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Gesehen! MS Dockville Festival / 12. - 14.08.2011, Hamburg, Reihersteig Hauptdeich
"Much too much too much"
Text: Michael Kellenbenz / Helen Schepers Fotos: Stefan Malzkorn
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Um das mal eben im Vorwege abzuhaken: Es hat geregnet, ja. Sogar ziemlich, sogar lange, sogar immer wieder. Danach Bodenverhältnisse, die auf einem tumben Kreisklassen-Kick den Ball nicht ernsthaft hätten rollen lassen. Nicht der DFB-behördlichen Regularien wegen, sondern weil die Kugel im streckenweise gummistiefelpflichtigen Schlamm schlicht nicht weit gekommen wäre. Gespielt wurde beim MS Dockville Festival in den Hamburger "Elbauen" zu Wilhelmsburg trotzdem. Und wie. Es war ja auch sehr viel mehr als neunzig Minuten Zeit.
Santigold
Dass nicht alles rund laufen konnte, skizzierte schon eingangs die Tatsache, dass es zum Festivalauftakt am Freitagnachmittag ausgerechnet im sogenannten "Maschinenraum" stotterte. Im und vor dem Zelt, das die drittgrößte Bühne beherbergte und mit allerlei wuchtigem Fabrik-Interieur ausgestattet war, herrschte Flut. Nichts Ungewöhnliches an der Elbe. Nur eben zur falschen Zeit am falschen Ort. In der Kommunikation auf dem Platz ging leider zudem unter, welche der Bands wohl wohin verlegt werden würde oder eben auch nicht. Wem derweil die schwülstigen
Editors, Egotronic, der todesmelodische Andreas Dorau oder Balthazar nicht ohnehin schon phasenweise Geduld abverlangten, hatte das Wasser zwischenzeitlich buchstäblich bis zum Hals stehen.
Die unübersichtliche Einlass-Situation mit langen Wartezeiten im tiefen Boden und regelrechten Engpässen bremste den Festivalstart zunächst nicht weniger aus.
Teilweise in Mitleidenschaft gezogen wurde auch das MS Dockville-Kunstcamp und seine nicht eben wenigen, wochenlang vorproduzierten Installationen. In den Boden gerammte
Riesen-Zuckerwatte oder minimalistische Ein-Mann-Demonstrationen, Gentrifizierung oder einfach vollkommen abstruses Trallala - alles an seinem zugedachten Ort
für individuellen Raum und mitgebrachte Zeit. Unfreiwillig Leidtragende u.a. aber auch Kollektiv Turmstraße und Hundreds,
die durch die Verlegung ihre Lautstärke wegen ungeplant später Stunde deutlich drosseln mussten.
Als dann am ausnahmslos sonnigen Samstag bereits nachmittags die perfekt gelaunten Golden Kanine eröffneten, konnte eigentlich alles nur besser werden.
Den Goldenen Preis von Wilhelmsburg in der Kategorie "Treppenwitz" gewannen an diesem Wochenende allerdings ausgerechnet Kellermensch, die
norwegischen Vertreter dunkler Erdreiche, deren Auftritt nicht nur ein Augenmerk auf jedes exaltierte Bandmitglied lenkte, sondern einfach mit aller Wu(ch)t gegen die
Sonne arbeitete. Kraftlos eher dagegen die immer noch "neuen" Blackmail, eine Freude dafür, Beat!Beat!Beat! beim Erwachsenwerden
zuzusehen. Auch war es toll, Kakkmaddafakka jede Minute vor der entfesselten Menge zu gönnen, Casper das IndieHop-Publikum spürbar bis in die
letzte Reihe spalten zu sehen, Die Goldenen Zitronen endlich wieder in der Heimat vortragen zu hören, mit Bodi Bill den (mittlerweile
geöffneten) Maschinenraum feingeistig-sinnlich implodieren zu lassen, sich über die Crystal Castles und ihren maximal lauten E-Trash
zu wundern, mit Moddi in anderen Welten zu versinken oder Santigold-Styler zu sein - nur einer von vielen möglichen
roten Festival-Fäden auf weiterhin schwerem Geläuf.
Und der Sonntag? Wer noch in die zwischenzeitlich getrockneten Schuhe passte, dem wurde mit Kante, Trail of Dead, Noah and the
Whale, Kele und The Dashwoods ein blitzsauberer Festivalabgang verpasst. "Natürlich" wieder einmal unter
Dauerregen, natürlich noch einmal mit viel Geduld und einem überlebensgroßen "Egal" auf der überflüssigen (!) Sonnenbrille. Mit
noch mehr Liebe zum buchstäblichen Umwege gehen und eigene Pfade finden in den neu erstandenen Gummistiefeln - und mit Zigtausend anderen, undefinierbaren
Eindrücken. Und einem schlussendlich guten Gefühl, auch (oder gerade weil) zeitweise noch ein Abpfiff in letzter Minute vor dem Geschehen zur Diskussion stand, aber der Trotz an diesem Wochenende
über "Deine Mudda Natur" siegte.