Startseite POP FRONTAL

Getroffen! Finn aka Patrick Zimmer (August 2005)

"Wieso sollte ich mich für Emotionen schämen?"

Interview: Simone Deckner

 

Finn alias Patrick Zimmer hat auf seinem zweiten Album tanzen gelernt. Auf der ersten Single "Electrify" drängt ein New Order-Beat alle Vergleiche mit Radiohead in den Hintergrund. Dennoch hat der 28-Jährige sich nicht gänzlich von seinem filigranen Pop verabschiedet - nur die Zeiten des völligen Versinkens in sphärischen Klängen sind gezählt. "Schließlich fühle ich mich nicht jeden Tag melancholisch", sagt Finn im Interview, das POP FRONTAL anlässlich der Veröffentlichung von "The Ayes Will Have It" mit ihm geführt hat.

Finn

 

Das neue Finn-Album "The Ayes Will Have It" ist tanzbarer und lauter geworden. Warst Du der Melancholie überdrüssig?

Finn: Ich hätte es total langweilig gefunden, jetzt noch mal Songs zu schreiben und sie in das gleiche ruhige Gewand zu pressen. Schließlich bin ich ja nicht nur melancholisch, ich will mich auch ausleben – gerade live. Das ist ja auch immer so ein Erwartungsding: Tocotronic wird bis heute noch vorgeworfen, dass sie leider nicht mehr so klingen wie auf ihren ersten beiden Alben. Das kann nicht der Ansatz sein. Ich finde den Ansatz zwischen Melancholie und Rhythmik nach vorne viel spannender. Die erste Platte hat mich live auch zum Teil selber schon fast erdrückt.

 

Hast Du das Album wieder bei Dir zu Hause im Hamburger Schanzenviertel aufgenommen?

Finn: Ja, ich mag die sterilen Räume in Studios nicht, ich brauche diese persönliche Umgebung, in der die Musik entstanden ist, auch bei der Aufnahme. Bis auf professionell geschulte Ohren könnte das keiner unterscheiden, ob das eine Proberaum-Wohnungsaufnahme ist oder nicht.

 

Du singst auf einigen Stücken tiefer als gewohnt, deine Kopfstimme ist aber nach wie vor präsent. In den Texten zeigst Du weiter deine verletzlichen Seiten. Viele kritisieren Dich deshalb als weinerlichen Typen...

Finn: Mir ist schon bewusst, dass ich ein sehr untypischer Mann bin (lacht). Ich habe auch so gut wie keine männlichen Freunde, fast nur Freundinnen. Ich bin einfach ein sehr intuitiver Typ. Das ist bei mir auch der Knackpunkt, weshalb ich keine Scheu habe, meine "weichen" Seiten zu zeigen. Wieso sollte ich mich auch für Emotionen schämen? Das kickt mich und Punkt.

 

War das schon immer so?

Finn: Nein, der Wendepunkt war mit 17 Jahren, als ich zum Austausch nach Lausanne gegangen bin. Vorher hatte ich mit kreativem Schaffen nichts am Hut. Ich war Hip-Hop-Skater. Das einzige, was ich gemacht habe, war acht Stunden am Tag Skateboardfahren. In Lausanne war ich dann auf einmal mit ganz anderen Leuten zusammen. Da haben alle Comics gezeichnet, in Bands gespielt, Gedichte geschrieben - das hat mich stark beeinflusst.

 

Der Album-Titel bedeutet übersetzt "Die Mehrheit wird dafür sein". Worauf bezieht sich das?

Finn: Auf einen Artikel eines Kunstkritikers in einem englischen Herrenmagazin. Sein Fazit war: "Das ist nicht gut, aber die Mehrheit wird's wieder geil finden." Das ist ja so mit dem Mehrheitsprinzip. Wenn 60 % sagen: "Ich finde das geil", stehen 40 % im Regen. Ich selbst fühle mich auch oft nicht passend. Ich schalte z.B. den Fernseher an und kriege einen Koller. Warum kriege ich einen Koller und Millionen Menschen nicht? Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch glücklich ist. Nicht viele Leute haben den Mut, wirklich ihren Weg zu gehen. Ich kann mir neben der Musik aber auch noch andere Sachen vorstellen...

 

Nämlich?

Finn: Ich werde demnächst etwas anfangen, was ich schon ewig machen will: eine Herrenschneiderlehre. Natürlich ist das von einem brotlosen Job in den nächsten, aber mich reizen einfach nur brotlose Jobs. Irgendwie ist mir das Glücklichsein wichtiger.

 

Dass du dich für Mode interessierst, sieht man auch auf deiner Website, auf der zu Modelabels verlinkst ...

Finn: Ich war schon immer ein Gockel (lacht).

 

Wie auf dem ersten Album, den EPs und deinen Videos ist auch das Artwork wieder gleich geblieben: Der gezeichnete Finn...

Finn: Obwohl es extrem viele Gegenstimmen gab deswegen. Meine Freunde meinten: "Nicht schon wieder." Das wäre langweilig. Aber ich habe mir von Anfang an gesagt, ich mag diesen Kopf so gern, dass ich eine Serie sehen will. Ich will irgendwann mal vor sieben, acht Platten stehen und mir sagen: "Das sind sie".

 

Weißt Du, ob die Käufer deiner Platten mehrheitlich Frauen sind?

Finn: Nein, würde ich so nicht sagen.

 

Aber 14-jährige Mädchen fahren schon auf Dich ab?

Finn: Hhm, ich glaube, die würden erst darauf abfahren, wenn sie wüssten: Der ist jemand. Der läuft bei MTV (lacht). Es sind eher so Erstsemestlerinnen, aber auch Mittdreißigerinnen, die das gut finden. Männer hingegen mögen es total oder sie hassen es. Es gibt ja richtige Hasstiraden gegen mich im Internet.

 

Die werfen Dir vor, Du seist ein Weichei...

Finn: Nein. Auf das Weichei kommen sie nicht mal. Wenn ich mir das so durchlese, bin ich mir sicher, die haben selber eine Band, sind angepisst, dass es bei ihnen nicht klappt... was ja im Moment bei dieser Erfolgsgeilheit, die gerade herrscht, total klar ist.

 

Diese furchtbaren "Wir sind wieder Wer-Bands" aus Deutschland meinst Du?

Finn: Ja. Die wollen ja alle ganz nach oben. Ich frage mich, ob die sich überhaupt Gedanken darüber machen, warum sie das wollen. Oft sagen die Kritiker auch: "Das ist doch sacklangweilig" oder "Das klingt ja wie Sigur Rós oder Radiohead, das braucht doch kein Schwein! Es ist schlechter, der kopiert die ja nur." Ich würde nie behaupten, dass ich keine Einflüsse habe oder das man raushört, dass ich bestimmte Bands mag. Dieses Innovationsargument lasse ich eh nicht gelten, weil... wenn es eine Band gibt, die innovativ ist und super Songs schreibt: Hut ab! Aber ich finde nicht, dass Innovation ein Muss ist, um gute Musik zu machen. Viele verkrampfen sich auch und denken sie müssten unbedingt innovativ sein. Entweder es kickt mich oder es kickt mich nicht.

 

Was hast Du vor und während der Aufnahmen für Musik gehört?

Finn: Ältere Sachen von New Order, sehr viel The Postal Service und Death Cab for Cutie, stellenweise habe ich sogar sehr viel Tomte gehört, was ich mir am Anfang gar nicht anhören konnte. Nachdem ich sie aber live gesehen habe, war das anders, weil es mich da so berührt hat. Die weiße Tocotronic habe ich sehr viel gehört, wobei ich dazu sagen muss, dass ich mit deutscher Musik sonst gar nichts anfangen kann, bis eben auf diese beiden Platten. Adam Green habe ich auch hoch und runter gehört. Ich höre auch sehr viele alte Sachen wie Pavement oder die Solosachen von Stephen Malkmus. Altbewährtes.

 

Wann schreibst Du?

Finn: Ganz klar in Situationen, in denen ich sehr traurig und sehr melancholisch bin. Es kann auch irgendwie nach einer durchzechten Nacht sein, also ich denke mal, immer wenn der Gefühlszustand so intensiv ist, dass irgendetwas aus mir raus will. Das passiert ganz intuitiv, fast von alleine. Gerade bei der Platte war es schon sehr geprägt von Traurigkeit, weil in den letzten zwei Jahren auch zwischenmenschlich bei mir sehr viel passiert ist. Die Hauptanzahl der Lieder habe ich im April/Mai 2004 geschrieben, und da ging es mir überhaupt nicht gut. Da lag ich auch eher fast schon in so einem Loch.

 

Auch wenn es ein Klischee ist: Das Schreiben als Therapie?

Finn: Das ist bei mir eine pure Form von Therapie. Es hat wirklich diesen Effekt. Wenn man ein Problem hat, dann sollte man es einfach aufschreiben, und dann geht es einem irgendwie – auch wenn man es nicht glaubt – besser. Dann hat man es woanders hingepackt. Dann ist es einfach weg, und so ging es mir bei der Platte auch.

 

Im Oktober gehst Du mit dem neuen Album auf Tour...

Finn: Ja, wir haben schon acht Daten zusammen, es werden insgesamt so 14 im Oktober in Deutschland sein. Im November gehen wir dann nach Italien. Dort haben wir eine gute Fanbasis, weil wir da schon als Support von Giardini di Miro gespielt haben, mit denen ich befreundet bin.

 

Wie wirst Du die neuen Lieder live umsetzen?

Finn: Es wird viel lauter, ich habe einen Schlagzeuger und einen zweiten Gitarristen auf der Bühne. Das wird insgesamt brachialer und exzessiver als auf Platte.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Links:

>> Tourinfo Finn bei POP FRONTAL

>> Finn: The Ayes Will Have It - Kaufen bei amazon.de

>> Homepage Finn

 

 

Finn

 

Finn: The Ayes Will Have It

Finn: The Ayes Will Have It

(Sunday Service / Hausmusik / Indigo)

 

Finn

 

 

Startseite | Tickets | Konzertsuche: Genres | Konzertsuche: Städte | Konzertsuche: Bands A-Z | Konzertsuche: Festivals | Merkliste

Magazin | Rundbrief | Live-Tipps | Archiv: Live-Berichte |

Konzerte eintragen | Content-Broking | Impressum | Haftungsausschluss

© POP FRONTAL, 2003-2016; Design by Akupower!