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Gesehen! Andy McKee / 11.04.2010, Hamburg, Fabrik
Präsentiert von POP FRONTAL
Alle lieben Andy
Text: Sandra Kriebitzsch
Er wirkt wie der nette Junge von
nebenan. Etwas untersetzt, nicht wahnsinnig gut aussehend, aber
sympathisch, lässig und charmant. Ein Schwiegermuttertraum. Er
kommt aus Kansas, aus einer Gegend, die – wie er selbst sagt –
so langweilig und flach ist, dass man seinem Hund zwei Wochen lang
hinterher gucken kann, wenn er wegläuft. Andy McKee spielt
fantastisch Gitarre und gilt als einer der derzeit Besten in der
Fingerstyle-Technik. Er ist via Internet berühmt geworden, seine
Videos wurden millionenfach bei Youtube und Co. aufgerufen. Ein Held
unserer Zeit eben.
Das letzte Mal hat Andy McKee in der
kleinen Hamburger Prinzenbar gespielt, die zum Bersten gefüllt
war. Diesmal sind sogar 700 Leute in die große Fabrik gekommen,
um dem jungen Maestro zu lauschen. Die Halle ist heute Abend bestuhlt
und bis auf den letzten Platz besetzt. Das Publikum ist so bunt
gemischt, wie man es auf Konzerten selten erlebt: Grünalternative
aller Altersklassen, nickelbebrillte langhaarige Musikspezialisten,
eine Handvoll Indie-Nerds, Eltern mit kleinen und großen
Kindern, prollige Mantafahrer - alle lieben Andy. Wenn er so
unglaublich virtuos und flink in die Saiten greift, ist es
mucksmäuschenstill. Ein telefonierender Handy-Besitzer erntet
sofort böse Blicke und Sprüche. Nach jedem Song ertönt
ein tosender, frenetischer Beifall. Die Leute hängen Andy an den
Lippen und lachen schallend über jedes noch so kleine Witzchen.
Jeden seiner instrumental gespielten
Songs kündigt Andy McKee an und erzählt lustige Anekdoten,
bevor er wieder eine seiner drei Akustikgitarren schultert, die
aufgereiht hinter ihm stehen und auf ihren Einsatz warten. Besonders
ins Auge fällt die wunderschöne Harp Guitar, eine Gitarre
mit verlängertem, über den Hals heraus ragenden Korpus mit
zusätzlichen, bundlosen, tiefen Saiten. Nur wenige spielen
dieses Instrument: der von Stephen Bennett gegründete Club „Harp
Guitar Gathering“ habe nur vier Mitglieder, erzählt McKee
schmunzelnd. Bis 1996 habe er selbst nur E-Gitarre gespielt und wie
seine Vorbilder (Dream Theater, Iron Maiden, u.a.) mächtig Krach
gemacht. Dann habe er den inzwischen verstorbenen Michael Hedges
entdeckt, einen der bekanntesten Harp Guitar-Spieler, und ist zur
Akustischen gewechselt. Michael Hedges widmet er den Song „The
Friend I Never Met“. Ein melancholischer Moment an einem
ansonsten sehr amüsanten Abend.
Denn in Andy McKee steckt ein kleiner
Schelm. Beim Toto-Coverstück "Africa" klopft er den
markanten Drumbeat, stoppt und sagt "That's all I got!". Lachen.
Natürlich spielt er noch das ganze Stück – deutet sogar kurz
das Keyboard-Solo an und grinst dabei frech ins Publikum. Einen Song
spielt er mit Plektrum, er sei ja
schließlich kein Fundamentalist. Und dieses eine Stück,
das er seiner Schwester immer vorgespielt hat und für das er
lange keinen Namen hatte, hat er schließlich „Heather’s
Song“ genannt – obwohl seine Schwester Tine heißt. Als er
endlich zum Ende des Abends hin den Youtube-Hit „Drifting“
spielt, bemerkt er süffisant, dass er damals die Leute wohl
getäuscht habe. Alle hätten wohl gedacht, das rhythmische
Schlagen auf den Korpus während des Gitarrenspiels sei seine
typische Spieltechnik. Dabei sei es nur einer von wenigen Songs, die
er auf diese Weise spiele. Dem Publikum ist das egal: der Jubel kennt
keine Grenzen.
Nach zwei kurzweiligen Sets aus alten (u.a. „Rylynn“, „Ebon Coast“,
„Into The Ocean“) und neuen Liedern (vom aktuellen Album „Joyland“ u.a.
„Joyland“, „Blue Liquid“, „Away“,
„Hunter‘s Moon“) und Coverversionen (neben Toto
auch noch Tears For Fears‘ „Everybody Wants To Rule The
World“) lässt er sich noch zu einer Zugabe zurück auf
die Bühne rufen: „Common Ground“ hat einen
mitreißenden Stampfrhythmus, der Teile des Publikums auch noch
zum Mitklatschen animiert. Ein Hauch von Musikantenstadl weht
plötzlich durch den Raum. Manche Leute sind eben einfach zu gut
gelaunt.