei Frank Zappa Prostatakrebs diagnostiziert, 1993 starb er daran...

Trotz des naturgemäß "traurigen Endes" ist dieses Werk durchaus auch als Urlaubs-Schmöker geeignet, spannend genug liest es sich über weite Passagen. Für knapp 13 Euro liegt hier überdies ein ausgezeichnetes Preis-/Leistungs-Verhältnis vor. Das ist auch gut so, denn die gleichfalls ausgezeichnete Diskographie führt selbst bei eigentlich schon ganz gut versorgten Fans fast zwangsläufig zu teuren Folgeinvestionen... Wer live dem Meister huldigen will, dem sei die alljährlich stattfindende Zappanale ans Herz gelegt, deren bereits 22. Ausgabe vom 17. bis 21.08.2011 in Bad Doberan stattfindet (POP FRONTAL empfahl, vgl. untenstehender Link).


 

 

 

 

 

 

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