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Gesehen! Highfield Festival / 18.-20.08.2006, Hohenfelden bei Erfurt, Stausee

"I will remember."

Text: Florian Steglich     Live-Fotos: FKP Scorpio Konzertproduktionen

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Das erstaunliche Line-Up vom Vorjahr konnte es nicht übertreffen. Trotzdem: Das  neunte Highfield wurde trotz zweier Unwetterwarnungen wieder eine überaus erbauliche Angelegenheit - das nette Festival von nebenan, mit Badesee und Wellness-Schwimmbad, freundlichem Security-Personal, nur einer Bühne und gerade noch angenehmen 20.000 Besuchern.

Alles fängt schon ganz passend an: Just in dem Moment, in dem an der Haltestelle am Badesee wieder eine Fuhre Festivalbesucher aus einem Bus der Erfurter Verkehrsbetriebe aussteigt, beginnt es zu regnen. Noch tropft es sachte auf die Köpfe, Kapuzenpullis und Rucksäcke, aber der bedeckte Himmel macht schon mal klar: In diesem Jahr kommt Ihr da unten nicht so leicht davon.

Mühsamer als im letzten Jahr gestaltet sich auch die Suche nach einem Plätzchen fürs eigene Zelt. Freitagmittag ist es, kurz vor 1 Uhr, aber für die letzten freien Rasenflächen müssen die Neuankömmlinge schon bis ans Ende des Campinggeländes laufen. Ärger bei den schwer Beladenen über die Parkplatzwächter, die trotzdem stur jedes Auto in die entgegen gesetzte Richtung schicken. Festivals besuchen bringt also nicht nur Bierbauch, sondern auch Muckis. Die Profis ziehen ihre Habseligkeiten auf Bollerwägen übers Gelände.

Während die Allermeisten noch Zeltschnüre spannen und zischend die ersten Dosen "5,0"-Bier öffnen (mit seligem Endlich-wieder-Dosenbier-Lächeln im Gesicht), eröffnen die Trashmonkeys die neunte Ausgabe des Highfield-Festivals. Auch die Futureheads, die 2005 schon so früh ran durften, spielen noch vor sehr überschaubarem Publikum. Ein klein wenig voller wird es dann aber zumindest bei den Weakerthans. Eine viel zu kurze Dreiviertelstunde, viel zu früh am Tag, gehört das Gelände diesen großartigen Jungs aus Kanada. Sie hätten wahrlich einen besseren Platz im Line-Up verdient gehabt, vielleicht gehören sie aber auch einfach in einen kleineren, konzentrierteren Rahmen. Zum Schluss bekommen sie Bläser-Unterstützung von Broken Social Scene, den Landsleuten, die danach dran sind. Vom musikalischen Niveau her ein gelungener, fließender Übergang.

Die erste größere Sause des Wochenendes liefern dann die Eagles Of Death Metal, die erstaunlich viele junge Fans anziehen. Endlich darf gerockt werden, scheinen sich viele zu denken, "Schüttel dein Haar für mich", denken sich andere und wenden sich den auf wackeligen Gaskochern erhitzten Ravioli zu. Panic! At The Disco, die im Anschluss auflaufen, kämpfen ein wenig mit dem Ton - oder sie sind Festivals noch nicht so gewohnt. Man hat jedenfalls den Eindruck, die könnten deutlich besser klingen. Einiges Staunen dann, als die jungen Herren erst "Karma Police" von Radiohead und wenig später "Tonight, Tonight" von den Smashing Pumpkins covern. Man weiß nicht genau, ob die Empörung ob dieser anmaßenden Frechheit größer ist oder das Mitleid darüber, dass die so genannten Senkrechtstarter so etwas nötig haben. Wie auch immer: Sowas macht man in dem Alter einfach nicht, Jungs. Kann nur schief gehen.

 

 

Diese zwei Taten stellten übrigens, wie man später merken sollte, nur den Auftakt zu einem wahren Coverfestival dar. Die Beatsteaks versuchten sich nicht nur wie so oft an Manowar, sondern auch an "No one knows" - wodurch die Gesangsqualitäten von Josh Homme, der diesen Song im Jahr zuvor hier lieferte, noch einmal stärker leuchteten. Die Dresden Dolls nahmen "Everyday I Love You Less And Less" von den am selben Abend auftretenden Kaiser Chiefs vorweg, und Fettes Brot brachten "Nordisch By Nature" unter anderem im "Don't worry be happy"-Gewand.

Doch zurück zum Freitag, über den sich endlich die Dunkelheit der anbrechenden Nacht legt - Festivalauftritte in der trägen Nachmittagssonne haben ihren Reiz, aber wirklich wach wird man doch erst, wenn die Lightshow sichtbar wird. Coheed And Cambria reizen da noch nicht alles aus. Das singende Wollknäuel und seine ähnlich wirre und geniale Band waren schon 2005 hier und sind wohl auch nur erneut gekommen, um die abgesagten Gigs beim Hurricane und Southside wiedergutzumachen. Musikalisch gewohnt perfekt - aber auf und vor der Bühne langweilt man sich dann doch ab und zu ein klein wenig: Zeit, sich mal die umstehenden Gesichter und Indie-Dresscodes anzusehen.

Keine Chance zu solchen Studien lassen anschließend die Beatsteaks, Hauptact des ersten Festivaltages und unbestrittener Höhepunkt. Es ist der einzige Deutschlandauftritt der finally erfolgreichen Berliner, und den prügeln sie durch von der ersten bis zur letzten Minute. Sänger Arnim sieht prollig aus, als sei er direkt vom Kottbusser Tor gekommen, muss aufpassen, nicht noch arroganter rüber zu kommen und hat Tausende vor der Bühne im Griff wie die Hundert im Club vor fünf Jahren. Weil die Menge vor dem ersten Wellenbrecher der Security offenbar zu viel springt oder liegt, statt zu stehen, unterbricht er sogar ganz kurz das Konzert. Verloren gegangene Schneidezähne werden nach Festivalende im "Gasthof Seeblick" abgegeben.

In den Samstag starten Frühaufsteher mit Newcomerbands: Jenix und Zox machen den Anfang, es folgen Wolfmother mit jämmerlichem Classic Rock, dessen Festival-Live-Darbietung 2007 bitte wieder auf die Kurfestspiele namens "Rock am Ring" beschränkt bleiben sollte. Die ein paar hundert Menschen umfassende Warteschlange am Eingang des benachbarten Schwimmbades spricht für sich. Die durchaus zahlenmäßig wahrnehmbaren Fans der danach spielenden CKY tragen Band-T-Shirts mit dem Aufdruck "FuCKYou". Mehr ist auch dazu eigentlich nicht zu sagen.

Den intellektuellen Höhepunkt des bierseligen Wochenendes stellen anschließend The Dresden Dolls dar. Einsam und verloren stehen sie auf der gewaltigen Bühne, erinnern manchmal an die Geschwister White und häufiger an Kabarettvorstellungen vergangener Jahrhunderte. Das macht einen Riesenspaß, ist allerdings nur schwer tanzbar und muss für verkaterte Köpfe ein furchtbares Martyrium sein. Bis auf den Mittelteil trifft das auch auf Danko Jones zu, diesen herrlichen Angeber: Die beiden Kameramänner fordert er auf, mal einen Schwenk übers applaudierende Publikum zu machen, um nach Sekunden die Linsen wieder empört zu sich zu dirigieren: "Now back to me! Hey! HEY! BACK TO ME!!" Da Danko Jones so plump und großmäulig die Erwartungen an straighte Rock'n'Roll-Hits bedient, darf hier auch mal in die Phrasenhölle hinab gestiegen werden, um den Auftritt zu beschreiben: Das waren einfach mal Bretter, die der gute Mann da gehauen hat.

Der Running Gag: "Hallo, wir sind Tomte aus Hamburg", stellen sich nun Kettcar vor und liefern damit die Antwort auf die umgedrehte Ansage, die Thees Uhlmann vor einem Jahr hier gemacht hat. Natürlich beginnt das Set mit "Deiche", natürlich staunen Kettcar noch immer über jeden Applaus, und natürlich sind auch hier wieder die versonnenen Gesichter zu sehen, die Liebe zur Musik, die bedeutungsschwanger und gemeinsam gerauchten Zigaretten. Zum Abschluss gibt es die Akustikversion von "Balu", die diesmal besonders bezaubernd ist: Ist Wiebusch mit einer Strophe fertig, gibt es "Szenenapplaus" und Jubel aus der Menge, die ansonsten so unheimlich still ist, wie in keinem anderen Moment des Wochenendes. "I will remember", sagt der sichtlich beeindruckte Marcus Wiebusch zum Schluss, und zusammen mit seiner Ankündigung vom Anfang, dies sei für längere Zeit das letzte Kettcar-Konzert, ist das hier schon jetzt der bewegendste Augenblick des Festivals.

Bevor Less Than Jake weitermachen, verlassen so viele Menschen das Gelände (und strömen so wenige in die andere Richtung), dass man sich ernsthaft fragt, ob die Veranstalter diese Band so geschickt im Line-Up platziert haben, damit die armen Festivalgänger mal endlich etwas Festes (vulgo Ravioli) zwischen die Zähne bekommen. Denn anschließend bei Fettes Brot sind, so scheint's, alle 20.000 zugleich vor der Bühne. Und sie bekommen natürlich ordentlich was zu tun: Mitgehen, Abgehen, was anderes bleibt kaum übrig bei den haufenweise Hits, die die nie so richtig ernst genommenen Hamburger mittlerweile am Start haben.

Vor dem Auftritt von Seeed wird dann eine Unwetterwarnung durchgegeben: Kein Grund zur Panik, heißt es, aber die Zelte solle man doch besser nochmal sichern. Und tatsächlich braut sich zu den schweren Beats der Berliner ordentlich Dunkles am Himmel zusammen. Gegen Ende des Konzerts geht es dann los: erst tröpfelnd, dann ohne Gnade. Fressbuden und Promo-Zelte geben Unterschlupf, am nächsten Tag wird man sich erzählen, dass sogar Leute in Dixie-Klos geflüchtet sind. Auf dem Zeltplatz biegen sich die Pavillons im Sturm, es blitzt und donnert aus allen vier Himmelsrichtungen. Die Kaiser Chiefs spielen dennoch, und die, die dabei waren, sprechen von einem fantastischen Gastspiel, während dem sich Sänger Ricky Wilson gar in die Menge geworfen habe. Pünktlich zur Umbaupause und ebenso unvermittelt, wie es begonnen hat, hört das Gewitter wieder auf. Misstrauisch kriechen die Menschen aus ihren Zelten, es wechselt das klatschnasse und verdreckte Publikum vom Festivalgelände mit dem trockenen, sauberen vom Zeltplatz, denn der Headliner des Samstags kommt ja erst noch: Wir sind Helden spielen jetzt ihr letztes Konzert vor der Babypause von Judith Holofernes.

Und dieses Konzert wird dann tatsächlich zum vielleicht schönsten des Festivals, was wohl nicht viele erwartet hätten. Vor ebenso einfacher wie eindrucksvoller Lichtinstallation schnurren und flirten sich die Helden (Judith trotz sichtbaren Bauches mit vollem Einsatz) durch ihr Set, lassen sich - für die warmen Füße - von einem Satz Bläser unterstützen, und bringen Hit nach Hit einem Publikum dar, das gerade das Ende der Welt überlebt hat und darum wie neugeboren durch die Pfützen tanzt.

Die undankbaren Mittagstermine nehmen am Sonntag The Marble Index, Golden Horse und Virginia Jetzt! wahr. Zumindest letztere ziehen natürlich einige Fans an. TV On The Radio zeigen danach schlicht durch Aussehen und Habitus mal, was man sich in Hohenfelden, Kranichfeld und Umgebung unter New York vorzustellen hat, sind musikalisch aber vielleicht ein bisschen zu diffizil für ein Festival. Clueso & Band, die danach auf der Bühne stehen, hatten es von Erfurt aus nicht ganz so weit. Ganz schlecht kommt's nicht an, aber im Highfield-Rahmen wirkt der Junge trotzdem etwas fehlbesetzt. Auch den Platz von Revolverheld hätte man eventuell etwas spektakulärer - oder wenigstens origineller - besetzen können.

Mit Nada Surf kommt ein Höhepunkt ebenfalls zu früh. Zwar werden "Popular" (und sie spielen's doch, ihr "Creep" sozusagen) und die Hits des aktuellen Albums bejubelt (alles dazwischen wie üblich nicht), aber viel ist nicht los in der Menge vor der Bühne. Ist es zu früh, zu leise, ist der Hunger zu groß oder die Vorfreude auf die Sportfreunde Stiller? Man weiß es nicht, aber diese Exzellenz-Indierocker hätten mehr verdient. Am Himmel wechseln sich währenddessen Augustsonne und Wolkenberge ab - ja, auch für diesen Abend gibt es eine Unwetterwarnung.

Bei den Sportfreunden Stiller schließlich begnügen sich die Wenigsten mit bedächtigem Kopfnicken. Hier hüpfen und singen die Fans bis weit hinter den Technikturm mit. Aber die drei haben sich mit ihrem Fußball-Pipapo einen Bärendienst erwiesen: Hier ging es nicht mehr um Musik, sondern um die WM. Immer noch, immer wieder. Fast ein wenig hilflos standen die Sportfreunde auf ihren Podesten, als die Menge wieder und wieder "54, 74, ..." anstimmte. Zweimal spielten sie es, außerdem noch andere Songs von ihrem Fußball-Album. Nichts zu hören war dagegen von all den Liedern, die nicht bloß "geil, Alter" sind, sondern manchmal auch wunderbar: kein "Wellenreiten", kein "Heimatlied", auch nicht "Fast Wie Von Selbst".

Mando Diao kämpfen anschließend gegen den Sturm an, der den Sound ab und zu einfach davon zu tragen scheint. In schwarzen Hemden stehen sie auf der Bühne, die Schönen, so wie die Hives im letzten Jahr in weißen Anzügen dort spielten, und sind einfach verdammt gut. Mögen die Songs sich noch so ähneln - wenn zu "Motown Blood" ein dreifacher Regenbogen genau über der Bühne leuchtet, ist man einfach überzeugt.

Unbeirrt von den kalten Füßen des Publikums bemühen sich Gentleman & The Far East Band dann so sehr um sommerliche Gefühle, dass schließlich auch die Turbojugend Kühlungsborn in den Knien wippt. Während schon Zelte abgebrochen und Kofferräume gestopft werden, dimmen Massive Attack dann zum Abschluss des Highfield-Wochenendes die Temperaturen wieder deutlich herunter und entlassen die Schlachtenbummler mit einem vielleicht etwas zu ruhigen Set in den Alltag.

 

Links:

>> Festivalinfo Highfield 2006 (mit Künstlerinfos) bei POP FRONTAL

>> Homepage Highfield

>> Festival-Bericht Highfield 2005 bei POP FRONTAL

 

 

 

 

 

 

 

 

Highfield 2006

 

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