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Gesehen! Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra / 29.10.13, Hamburg, Gruenspan

Krach, Karaoke und Klavierpop

Text: Simone Deckner    Fotos: Pressefreigabe

Sie ist eine charismatische Rampensau: Amanda Palmer. Früher mit den Dresden Dolls, seit 2008 immer öfter solo unterwegs. Doch egal in welcher Konstellation - theatralisch ist der Pop der Amerikanerin immer. Und ein wenig außer Kontrolle. Genau so wie bei ihrem Konzert im Hamburger Gruenspan Ende Oktober. Lang hat es gedauert, bis Amanda Palmer es wieder einmal nach Hamburg geschafft hat: Ursprünglich sollte das Konzert der charismatischen The Dresden Dolls-Frontfrau bereits früher stattfinden. Doch Pläne wurden umgeschmissen, aufregende Dinge passierten im Leben der Amerikanerin: 2010 heiratete sie den SciFi-Schriftsteller Neil Gaiman. Mit einem frechen Video warb sie auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter über eine Million Dollar ein. 2012 erschien schließlich ihr drittes Soloalbum "Theatre Is Evil" ohne Labelbeteiligung - und ging direkt in die Top Ten der Billboard-Charts.

Amanda Palmer

Auf ihre Fangemeinde kann sich Palmer auch in Deutschland nach wie vor verlassen. Das Gruenspan in Hamburg ist auch an einem Dienstagabend fast ausverkauft. Mädchen mit schwarz umrandeten Augen und Korsagen stehen neben langhaarigen Ü30-Kerlen. Dazwischen: viele Pärchen. Um 20.45 Uhr betritt die Frau, auf die sie alle warten, die Bühne. An ihren Händen: Lange schwarze Handschuhe. Das Oberteil: ein schwarzer BH, darunter: eine Korsage, die ein Bild des verstorbenen Opern-Pop-Exzentrikers Klaus Nomi (!) ziert, silberne Leggings, hohe, schwarze Schnürstiefel, dramatisches Make-Up. Palmer inszeniert sich zwischen Cabaret-Künstlerin, Amazone und Punk. Mit "The Killing Type" krachen sie und ihre Band The Grand Theft Orchestra in die Nacht. Und krachen tun sie wirklich. Es dröhnt und bratzt. Nuancen? Nicht zu hören. Auch Palmers Stimme ist zu laut. Im Backstage scheint Palmer die Ansage ausgegeben zu haben: "Von Null auf Hundert in 90 Sekunden".

Sie rennt wie angestochen über die Bühne, haut auf ihr E-Klavier ein, als wolle sie es kaputt kriegen. Für alle, die bislang nur mit dem Fuß wippen, fährt sie in der ersten halben Stunde eine Breitseite Coverversionen auf: Nirvanas "Smell Like Teen Spirit" ist dabei, ebenso Lou Reeds "Walk On The Wild Side". Reed ist kur zuvor gestorben. Palmer ehrt ihn nicht nur als Musiker, sondern als einen Mensch, "der den Freaks gesagt hat, es ist okay, Freak zu sein." Großer Jubel. Später wird eine Frau aus dem Publikum der Künstlerin ein Bier öffnen - mit den Zähnen.

Gerade als man ein wenig Angst bekommt, das Konzert werde eine riesige Karaoke-Show (Palmer covert auch den Neue Deutsche Welle-Song "Eisbär" von Grauzone sowie Nenas "99 Luftballons"), schaltet Palmer dankenswerterweise einen Gang runter. Und schickt ihre Band mal hinter die Bühne. Sie setzt sich allein hinter’s Klavier und schlägt leisere Töne an, mit "The Bed Song" etwa. Endlich kann man ihre Stimme auch mal richtig hören. Später wird sie ganz allein mit der Ukulele ein Hochlied auf eben jenes unscheinbare Instrument und die DIY-Kultur singen ("Play the Ukulele!") - zu diesem Zeitpunkt hat sie selbst die kritischen Zuhörer längst für sich gewonnen.

Den Song "Berlin" kündigt sie als "den Song über meine Zeit als Stripperin" an. Wenn sie sich verletzlich zeigt, kommt die ganze Stärke von Amanda Palmer zum Vorschein. Der unbändige Spaß an dem, was sie tut, ist ihr in jeder Sekunde anzumerken. Und das, obwohl sie laut eigener Aussage schon seit fast dreizehn Jahren ununterbrochen tourt und mit ihrem Ehemann noch nie in einem Haus zusammen gelebt hat. Dafür lässt sie sich lächelnd vom Publikum auf Händen tragen, umarmt verschwitzt ihre verschwitzte Band, lässt mit großen Augen große Luftballons steigen und wirft zum Schluss nach zwei Stunden überglücklich Kusshände in die Menge. Das Warten, es hat sich gelohnt.

 

 

 

Links:

>> Info/Konzerte Amanda Palmer bei POP FRONTAL

>> Video "Want It Back" bei youtube.com

>> Homepage Amanda Palmer

>> Amanda Palmer: Theatre Is Evil - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

 

 

Amanda Palmer

Amanda Palmer

 

Amanda Palmer: Theatre Is Evil

Amanda Palmer: Theatre Is Evil

(Cooking Vinyl / Indigo)

 

 

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