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Das neue Finn-Album "The Ayes Will Have It" ist tanzbarer und lauter
geworden. Warst Du der Melancholie überdrüssig?
Finn: Ich hätte es total langweilig gefunden, jetzt noch mal Songs zu schreiben
und sie in das gleiche ruhige Gewand zu pressen. Schließlich bin ich ja
nicht nur melancholisch, ich will mich auch ausleben – gerade live. Das
ist ja auch immer so ein Erwartungsding: Tocotronic wird bis heute noch vorgeworfen,
dass sie leider nicht mehr so klingen wie auf ihren ersten beiden Alben. Das kann
nicht der Ansatz sein. Ich finde den Ansatz zwischen Melancholie und Rhythmik
nach vorne viel spannender. Die erste Platte hat mich live auch zum Teil selber
schon fast erdrückt.
Hast Du das Album wieder bei Dir zu Hause im Hamburger Schanzenviertel aufgenommen?
Finn: Ja, ich mag die sterilen Räume in Studios nicht, ich brauche diese persönliche
Umgebung, in der die Musik entstanden ist, auch bei der Aufnahme. Bis auf professionell
geschulte Ohren könnte das keiner unterscheiden, ob das eine Proberaum-Wohnungsaufnahme
ist oder nicht.
Du singst auf einigen Stücken tiefer als gewohnt, deine Kopfstimme ist aber
nach wie vor präsent. In den Texten zeigst Du weiter deine verletzlichen
Seiten. Viele kritisieren Dich deshalb als weinerlichen Typen...
Finn: Mir ist schon bewusst, dass ich ein sehr untypischer Mann bin (lacht). Ich habe
auch so gut wie keine männlichen Freunde, fast nur Freundinnen. Ich bin einfach
ein sehr intuitiver Typ. Das ist bei mir auch der Knackpunkt, weshalb ich keine
Scheu habe, meine "weichen" Seiten zu zeigen. Wieso sollte ich mich
auch für Emotionen schämen? Das kickt mich und Punkt.
War das schon immer so?
Finn: Nein, der Wendepunkt war mit 17 Jahren, als ich zum Austausch nach Lausanne gegangen
bin. Vorher hatte ich mit kreativem Schaffen nichts am Hut. Ich war Hip-Hop-Skater.
Das einzige, was ich gemacht habe, war acht Stunden am Tag Skateboardfahren. In
Lausanne war ich dann auf einmal mit ganz anderen Leuten zusammen. Da haben alle
Comics gezeichnet, in Bands gespielt, Gedichte geschrieben - das hat mich stark
beeinflusst.
Der Album-Titel bedeutet übersetzt "Die Mehrheit wird dafür sein".
Worauf bezieht sich das?
Finn: Auf einen Artikel eines Kunstkritikers in einem englischen Herrenmagazin. Sein
Fazit war: "Das ist nicht gut, aber die Mehrheit wird's wieder geil finden."
Das ist ja so mit dem Mehrheitsprinzip. Wenn 60 % sagen: "Ich finde das geil",
stehen 40 % im Regen. Ich selbst fühle mich auch oft nicht passend. Ich schalte
z.B. den Fernseher an und kriege einen Koller. Warum kriege ich einen Koller und
Millionen Menschen nicht? Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch
glücklich ist. Nicht viele Leute haben den Mut, wirklich ihren Weg zu gehen.
Ich kann mir neben der Musik aber auch noch andere Sachen vorstellen...
Nämlich?
Finn: Ich werde demnächst etwas anfangen, was ich schon ewig machen will: eine
Herrenschneiderlehre. Natürlich ist das von einem brotlosen Job in den nächsten,
aber mich reizen einfach nur brotlose Jobs. Irgendwie ist mir das Glücklichsein
wichtiger.
Dass du dich für Mode interessierst, sieht man auch auf deiner Website, auf
der zu Modelabels verlinkst ...
Finn: Ich war schon immer ein Gockel (lacht).
Wie auf dem ersten Album, den EPs und deinen Videos ist auch das Artwork wieder
gleich geblieben: Der gezeichnete Finn...
Finn: Obwohl es extrem viele Gegenstimmen gab deswegen. Meine Freunde meinten: "Nicht
schon wieder." Das wäre langweilig. Aber ich habe mir von Anfang an
gesagt, ich mag diesen Kopf so gern, dass ich eine Serie sehen will. Ich will
irgendwann mal vor sieben, acht Platten stehen und mir sagen: "Das sind sie".
Weißt Du, ob die Käufer deiner Platten mehrheitlich Frauen sind?
Finn: Nein, würde ich so nicht sagen.
Aber 14-jährige Mädchen fahren schon auf Dich ab?
Finn: Hhm, ich glaube, die würden erst darauf abfahren, wenn sie wüssten:
Der ist jemand. Der läuft bei MTV (lacht). Es sind eher so Erstsemestlerinnen,
aber auch Mittdreißigerinnen, die das gut finden. Männer hingegen mögen
es total oder sie hassen es. Es gibt ja richtige Hasstiraden gegen mich im Internet.
Die werfen Dir vor, Du seist ein Weichei...
Finn: Nein. Auf das Weichei kommen sie nicht mal. Wenn ich mir das so durchlese, bin
ich mir sicher, die haben selber eine Band, sind angepisst, dass es bei ihnen
nicht klappt... was ja im Moment bei dieser Erfolgsgeilheit, die gerade herrscht,
total klar ist.
Diese furchtbaren "Wir sind wieder Wer-Bands" aus Deutschland meinst
Du?
Finn: Ja. Die wollen ja alle ganz nach oben. Ich frage mich, ob die sich überhaupt
Gedanken darüber machen, warum sie das wollen. Oft sagen die Kritiker auch:
"Das ist doch sacklangweilig" oder "Das klingt ja wie Sigur Rós
oder Radiohead, das braucht doch kein Schwein! Es ist schlechter, der kopiert
die ja nur." Ich würde nie behaupten, dass ich keine Einflüsse
habe oder das man raushört, dass ich bestimmte Bands mag. Dieses Innovationsargument
lasse ich eh nicht gelten, weil... wenn es eine Band gibt, die innovativ ist und
super Songs schreibt: Hut ab! Aber ich finde nicht, dass Innovation ein Muss ist,
um gute Musik zu machen. Viele verkrampfen sich auch und denken sie müssten
unbedingt innovativ sein. Entweder es kickt mich oder es kickt mich nicht.
Was hast Du vor und während der Aufnahmen für Musik gehört?
Finn: Ältere Sachen von New Order, sehr viel The Postal Service und Death Cab for
Cutie, stellenweise habe ich sogar sehr viel Tomte gehört, was ich mir am
Anfang gar nicht anhören konnte. Nachdem ich sie aber live gesehen habe,
war das anders, weil es mich da so berührt hat. Die weiße Tocotronic
habe ich sehr viel gehört, wobei ich dazu sagen muss, dass ich mit deutscher
Musik sonst gar nichts anfangen kann, bis eben auf diese beiden Platten. Adam
Green habe ich auch hoch und runter gehört. Ich höre auch sehr viele
alte Sachen wie Pavement oder die Solosachen von Stephen Malkmus. Altbewährtes.
Wann schreibst Du?
Finn: Ganz klar in Situationen, in denen ich sehr traurig und sehr melancholisch bin.
Es kann auch irgendwie nach einer durchzechten Nacht sein, also ich denke mal,
immer wenn der Gefühlszustand so intensiv ist, dass irgendetwas aus mir raus
will. Das passiert ganz intuitiv, fast von alleine. Gerade bei der Platte war
es schon sehr geprägt von Traurigkeit, weil in den letzten zwei Jahren auch
zwischenmenschlich bei mir sehr viel passiert ist. Die Hauptanzahl der Lieder
habe ich im April/Mai 2004 geschrieben, und da ging es mir überhaupt nicht
gut. Da lag ich auch eher fast schon in so einem Loch.
Auch wenn es ein Klischee ist: Das Schreiben als Therapie?
Finn: Das ist bei mir eine pure Form von Therapie. Es hat wirklich diesen Effekt. Wenn
man ein Problem hat, dann sollte man es einfach aufschreiben, und dann geht es
einem irgendwie – auch wenn man es nicht glaubt – besser. Dann hat
man es woanders hingepackt. Dann ist es einfach weg, und so ging es mir bei der
Platte auch.
Im Oktober gehst Du mit dem neuen Album auf Tour...
Finn: Ja, wir haben schon acht Daten zusammen, es werden insgesamt so 14 im Oktober
in Deutschland sein. Im November gehen wir dann nach Italien. Dort haben wir eine
gute Fanbasis, weil wir da schon als Support von Giardini di Miro gespielt haben,
mit denen ich befreundet bin.
Wie wirst Du die neuen Lieder live umsetzen?
Finn: Es wird viel lauter, ich habe einen Schlagzeuger und einen zweiten Gitarristen
auf der Bühne. Das wird insgesamt brachialer und exzessiver als auf Platte.
Vielen Dank für das Gespräch!
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