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Gesehen! Burg Herzberg Festival / 15.-18.07.2010, Breitenbach / Fulda

Wo nicht nur Kinder spielen wollen

Text: Carlo G. Reßler       Fotos: Sati (www.satipics.com)

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Ausnahmslos positiv einig sind sich die Wetterpropheten für die Region am Herzberg diesmal: "sonnig, warm mit kleinen Schauern", lautet die Prognose. Die Schauer kann man an vier Tagen bei gut 30 Grad locker verkraften. Da auch das Festival-Programmheft viele Bands zum Zunge schnalzen verspricht, ist der Andrang beim größten Hippie-Festival Europas am Fuße des idyllischen Herzbergs in Breitenbach bei Fulda an diesem heißen Wochenende besonders groß.

Hawkwind @ Burg Herzberg Festival

Hawkwind

Bereits am Donnerstag empfangen allerlei bunt geschmückte Verkaufsstände und der einladende Duft teils exotischer Essensbuden die vielen hereinströmenden Besucher im Zentrum von Freak City. Mit leckerer, würziger Hanfwurst gestärkt und von einem "Schwebende Wolke"-Cocktail berauscht, lässt sich dann die alljährliche musikalische Eröffnung durch die bunte Freak City Band entspannt genießen. Diesmal erfreut sie mit einer eher psychedelischen Gitarrenrocksession das Publikum. Mit Aqua de Annique, der neuen Band der niederländischen Ex-The Gathering-Sängerin Anneke van Giersbergen zieht danach softer Gitarrenpop, gemixt mit einer Prise Indie-Rock über die Wiese.

Als dann später die Sonne geht, kommen Nektar. Die altgedienten Progrocker überraschen am Herzberg mit fast komplett neuer Show. Zwar fehlt nun ihr Klassiker "Remember The Future" im Set, doch dafür gibt es jede Menge neues Songmaterial, das rockiger und härter erklingt. Kein Spagat, nein, Nektar scheinen ganz im neuen Jahrzehnt angekommen zu sein, ohne dabei ihre Wurzeln zu verlieren. Die Kultband um die Gründer Roye Albrighton und Ron Howden kommt bei ihren vielen alten und neuen Fans mit diesem Mix bestens an.

Zum Ausklang des musikalischen Abends auf der Main Stage gibt es ein echtes Leckerli. Das französische Sextett Lazuli bietet mit einer genialen Mixtur aus Worldmusic, Progrock, Folk und Elektro ein unglaubliches Musikgebräu, dem man hörig werden kann und das so recht in keine Genreschublade passen will: viel Perkussionssound, dazu exotische Instrumente wie Marimba und Vibraphon, untermalt von betörenden Gesängen.

Richtig heiß wird es am Freitag: während sich das Quecksilber am Mittag bei 33 Grad einpegelt, entern als Geheimtipp The Flying Eyes aus Baltimore die große Bühne. Ihr unverbrauchter Psychedelic-Bluesrock, unüberhörbar irgendwo zwischen den Doors, Iron Butterfly und Jefferson Airplane angesiedelt, entfaltet eine gewaltige Sogwirkung auf die tanzend Luftgitarre spielenden Fans auf der großen Wiese. Dieses junge Quartett von schätzungsweise Zwanzigjährigen spielt voller Hingabe einen unwiderstehlichen Sound, der mindestens doppelt so alt ist wie sie selbst. Da dürfte in Zukunft noch einiges Gutes auf uns zurollen.

Zeit für einen Ortswechsel hin zur Mental Stage, der kleinen feinen Bühne in der "Bar jeder Sinne" im weitläufigen Zeltgelände. Zwischen gepflegtem Pils und kulinarischen Köstlichkeiten gibt sich hier kein geringerer als Bernd Witthüser die Liedermachehre. Mit dicker Basstrommel auf dem Rücken, Gitarre in der Hand und Rasseln an den Füßen singt der Wanderbarde von heißen Nonnen, dem Rat der Motten sowie Reisen in den ewigen Sommer. Mit seinem italienischen Motorrad, neben der kleinen Bühne inmitten des riesigen Zeltareals abgestellt, sorgt der ehemalige Witthüser & Westrupp-Songrevoluzer für eine Menge Spaß. Und wer ihn privat auf dem Zeltplatz erlebt, merkt schnell: der Mensch ist tatsächlich so offen, humorvoll und eben ein wenig - anders!

Wer Lust hat, kann sich danach unter den exotischen Angeboten im bunten Hippie-Zeltdorf eine relaxte Energiemassage gönnen, danach mit einem Herzberg-Freakburger gestärkt bei der astrologischen Fachberatung einen Blick in die Zukunft werfen oder den Kater vom Vorabend mit energetisierenden Bachblüten verscheuchen. Sehr lohnend ist auf jeden Fall ein Besuch im schön gestalteten Kinderland. Getreu dem diesjährigen Festival-Motto "Let the children play" können die kleinen Hippiekids hier unter liebevoller Betreuung malen, einen Schminkkurs belegen, Kreativkarussells erkunden, Klangspiele erproben oder für den großen Kinderstelzenlauf am Sonntag üben. Auch jede Menge Erwachsene mischen hier mit viel Spaß beim Trommeln oder Schminken mit. Denn nicht nur Kinder wollen spielen. Oder um es mit Albert Einstein auszudrücken: "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit!"

Das sehen wohl auch die Worldmusic-Pioniere von Osibisa so. Denn bereits seit gut 35 Jahren erfreut das Oktett mit seinem fröhlichen Afrokaribiksound, gemixt mit Rock, Latin und Funk, ein breites Publikum. Auch am Herzberg wirbeln sie mit ihrem mitreißenden Trommelspiel bei den großen und kleinen Tanzkids vor der Bühne jede Menge Staub auf: denn Osibisa-Musik wirkt stets am besten in Bewegung. Das Abendmahl lässt sich dann bestens vor der Freak Stage genießen, wo das Berliner Songwriterduo Hasenscheiße mit seinem spitzen Humor den passenden Saisonkracher "Bernd am Grill" und andere eigenwillige Hasenköddel zum Schmunzeln präsentiert.

Zeit für DAS Festival-Highlight am Freitag: passend zur Abenddämmerung entert Captain Dave Brock, seit über 40 Jahren Commander des Spaceships Hawkwind, mit seiner Besatzung die große Bühne. Seit ihrem legendären Gig beim "Love & Peace"-Festival 2005 auf der Loreley ist die Band hierzulande erstmalig wieder auf der Bühne zu erleben. Beim exklusiven Gig am Herzberg stellen Hawkwind ihr brandneues Studioalbum "Blood on the Earth" vor. Mit neuer fantastischer Light-, Tanz- und Filmshow verzaubern sie tausende von ekstatisch flippenden Fans auf dem weitläufigen Areal vor der Bühne. Ein fulminantes Spacerockkonzert voll von Blubber-Zischlauten, langen Gitarrenriffs und betörendem Gesang, untermalt von Stroboskoplichteffekten, zwei ausdrucksstarken Tänzerinnen und kosmischen Filmen im Hintergrund. Mit gut zwei Stunden Dauer ist dieser starke, kurzweilige Hawkwind-Raumflug zugleich auch der längste Auftritt dieses Festivals.

In tiefer, sternenklarer Nacht überzeugt die kalifornische Retroprog-Band Astra die Fans umgehend davon, dass es sich durchaus lohnt, die Augen noch offen zu halten. Lange kunstvolle Artrockarrangements, sphärische Gitarrensoli, harte und melodische Soundeinlagen und eine rötlich schimmernde Lightshow sind ihr Markenzeichen und lassen Erinnerungen an die frühen 70er zwischen Genesis und Pink Floyd wieder aufleben.

Bereits seit einigen Jahren gelten The Brew als Geheimtipp. Wo immer sie auch auftreten, räumen die Briten mächtig ab. Postmoderner Bluesrock mit starken Einflüssen ihrer großen Vorbilder Jimi Hendrix und Led Zeppelin kennzeichnet dieses Trio. Nach erfolgreicher Clubtour im Frühjahr geben sie nun in der Mittagshitze des Samstags ein starkes Debüt unterm Herzberg. Am frühen Abend will es dann auch "Old-Chappo" Roger Chapman nochmal wissen, bevor er sich nach der laufenden Tour endgültig in Rente begibt. Dazu serviert er voller Energie mit bestens eingespielter Band seine bekannte Hitpalette, natürlich inklusive dem Ohrwurm "Shadows On The Wall", ohne jedoch musikalisch wirklich Neues zu bieten.

Zur besten Samstags-Primetime als besonderes Festival-Highlight zieht anschließend Gitarrenlegende Jeff Beck mit seiner Band die Fans und Fotografen vor der großen Bühne an wie ein Magnet. Sehr relaxt und bestens gelaunt präsentiert der Altmaestro und Grammy-Gewinner, dessen goldverziertes Outfit ein wenig an einen Torero bei der Arbeit erinnert, über neunzig Minuten ein effektvolles Bluesrock-Programm mit gewaltigem Soundpegel. Eröffnet wird das Set des britischen Gitarrenhexers mit dem alten Billy Cobham-Kracher "Stratus". Gefühlvolle melodische Arrangements gehen mit effektvollen Verfremdungen in ellenlange Soli über und verschmelzen zu einem expressionistischen Gesamtkunstwerk, dem Becks Tourband ein solides Fundament legt. Besonders auffällig am Doublebass-Schlagzeug Narada Michael Walden, der sein riesiges Drumset mit solcher Inbrunst beackert, als ginge es um sein Leben. Ihm zur Seite steht die einstige Prince-Bassfrau Rhonda Smith, die mit ihren dunklen Tönen und einigen Gesangsparts den manchmal unendlich ausufernden Gitarreneskapaden von Mr. Beck die nötige Erdung gibt. Sehr beeindruckend auch die Becksche Interpretation der Arie "Nessun Dorma". Das großartige Konzert des Meisters goutieren die Fans am Ende mit minutenlangem Applaus.

Wie sonst selten spaltet die nachfolgende Band viele Konzertbesucher auf dem Festival in zwei Gruppen. Die meisten Fans, die Gitarrero Jeff Beck soeben noch verzückt gelauscht haben, verlassen schnell das Areal, denn mit den britischen Folk-Punk-Rockern New Model Army kündigen sich arg harte Klänge an. Dies wiederum reizt etliche neue Fans, von außen auf die Wiese zu kommen. Bereits seit ihrer Gründung im Jahr 1980 versteht es die Band mit ihren politischen Aussagen zu polarisieren. Eine große und treue Fanbase der Independent-Band gibt sich am späten Abend vor der Bühne den politisch-poetischen Lyrics von Frontmann Justin Sullivan hin und feiert dazu frenetisch tanzend die deftig-düsteren Soundgewitter. Vielen Hippies ist das scheinbar zu heftig, so wechseln sie lieber zur Freak Stage, wo sich bereits zahlreiche "Deadheads" von Cosmic Finger, Hamburgs hervorragender Grateful Dead-Tributeband, elektrisieren lassen.

An Schlaf ist auch danach nicht zu denken. Markante Beats und abgrundtief treibende Bässe ziehen in tiefster Nacht von den fünf Allgäuer Goatrance-Musikern Orange mit Sänger Rainer von Vielen über das Gelände und landen meist direkt im Bauch. Angetrieben von betörendem Sprechgesang, deftigen Didgeridooklängen, ekstatischen Bongotrommeln und vielerlei Perkussionseinlagen vertreibt die Band sofort jeden Anflug von Müdigkeit aus den sich in Trance tanzenden Leibern. Der "Orange Groove" wirkt wie ein guter, starker Espresso in der Nacht, für den es sich allemal lohnt, den Schlafsack noch warten zu lassen.

Passend zu einem leckeren Pakora-Frühstück am Sonntagmittag spielt die Amsterdam Klezmer Band zum beschwingten Tanz auf. Mit ihrer rauen und zugleich fröhlichen Art, diese Musikrichtung einem großen Publikum zu präsentieren, kommen die Holländer ganz groß an, so locker und spaßig hat man den eigenwilligen Klezmersound selten gehört. Viel Spaß gibt es danach auch beim alljährlichen Fußballturnier der großen und kleinen Herzberg-Kicker auf einem hierfür abgesteckten Wiesenareal. Dazu kann noch die lang geprobte große Stelzenlaufparade der zahlreichen fröhlichen Kids bestaunt werden.

Stilistisch zwischen Blues, Songwriter-Folk und frühen Led Zeppelin-Einflüssen angesiedelt, präsentiert sich am Abend mit Asaf Avidan & The Mojos ein junges israelisches Quintett auf der Hauptbühne. Recht unspektakulär möchte man meinen, doch sofort ins Ohr geht dem geneigten Hörer die äußerst intensive und leidenschaftliche Stimme des Sängers und Gitarristen Asaf Avidan. Kratzig-verraucht, mal leise wispernd, mal flehend, dann schrill in höchsten Tonlagen erinnert sie sehr an Janis Joplin und verleiht dem Sound der Band zugleich etwas Einzigartiges und Unverkennbares.

Wer von den ca. 12.000 Festivalbesuchern bis zum Ende durchhält, bekommt zum Abschluss noch mal etwas ganz Spezielles serviert. Mit dem Quintett LaBrassBranda fegt deftiger bayrischer "Alpen Jazz Techno" mit Bläsereinsätzen über die Bühne. Der Mix zwischen Balkan Beats mit afrikanisch-karibischen Rhythmen und bayrischem Gesang mündet in globaler Roots-Funkmusik für fast jede Stimmungslage und fährt den Leuten vor der Bühne direkt in Ohren und Beine. Danach jedoch heißt es für die meisten Hippies schon wieder wehmütig Abschied nehmen. Abschied von der urigen Freak City mit ihren unzähligen bunten, skurrilen Bewohnern und den vielfältigsten Musikklängen.

 

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Links:

>> Festivalinfo Burg Herzberg Festival bei POP FRONTAL

>> Homepage Burg Herzberg Festival

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2009 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2008 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2007 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2006 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2005 bei POP FRONTAL

 

Jeff Beck @ Burg Herzberg Festival

Jeff Beck

 

Bernd Witthüser @ Burg Herzberg Festival

Bernd Witthüser

 

New Model Army @ Burg Herzberg Festival

New Model Army

 

Osibisa @ Burg Herzberg Festival

Osibisa

 

Aqua de Annique @ Burg Herzberg Festival

Aqua de Annique

 

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