An diesem Montagabend in der großen Hamburger Fabrik ist es unerwartet leer. Zwar nicht so gähnend leer, wie Daniel Johnston
im Laufe des Abends mehrfach mit kritischem Blick in die Menge mutmaßen wird ("Only ten people here?"). Aber es
sind eben doch deutlich weniger Leute als vor anderthalb Jahren im Hamburger Uebel&Gefährlich. Dabei hatte sich die
texanische Lofi-Legende diesmal eine deutlich interessantere Begleitband auserkoren - und mit ihr im Vorfeld sogar
eine neue Platte aufgenommen: dem holländischen BEAM Orchestra gelingt es, Johnston-Songs einen ganz neuen,
lässigen Anstrich zu verpassen. Und so sahen wir gegen Mitte des Sets Daniel Johnston mit sinatraesker Geste
vom "desperate man in a desperate world" singen, begleitet von Pauken, Trompeten und all dem anderen
Instrumentarium, das bei einer zünftigen Jazzband dazu gehört.
Aber bevor in die Vollen gegangen wird, eröffnet Daniel Johnston alleine den Abend mit vier Songs: "I Hate Myself", "There Is A Sense Of Humor Way Beyond Friendship", "Mask", "Freedom". Da steht er zitternd und singt, begleitet nur von seiner kleinen kopflosen Gitarre, seine eindringlichen Lieder. Inzwischen ist er 49, ziemlich dick, grauhaarig und trägt immer noch Jogginghose und ein schluffiges T-Shirt. Neben ihm, auf einem Tisch aufgereiht, einige Wasserflaschen. Und jeder weiß, was BEAM-Saxofonist Andreas Van Zoelen im Tour-Promo-Video meinte: "That's what I love about his music, it's just pure".
Wobei man natürlich die Authentizitätsfalle vermeiden sollte. Denn was ist an einem manisch-depressiven Kauz aus Texas, der Lofi-Pop-Perlen am laufenden Band zu produzieren weiß, aber beim Betreten der Bühne auf den Boden geklebte weiße Pfeile braucht, um sich nicht in den vielen Kabeln und Instrumenten zu verlaufen, "echter" als an anderen Songwritern? Letztlich zählt ja nur, ob einen seine Songs berühren oder nicht. Und die, die vor anderthalb Jahren womöglich mehr aus voyeuristischem Interesse zum Konzert gekommen waren, sind diesmal wohl zu Hause geblieben. Aber vielleicht war auch einfach nur das parallel laufende Aufstiegsspiel von St. Pauli gegen Augsburg schuld.
Dabei haben sie einiges verpasst. Denn das BEAM Orchestra schafft es, Johnston zum Fliegen zu bringen. Unaufdringlich, aber bestimmt untermalen die Damen und Herren seine Lieder mit jazzigen, elegant und punktgenau platzierten Melodien. Da machen selbst düstere Songs wie "Devil Town" oder "Syrup Of Tears" richtig gute Laune. Als Johnston dann von einem recht makabren Traum erzählt, bleibt uns das Lachen im Halse stecken. Er habe geträumt, er sei wegen missglücktem Selbstmord zum Tode verurteilt worden. Aber als es zur Hinrichtung ging, habe er plötzlich "No, no, no!" geschrien. Noch Fragen zu Daniel Johnston? Munter geht es trotzdem weiter. Und am Ende trifft er uns noch einmal ganz tief ins Herz, als er als Zugabe, nur von wenigen Bläsern und Gitarre begleitet, das wunderbare "True Love Will Find You In The End" singt. Dem ist nichts hinzuzufügen.