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Gesehen! Heavy Guitar Day @ Zappanale #23 mit Alice Cooper, Uli Jon Roth, u.a. / 05.08.2012, Bad Doberan, Galopprennbahn

Luxusprobleme

Text: Klaus Reckert  Live-Fotos: Bernd Hentschel (bernd-hentschel.de)

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Den ersten Programmpunkt am Festivalsonntag bildete die Versammlung der Arf Society e.V. Hier köchelten auf kleinerer Flamme noch Emotionen nach, die im Verlauf der diesjährigen Zappanale schon druckgegart worden waren. U.a. hatte es aus der Basis teils heftige Kritik gegeben, weil aus Kostengründen auf ein großes Zelt für das Publikum verzichtet worden war. Der Präsident und oberste Öffentlichkeitsarbeiter des Vereins, Thomas Dippel, hatte sich daraufhin zur Vermutung hinreißen lassen, dass der eine oder andere der solcherart Mäkelnden von den Vorjahren her vielleicht etwas verwöhnt und bei einem Open Air eventuell inzwischen fehl am Platze sei - mit vorstellbaren Reaktionen.

Alice Cooper

Alice Cooper

Das eine oder andere Mitglied der das Festival mitfinanzierenden Society hatte gar mit Austritt und/oder Abreise gedroht. Ganz gegessen war der Meckerkeks auch am Sonntagmittag noch nicht - also bereits nach der eigentlichen Zappanale. Denn der sonntägliche Heavy Guitar Day war eine eigenständige Veranstaltung der W. Kutz Veranstaltungs GmbH, die auch mit der Durchführung der Zappanale beauftragt ist - dazu unten mehr. Und auch hier hatte Kritik eingehakt: Um die gesamte Veranstaltung finanziell ins Trockene zu bringen, habe man werbetechnisch nur auf den Guitar Day und hier auf den Headliner Alice Cooper gesetzt und darüber die Bewerbung der Zappanale vernachlässigt. Der Vorwurf ist allerdings schwer nachvollziehbar, u.a. die Querelen mit der Zappa-Witwe bis hoch zum Bundesgerichtshof (vgl. hierzu unser >> Live-Tipp) hatten dieser Ausgabe die bislang üppigste Pressepräsenz aller Zappanalen verschafft.

Auch die Kritik wegen des vermissten Großraumzelts ist aus Sicht eines außenstehenden, regelmäßigen Festivalgängers nur Ausdruck von "Luxusproblemen": Normalerweise erwartet niemand auf einem Open Air-Konzert Wetterschutz für’s Publikum. Und auch beispielsweise die ins Rennen geführte "WET Stage" des Wacken Open Airs kann und soll nur einen winzigen Bruchteil des dortigen Gesamtpublikums aufnehmen. Davon abgesehen machen eine Vielzahl von durchdachten Lösungen und Angeboten die Zappanale auch ohne Zeltbühne zum komfortabelsten und in Summe entspanntesten Festival, das zumindest meinereiner bislang besucht hat. Nirgendwo sonst sind die Gehwege so gut befestigt, ist für Rollstuhlfahrer so gut gesorgt, ist die Security so unauffällig freundlich, ist das Angebot aus (kostenpflichtigen, aber dafür stets sauberen) WCs und Gratis-Dixis so flächendeckend - zumindest für die tatsächlich vor Ort aufgelaufene Besucherzahl -, nirgends sind die Müllsammler im laufenden Festivalbetrieb so allgegenwärtig (und die Mülldisziplin der Besucher so hoch). Überall auf dem Gelände gibt es Bierbänke, die sich müde Konzertgänger nach Belieben zurecht ruckeln können. Die im Vergleich zu beispielsweise vielen Metal-Events überdurchschnittlich guten, relativ fair bepreisten Speise- und Getränkeofferten der Gastro-Dienstleister (z.B. Indisch) sowie vom Stand direkt neben dem arf-Shop, der recht idyllisch gelegene Camping-Platz und - als i-Dotz-Tüpfelchen - die kostenlose Kinder-Betreuung und -Bespaßung im "Baby Snakes"-Zelt runden das attraktive Angebot ab. Keinesfalls den Veranstaltern angelastet werden kann eine objektive Plage, die ebenfalls angesprochen wurde: Professionelle (mutmaßlich rumänische?) Diebesbanden suchen derzeit sämtliche Festival-Camping- und -Parkplätze heim.

Apropos Besucherzahlen - gerne hätte man heuer 4.000 aufwärts begrüßt, das Gelände würde auch ein Vielfaches aufnehmen können. Tatsächlich aber haben wohl nur 2.500 bis maximal 3.000 den Weg auf die Rennbahn gefunden. Mit Spitzenwerten bei Magma und zum Ende des Sonntags hin. Am Sonntagmittag aber bewegten sich erst wenige hundert Gestalten unter dem wechselhaften Ostsee-Himmel. Die meisten zur besagten Mitgliederversammlung. Hier erfährt man ungewöhnlicherweise sogar mal, was einzelne Acts gekostet haben (der exklusive George Duke-Gig inklusive Proben in den USA beispielsweise allein eine Gage von 45.000 Euro) und wie der Vorstand der Society und die Booker der Zappanale die Veranstaltung auswerten und für 2013 planen: Die Zappanale #24 wird vom 31.07. - 03.08.2013 stattfinden, am üblichen Orte, aber ohne den Festival-Sonntag. Der diesjährige "Heavy Guitar Day" war bewusst als Testszenario angesetzt worden, um herauszufinden, ob sich ein Event wie die Zappanale mit derartigem querfinanzieren ließe.

Auch über die Bier- und Eintrittspreise wurde heftig diskutiert. Charly Heidenreich, selbst Veranstalter der legendären FreakShow sowie - in Kooperation - der Freakparade, stellte in einem längeren, sehr fundierten Beitrag klar, dass ein VVK-Preis von ca. 135 Euro (für #24) zwar relativ für das Gebotene sogar noch zu wenig, für etliche Besucher aber absolut doch ein (zu) hoher Betrag sei. Er warb für ein "Weniger ist mehr" und maximal 3-4 Bands pro Tag.

Der so angesprochene Wolfhard Kutz ist der eigentliche Gründer der Arf-Society, der das Kind 1989 mit zunächst 40 Gleichgesinnten aus der Taufe gehoben hat. Hieraus entstand nach und nach die Zappanale, die sich 1993 durch Vereinsstatus einen rechtssicheren Rahmen geben wollte. Als dem Verein im Jahre 2002 das finanzielle Aus drohte, wurde die Durchführung der Zappanale auf die W. Kutz, Veranstaltungs GmbH übertragen, die dem Verein dafür eine Lizenzgebühr zahlt. Der Verein verwendet dieses Geld, um die Zappanale zu sponsoren, während die GmbH das finanzielle Risiko trägt. Die letztliche Auswahl der Bands findet im Rahmen eines Arbeitskreises von z.Zt. sieben Personen statt, Anregungen für das Booking kommen aber auch aus dem Verein.

Die Diskussionen der Vereinsmitglieder wurden von immer mal wieder einsetzendem Regen ebenso untermalt, wie vom zunächst Soundcheck und dann Anblasen des Blasorchesters Bad Doberan (vgl. die "Wacken Firefuckers" von der Freiwilligen Feuerwehr Wacken, längst eine Institution des W:O:A). Bis auf die leider etwas einschläfernden Ansagen gab es hier nichts zu meckern für die paar Erschienenen.

Ab ca. 14 Uhr übernahmen die Lokalmatadoren Iron Horses auf der Mystery Stage: Deren zigarrenqualmenden Hosenkneifer-Hardrock wie z. B. "Black Leather" muss man mögen. Oder schon mal zur Main Stage rüberschlendern, wo Jerry Outlaw (Bogus Pomp) and Friends mit virtuosem, gniedeligem Instrumentalrock überzeugte. Aus dem Kanon waren etwa erkennbar: "Fifty-Fifty ", "Let's Move to Cleveland", "Let's Make the Water Turn Black", "Theme From Lumpy Gravy", "Don't You Ever Wash That Thing", "Yo Mama", aber auch Jeff Beck hatte der Topgitarrist im Programm.

Vor die kleine Bühne zurückgekehrt konnte man Musiker und Roadies von Jimmy Gee vielminütig an einem stumm bleibenden Verstärker verzweifeln sehen - und hören: "Ihr habt anderen Strom hier!". Als dann endlich losgerockt werden konnte, geschah dies mit Extrem-Posing an der Doppelhalsgitarre und einem zünftig auf Uli Jon Roth vorbereitenden Programm aus eigenen ("She's Got The Money") und Fremd-Nummern ("Honky Tonk Woman"), das teils an Axel Rudi Pell erinnerte.

Uli Jon Roths Auftritt lockte nun endgültig nochmal die Sonne hervor - kein Wunder bei der Güte seiner Mitstreiter, u.a. Corvin Bahn - und einer Setlist (Auszug), die das Beste seiner Electric Sun- und Scorpions-Jahre kombinierte: "All Along The Watchtower", "Little Wing", "We'll Burn The Sky", "In Trance", "Hiroshima", "Pictured Life" (Roth: "Jetzt mal etwas weniger Anspruchsvolles"), "Catch Your Train", "I've Got To Be Free", "Star Spangled Banner" und "Dark Lady". Kritikpunkt blieb einzig, dass die Balance zwischen des Meisters viel zu lauter Sky Guitar und allem anderen zu keinem Zeitpunkt des aus lauter Spielfreude eine volle halbe Stunde überzogenen Konzerts stimmte (Roth: "Wir haben eh kein Zeitgefühl"). Speziell der italienische Sänger Pedro Ferraro war teilweise kaum zu hören. Schade, denn er ist ein ausgezeichneter Klaus Meine-Soundalike, nur halt ohne dessen Schmierlappigkeit.

Nach so viel gitarrenzentriertem Bombast Rock boten Lapis Lazuli mit ihrem Fusion-Programm mit viel Saxofon und etwas Schifferklavier eine willkommene Abwechslung. Die teils von Reggae-Rhythmen getriebene Musik kann man vielleicht als weit weniger krasse, weniger metallische Fassung von Panzerballett beschreiben, in jedem Falle regte sie eine junge Dame aus dem Publikum zum Ausdruckstanz an.

50 Minuten später als geplant fiel endlich der Vorhang für Vincent Damon Furnier, aka Alice Cooper. Zum pompösen Intro von "Black Widow" erschien der altgediente Schockrocker (der heute lieber mit dem Neunereisen als mit Guillotinen spielt) mit acht Spinnenbeinen zuoberst auf einer turmartigen Konstruktion. Schnell erwies sich wieder einmal, dass die Alice Cooper Band vielleicht nicht die feingliedrigsten aller Musiker der vergangenen Tage stellt, dass sie aber stets für prächtiges Entertainment der etwas derberen Sorte gut ist. Zum Beispiel mit " I’m Eighteen", dem deftigen Rock'n’Roll von "Under My Wheels", "Billion Dollar Babies", "No More Mr. Nice Guy" (namensstiftend für die Tour), das nahezu gesellschaftskritische "Hey Stoopid" oder "Is It My Body". Immer wieder auffallend, wie relativ großen Effekt Mr. Bad Guy dabei aus vergleichsweise simplen Bühnenrequisiten wie Krücke oder Fechtsäbel zieht. Irgendwann dirigierte er seine Crew auch mal mit dem Taktstock - eine direkte Parallele zu Frank Zappa, auf dessen Label Straight Records Alice Cooper 1969 und 1970 zwei Alben veröffentlicht hatte. Wohl auch eingedenk dieser Tatsache erschien der sich häufig umkleidende Maestro irgendwann auch mal im Zappa(nale)-Shirt, die Zugaben "School's out " und "Elected" sogar im Hansa-Rostock-Trikot. 3:0 für Alice!

 

>> Zum Festival-Bericht Zappanale #23 (04.08.2012)

 

 

 

Links:

>> Festival-Info Heavy Guitar Day bei POP FRONTAL

>> Live-Tipp (28.06.12): 23. Zappanale - Die mit DeWolff tanzt

>> Video "Uli Jon Roth @ Zappanale - All Along The Watchtower" bei youtube.com

>> Video "Alice Cooper @ Zappanale - Curtain Raiser, 'Black Widow'" bei youtube.com

>> Homepage Zappanale

>> Homepage Arf Society

>> Homepage Alice Cooper

>> Homepage Uli Jon Roth

>> Homepage Lapis Lazuli

>> Homepage Jimmy Gee

>> Homepage Jerry Outlaw

>> Homepage Iron Horses

>> Homepage Blasorchester Bad Doberan

 

Alice Cooper

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Alice Cooper

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Uli Jon Roth

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Pedro Ferraro

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Corvin Bahn

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Iron Horses

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Jerry Outlaw

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Jimmy Gee

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Lapis Lazuli

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