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Gesehen! Burg Herzberg Festival / 14. - 17.07.2011, Breitenbach, Hof Huhnstedt

Love, Peace and Revolution

Text: Carlo Reßler      Live-Fotos: Sati (www.satipics.de)

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Das Festivalmotto auf der prall gefüllten Pferdekoppel unterhalb der alten Burg Herzberg lautet in diesem Jahr "Revolution" und steht für den gelungenen Mix aus Love & Peace, individueller Entfaltung und mitreißender Musik. Für den passenden Sound an vier Festivaltagen sorgen auf mehreren Bühnen über vierzig Bands wie Motorpsycho, Orange, Marillion, Magma oder Eloy. Doch zu Europas größtem Hippieevent kommt kaum jemand nur wegen der Musik, denn das gemeinsame Drumherum-Erlebnis gehört hier mit zum Hauptprogramm.

Femi Kuti & Positive Force

Femi Kuti & Positive Force

Zelte, Bauwagen, Wohnmobile und Verkaufsstände, soweit das Auge reicht: ein imposanter Anblick, diese "Freak City", die alljährlich für eine Woche dort entsteht, wo sich sonst Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Ungefähr 12.000 Alt- und Junghippies oder solche, die sich dafür halten, reisen mal wieder mit Sack und Pack aus halb Europa an, denn das Burg Herzberg Festival ist für viele einfach DAS Kult-Sommerevent schlechthin. Neben vielen skurrilen Gestalten und leckeren Speisen aus aller Welt gibt es viele weitere Angebote für’s Rundum-Sorglos-Feeling: z.B. den astrologischen Notdienst, einen Batikkurs für’s bunte Festivaloutfit, das fernsehfreie "Kinderland" für die ganz kleinen Hippies mit Jonglieren und Stelzenlaufen sowie erstmalig ein Kreativ-Lesezelt.

Nach dem traditionellen Opening durch die Herzberg Freak City Band bekennt auf der Hauptbühne Liedermacher Stoppok trotz seiner schönen Liedzeile "wohin die Wolken ziehn, woher der Wind weht", dass er kein Wetterprophet sei. Das hat man fast "A’schklar" vermutet. Seine intelligenten Bluessongs sorgen immerhin für eine wunderbar warme Stimmung an diesem kühlen Sommerabend. Dass in Norwegen nicht nur schöne Fjorde zu finden sind, sondern auch geniale Rockmusiker, beweist das Trio Motorpsycho seit gut zwanzig Jahren. Mit epischen Rockballaden und sattem Bass geben sie den Fans vor der Bühne die volle Breitseite. Im musikalischen Fokus steht dabei das letzte Studioepos "Heavy Metal Fruit", doch auch Ausflüge in Prog- und Jazzgefilde sind inbegriffen. Bei ihrem zweiten Herzbergauftritt nach 2008 läuft die Band an diesem Abend zur Höchstform auf. Sind Crippled Black Phoenix auf Platte schon ein wahrer Ohrenschmaus, toppen die sieben Briten das Ganze live in höchste Dimensionen. Dieser Stilmix aus Ambient, Postrock, Country und Psychedelic zieht die Leute in dieser klaren Vollmondnacht geradezu magisch in seinen Bann: sanft dahin fließende Pianoläufe wie in "In A Lifetime" wechseln mit gefeierten Gitarrenballaden à la "Burnt Reynolds".

Am zweiten Festivaltag zeigt Station 17, einst als Musikerprojekt von Behinderten und Nichtbehinderten in Hamburg gegründet, auf der großen Bühne wie eine über weite Strecken improvisierte Mixtur aus Computersamples und live gespielten Instrumenten zu einer Vielzahl von Klangfarben und wunderbar tanzbarer Livemusik zusammenwachsen kann. Zur Abendprimetime glaubt man für einen Moment, die Wiedergeburt von Janis Joplin mitzuerleben. Doch nein, es ist der junge Israeli Asaf Avidan, der mit einem breiten Stimmspektrum gesegnet ist und mit seiner Band The Mojos zum Folk-Blues-Rocktanz aufspielt. Frühe Led Zeppelin-Einflüsse wie beim schön auf der zwölfsaitigen Akustikgitarre mit Cellountermalung gespielten Rocksong "Got It Right" wechseln sich ab mit leidenschaftlichen dunklen Janis-Bluesfragmenten.

Ein flinker Sprint zur Freak Stage ist dann angesagt, wo Ex-Guru Guru-Bassist Ax Genrich, diesmal komplett in weiß und mit passendem Rauschebart gekleidet, verzückt sein Waschbrett quält. Feinster Psychedelic-Guitargroove allerhöchster Güteklasse als völlig legal erhältliche Droge im Abendsonnenlicht. Die Dröhnung wird verstärkt durch Turbodrummer Steff Bollack und Bassist Mario Fadani. Bester Stoff für die vielen angefixten Fans vor der kleinen Bühne, die ausflippen und viele Zugaben fordern.

Seit gut vierzig Jahren sieht sich Drummer Christian Vander mit seiner Band Magma als Sprachrohr des Volkes der Kobaianer. Für die Verkündung der Zerstörung unseres Planeten hat er seinerzeit extra eine eigene Kunstsprache entwickelt: Kobaianisch. Da die Erde jedoch noch immer nicht restlos zerstört ist, bringt Magma mit Schwerpunkt auf dem letzten Studio-Album "Ëmëhntëhtt-Ré" auch unter’m Herzberg die Botschaften weiter unter’s Volk. Auf höchstem musikalischem Niveau präsentieren Magma ihre Mischung aus frühem Progrock, Klassik, Weltmusik und Free Jazz, inklusive vertrackter Rhythmik, mehrstimmigem Chorgesang und Bläsern. Für Magma-Fans ein schmackhaftes Festmahl, die meisten anderen gehen lieber woanders essen. Anschließend dreht das Düsseldorfer Quartett Vibravoid die Uhren back to the 70s - und die Verstärker dabei mächtig auf. Ausladende Spacerock-Orgien, die stark nach Hawkwind und Pink Floyd klingen, werden stilvoll von bunten Stratoskop-Effekten untermalt.

Am sonnigen, warmen Samstag spielt durch den leider krankheitsbedingten Ausfall des Organisten Eddie Hardin auf der Hauptbühne eine Combo, die es vorher nie gab. Drummer Pete York hatte nur wenige Tage Zeit, eine Alternative zum Ausfall seiner "kleinsten Bigband der Welt" zu organisieren. Zur großen Überraschung und Freude vieler Besucher zieht er dann zwei echte Joker. Woodstock-Legende Miller Anderson begleitet ihn an der Gitarre, und kein Geringerer als der 2008 zum "Klavierspieler des Jahres" ausgezeichnete Helge Schneider hilft an der Orgel aus. Gänzlich ohne Vorbereitung auf diesen Gig spielen sie melodische Jazzrock-Improvisationen im Mix mit bewährten Mitsing-Krachern wie "House Of The Rising Sun". Femi Kuti & the Positive Force erhebt im Anschluss auf der großen Bühne Anklage gegen die Missstände in seiner Heimat Nigeria, wo Demokratie noch immer ein Fremdwort ist. Funkig, jazzig, polyrhythmisch und mit einer Prise Dancehall gut durchmischt, ist diese kraftvolle Afrobeatparty eine eindringliche Botschaft, die Hirn, Augen, Hüften und Beine gleichermaßen bewegt.

Wegen einer akuten, schweren Lungeninfektion musste Southern Rock-Legende Gregg Allman seine Deutschlandtour leider bereits vor dem mit Spannung erwarteten Auftritt beim Herzberg Festival abbrechen (>> POP FRONTAL berichtete vom Konzert in Bonn am 11.7.). Für diesen schmerzhaften Ausfall haben die Festivalmacher in einer Nacht- und Nebelaktion den Bluesveteran Walter Trout, soeben von einer Europatour in seine Heimat zurückgekehrt, extra aus den USA wieder einfliegen lassen. Mit feinstem Blues und erdigem Rock quält er hart und kraftvoll die Saiten, mal jaulend und wimmernd, mal rotzig und deftig, begleitet von seiner verrauchten Bluesstimme.

Ganz anders die britischen Progrocker Marillion, die zum ersten Mal ihre Visitenkarte unter’m Herzberg abgeben. Mit ihren ausufernden, auf Dauer ermüdend wirkenden Soundlandschaften, vom charismatischen Frontmann und perfekten Selbstdarsteller Steve Hogarth eindrucksvoll in Szene gesetzt, sorgt Marillion bei vielen Besuchern für lautstarkes Gähnen - und einen schnellen Wechsel zur Freak Stage. Dort präsentiert Der tiefe Raum ein Gebilde aus sphärisch dahinschwebenden Klängen. Getragen von melodischen Klavierläufen, Gitarren und Samplingeffekten sowie poesievollen deutschen Texten, zieht diese ruhige, zeitlose Musik die Hörer in ihren Bann.

Zur Nachtzeit folgt ein bekanntes Ritual von Freak City: tausende jüngere Fans strömen mit nacktem Oberkörper, Jesuslatschen oder baren Fußes auf die Wiese vor der großen Bühne, wo die fünf Bayern von Orange, wie schon in den Vorjahren, mit ihrer ekstatischen Goa-Performence groß aufspielen. Monoton treibende Basslines, Trommelsoli und entrückte Didgeridooklänge mit dem treibenden Gesang von Frontmann Rainer von Vielen führen im später strömenden Regen zu einer wahren Tanzschlammschlacht bis in den frühen Morgen.

Am Mittag des letzten Festivaltages kann gleich weiter getanzt werden, denn die Violons Barbares entern die Bühne. Das Trio mit dem Mongolen Epi Enkh Jargal, dem Bulgaren Dimitar Gougov und dem französischen Perkussionisten Gabien Guyot beweist eindrucksvoll, dass traditionelle Instrumente wie die mongolische Pferdekopfgeige oder die 14-saitige bulgarische Gadulka auch im Rahmen von Jazz und Rock gut funktionieren. Jargals kehliger Obertongesang ist hier noch das i-Tüpfelchen.

Zwei Liedermacher unterschiedlichster Couleur präsentieren sich am Nachmittag. Zunächst beweist der etwas schrullige Althippie Bernd Witthüser in bester Laune auf der Freak Stage mit Schrammelbrett und Sprechgesang, dass "Der Rat der Motten" noch immer unter der alten Eibe am Wegesrand tagt. Seinen unnachahmlichen "Trips & Träumen" zu lauschen, macht einfach stets auf’s Neue Spaß. Später zelebriert Songpoet Götz Widmann wieder tiefe Einblicke in die deutsche Alltagskultur. Egal ob er "Politiker beim Ficken" beschreibt oder "Eduard den Haschischhund" bei der Arbeit begleitet - seine Texte haben Tiefsinn und ihren ganz eigenen, skurrilen Humor.

Ein Wunsch vieler Prog-Rockfans wird als krönender Abschluss des diesjährigen Festivals wahr: die deutschen Artrockkönige Eloy kehren nach langen Jahren der Abstinenz zurück auf die Bühne. Wie bereits eine Woche zuvor auf dem Night Of The Prog-Progfestival auf der Loreley (>> POP FRONTAL berichtete) entführen sie die Fans auf eine fast zweistündige Reise durch ihre 40-jährige Schaffensgeschichte. Als Sextett mit drei Gitarristen, zwei Keyboardern und einem Drummer und um zwei Backgroundsängerinnen verstärkt, spielen sie ein buntes Kaleidoskop ihrer Erfolgsalben: mit Songs wie "Thoughts" vom neuen "Visionary"-Album, dem monumentalen "Poseidon’s Creation" vom Megaceller "Ocean" oder der ruhigen Sehnsuchtsballade "The Bells of Notre Dame" als Zugabe wirken Eloy, als wären sie nie weg gewesen. Die manchmal etwas nervige Sprechgesangstimme von Leader Frank Bornemann erzählt vom Volk der Eloi, eingebettet in epische Keyboard- und Gitarrenmelodien. Was bleibt ist die Hoffnung, dass den beiden Sommergigs noch eine Hallentour folgen wird.

So endet das diesjährige Burg Herzberg Festival fast ein wenig melancholisch, heißt es doch nun wieder, ein Jahr Abschied zu nehmen. Abschied von diesem etwas anderen Event, das viele der großen Kommerz-Festivals in puncto Preisgestaltung, Herzlichkeit, Kreativität und freudvollem Miteinander ganz schön alt aussehen lässt.

 

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Links:

>> Festival-Info Burg Herzberg Festival 2011 (mit Bandinfos) bei POP FRONTAL

>> Live-Tipp (16.06.11): Burg Herzberg Festival 2011 - Revolution auf der Wiese

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2010 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2009 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2008 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2007 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2006 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Burg Herzberg Festival 2005 bei POP FRONTAL

>> Video "900 Seconds Herzberg Festival 2011" bei youtube.com

>> Homepage Burg Herzberg Festival

 

 

Motorpsycho

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Pete York

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Helge Schneider

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Eloy

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