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Gesehen! Burg Herzberg Festival 2007 / Breitenbach bei Fulda, 19. - 22.07.2007

Lasst uns auf die Reise gehn ...

Text: Carlo Reßler      Live-Fotos: Sati (www.satipics.de)

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Der Regenbogen steht mythologisch für die verschiedenen Strömungen, Farben und Stämme der menschlichen Kultur. Auch eine Brücke zwischen Menschen und (Musik-)Göttern soll er sein. So ist also das diesjährige Motto "Over the Rainbow" für das größte Hippie-Festival in deutschen Landen bestens gewählt und gleichzeitig Programm für ein viertägiges buntes Multikulti-Happening am Fuße des osthessischen Herzbergs.

Uriah Heep

Uriah Heep

Wie fast in jedem Jahr seit 1991 verwandeln sich die gut gedüngten Pferdewiesen unterhalb der Burg Herzberg auch 2007 wieder in eine Oase voller Pils und Patschuli, Biowein und Falafel. Astrologische Notberatung, Kinderland, bunte Basare und Hundegeschnupper kommen dazu – und über allem liegt dieser betörende Duft besonderer Rauchkräuter. Love & Peace pur also für die von Jahr zu Jahr größer werdende Hippie-Kommune. Diesmal wohnen ca. 12.000 zeitgemäß gekleidete Besucher dem bunten Treiben bei. So viele wie nie zuvor.

Auch wenn etliche Besucher nur des einzigartigen Feelings wegen kommen und sich nie zu den beiden Konzertbühnen aufmachen, gibt es als "Rahmenprogramm" natürlich auch wieder erlesene Live-Acts. Weit über 30 Bands sorgen diesmal für ein rauschendes Fest. Ein Highlight am ersten Festivalabend ist dabei das Stockholmer Quintett Paatos mit seinem eigenwilligen Mix zwischen melancholischem Postrock, Folk und Jazzrock. Zur Geisterstunde spielen schließlich noch die Neo-Progrocker Quantum Fantay mit eingängigen Rhythmen zum psychedelisch-epischen Tanz auf.

Am Freitag sind Brezeln, Weißbier und gute Dialektkenntnisse angesagt. Zuerst servieren Weißwurscht is im Badehosenoutfit ihre ausgeflippt bunte Mischung aus Balkan-Punk und Polka-Reggae mit bayrischen Texten, um diese später vom Liedermacher Hans Söllner, der selbsternannten "Sau von Berchtesgarden", politisch verfeinern zu lassen.

 

 

Zur Festival-Primetime folgt der mit Spannung erwartete Gig der Free-Jazz-Progger Van der Graaf Generator mit ihren bisweilen schrägen Free-Jazz-Eruptionen. Leider fehlt dem Trio um Peter Hamill seit dem Weggang von David Jackson nun deutlich hörbar ihr früher typisches Saxophon-Soundelement.

Zeit für eine weitere einzigartige Prog-Legende: Pavlov’s Dog entern gegen Mitternacht die Hauptbühne. Und David Surkamp, ewig junger Leadsänger mit faszinierend hoher Falsettstimme, integriert Ehefrau Sara und Tochter Saylor genauso mit in seine Band wie zum Ende des Konzertes einen kleinen Kinderchor aus dem Publikum. Schöne tanzbare Rockperlen wie "Songdance" wechseln sich im Laufe des tollen Konzerts ab mit wunderschön traurigen Balladen, z.B. "Julia". In tiefer Nacht tun sich danach Man, diesmal nur als Trio mit Urgestein Martin Ace, ein wenig schwer, die Verbindung zu ihren Fans zu finden.

Am Samstag lehrt auf der Freakstage Peter Bursch, Deutschlands Gitarrenlehrer No. 1, jung und alt, wie man ohne Vorkenntnisse dem Waschbrett gehörfreundliche Klänge entlockt. Auf der Hauptbühne kredenzt Gitarrenhero Jeff Aug mit seiner Akustik-Formation Floating Stone (im Herbst u.a. live mit Anne Clark zu erleben) zur vorangegangenen Lehrstunde die passenden, atemberaubenden Live-Loopings.

Ausschließlich Deutsch wird am Nachmittag auf der Freakstage gesprochen. Politsongveteran Klaus der Geiger sorgt mit beißenden Spottliedern oft für Lacher, die im Halse stecken bleiben, worauf ein scheinbar etwas entrückter Bernd Witthüser (ja, der Althippie von Witthüser & Westrup!) mit "Komm lasst uns auf die Reise gehn...." oder dem skurrilen "Rat der Motten" längst vergessene Kiffergeschichten zu neuem Leben erweckt. Passend hierzu setzt sich Götz Widmann anschließend für eine "Zaubersteuer" und weitere dringend notwendige Reformen des deutschen Alltagslebens ein.

Am Abend heißt es dann leider auch beim Herzberg Festival, wie bei fast allen Open-Airs in diesem Festivalsommer, "Land unter" – Gewitter und stundenlanger Dauerregen verwandeln die Wiesen in eine einzige Schlammlandschaft. Was Jon Hiseman, Drummer von den großartig aufspielenden Colosseum zum lakonischen Statement "Raining weather = Colosseum weather" veranlasst.

Große "Easy livin"-Fan-Party anschließend vor der Bühne bei den Heavy-Veteranen Uriah Heep. Erstaunlich, dass die Band trotz ansprechender neuer Platten auf dem Festival ausschließlich Songs aus ihrer 70er-Hochzeit spielt. Während ihr Megahit "Gypsy" ziemlich blass daherkommt, ziehen sie in "Look At Yourself" und "July Morning" mit schier endlos treibenden Gitarrenduellen mächtig vom Leder und jeden Fan in ihren Bann, um ihren starken Gig schließlich mit dem unverwüstlichen Gassenhauer "Lady in Black" zu krönen.

Wegen des Dauerregens folgt nun eine längere Umbaupause, die viele Besucher für eine leibliche Stärkung nutzen. Mit großer Verspätung betreten schließlich die gefühlvollen polnischen Progrocker Riverside die Bühne. Von warmer Lightshow untermalt, spielen sie ein phänomenales, hartes und zugleich melodisches Set, welches keinerlei Wünsche offen lässt.

Während die meisten Besucher den Platz im strömenden Regen nun mit ihrem Schlafsack tauschen, bitten Rainer von Vielen und Orange um 3 Uhr früh zum mystischen Trancetanz bis zum Morgen. "Scheiß auf den Regen – wir machen Party" ist sein vielbejubeltes Credo zu Beginn einer fast zweistündigen dampfenden Schlammparty vor der Bühne.

Ein weiteres Unikat der Gattung "Was, die Band gibt’s noch?" zeigt am windig-sonnigen Sonntag seine beeindruckende Visitenkarte: die noch immer populäre Mittelalter-Folkrockband Ougenweide. Melodiös einfühlsam wie zu besten "Badehaus"-Zeiten vor 30 Jahren spielen sie sehr tanzbar humorvolle Weisen aus längst vergangenen Zeiten. Währenddessen reibt sich Rainer von Vielen auf der Freakstage den kurzen Schlaf aus den Augen, um mit dem Trio Kauz seinen zweiten Festivalauftritt innerhalb von 10 Stunden hinzulegen. Ihr Set ist ein stark bewegender Mix zwischen hinreißendem Kehlkopf-Sprechgesang und starkem Dance-Groove – Prädikat: "Zieht einem den Boden unter den Füßen weg".

Großes Gedränge dann auf der Hauptbühne, die dreizehnköpfigen 17 Hippies sorgen mit brandneuer CD "Heimlich" und ihrem tanzgerechten Best-Of aus älteren Worldmusic-Songs für einen groß gefeierten Auftritt. Im letzten Jahr extra für das Festival gegründet und wegen des immensen Erfolges wieder zum Höhepunkt des Sonntags erkoren, sorgen die Herzberg Blues Allstars 007, u.a. mit der Hamburg Blues Band und Barbara Thompson (sax), Martin Ace (bass), Clem Clempson (git) und Drum-Veteran Pete York für einen fast zweistündigen furiosen Bluesexzess mit umwerfenden Soli.

Als stimmungsvoller Abschluss des diesjährigen Kultfestivals folgt auf der kleinen Freakstage der Auftritt von Embryo, den ewig tourenden Worldmusic-Pionieren um Urgestein Christian Burchard. Diesmal in 10-köpfiger Besetzung auf engstem Raum spielen sie sich vom begeisterten Publikum angefeuert zwischen lang dahin fließenden orientalischen Improvisationen und wilden Gitarrenloopings in einen regelrechten Soundrausch hinein.

Fazit: Auch im Schlammchaos ist das Burg Herzberg Festival eine erfrischend andere, besondere Festivalperle und hat verdient, im persönlichen Open-Air-Planer für 2008 wieder vorgemerkt zu werden.

 

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Links:

>> Festivalinfo Burg Herzberg Festival (mit Künstlerinfos) bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2006 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2005 bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Colosseum @ Bonn (29.04.2007) bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Van der Graaf Generator @ Essen (05.04.2007) bei POP FRONTAL

>> Homepage Burg Herzberg Festival

>> Foto-DVD vom Burg Herzberg Festival 2007

 

 

Van der Graaf Generator

Van der Graaf Generator

 

 

Colosseum

Colosseum

 

 

Herzberg Allstars 007

Herzberg Allstars 007

 

 

Regenparty

Regenparty

 

 

Paatos

Paatos

 

 

Pavlos Dog

Pavlo's Dog

 

 

Klaus der Geiger

Klaus der Geiger

 

 

Ougenweide

Ougenweide

 

 

Embryo

Embryo

 

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