Am Ende fehlen nur wenige Minuten, und das Hurricane-Festival 2006 ginge als eines
der buchstäblich komplettesten in seine eigene Geschichte ein. Ein Unwetter
will es, dass das Spiel kurz vor Ende abgebrochen werden muss. Bis dahin überzeugt
es im Sturm, zeigt nur wenige Schwächen im Mittelfeld und steht sicher in
der Abwehr. Das Konzept, auf millionenschwere Teams zu verzichten, geht auf. Stattdessen
ein Teilnehmerfeld, welches sich abwechslungsreich ineinander reiht. POP FRONTAL
fasst die interessantesten Szenen zusammen.
Fettes Brot
Anstoß, der
Langsames gegenseitiges Abtasten am frühen Freitagnachmittag. Offensichtlich
sind die meisten Besucher bereits sehr früh angereist und füllen den
Eichenring schnell. Der Platz erinnert an ein Fußballfeld. Zwischen den
Bühnen wird der Raum schnell überbrückt. Ben Harper
und Elbow halten den Ball noch flach, bis Britanniens junge Arctic
Monkeys hineingrätschen und den Weg für die ungewohnt konzentriert
erscheinenden Tomte ebnen. Nebenan wird derweil auf der Hauptbühne bereits
Titel an Titel gefeiert. Seeed (die Anfangs erst Champagner und
später pure Laune verspritzen), Fettes Brot und Manu
Chao (Meister in die Länge gezogener Konzertintros) geben der feiernden
Menge kaum Gelegenheit, die Beine mal an den Boden zu bekommen.
Stadion, das
Nichts zu mäkeln gibt es am ordentlich hergerichteten Rasen. Alles möglich
darauf, ohne Verletzungsgefahr. Wem jetzt partout ein alter Hosen-Song in den
Sinn kommt, liegt auch nicht ganz verkehrt. Die zwei großen Bühnen
in Grün und Blau gekleidet stehen parallel etwa einhundert Meter voneinander
entfernt. Taktisch gut angedacht. Doch ein Manko bleibt. Wo sich Auftritte zeitlich
überschneiden, tun selbiges auch die Töne. Selbst auf der "Red
Stage" (die Zeltbühne - allerdings in Wahrheit Weiß-Blau) wird
dies hin und wieder von Besuchern moniert. Hier herrscht Diskussionsbedarf in
der Mannschaftsbesprechung.
Ballzauber, der
Eigentlich können sie es alle. Ungestüm rocken Boozed
am zweiten Tag kurz nach der Mittagszeit, als wäre es tiefe Nacht und Kellerclub.
Skin will es allen noch einmal zeigen, wirbelt furcht erregend
mit dem Mikroständer und hinterlässt doch letztlich nur noch etwas mehr
Wehmut um ihre alte Band als ohnehin schon. Smoke Blow dagegen
mit geballter Energie, viel aufgewirbeltem Staub und sehr junger Verstärkung
auf der Bühne. Vielleicht wird der Bengel auf der Bühne eines Tages
mal ein wahrer Killerpilz. Danach The Podolskis. Die kleinere
der beiden Bühnen muss kurzfristig den Menschenauflauf auffangen, der Deutschland
gegen Schweden gewinnen erleben möchte. Warum das fast zum Problem wird?
Abseits, das
Nada Surf haben eigentlich zeitgleich ihren Auftritt. Doch der
vorgesehene Platz vor der Videoleinwand auf dem Campinggelände kann die Massen
nicht alleine verkraften. Einige wenige Songs spielen sie. Dann geht die Sicherheit
vor, und auch hier sitzen noch einmal geschätzte 15.000 Besucher vor der
Bühne. Nada Surf dagegen sollen im nächsten Jahr wiederkommen. Pikanterweise
folgen unmittelbar nach Schwedens Niederlage ausgerechnet Mando Diao
und The Hives. Ohne unnötig Worte zu verlieren, dampfen
beide großspurig und unbeeindruckt durch ihre Sets. Hinterlassen einen weitaus
kompakteren Eindruck als die schwedischen Balltreter. Apropos Treter.
Gelbe Karte, die
Verdienen sich eindeutig The Strokes nach ihrem präzisen
Schlag mit dem Mikrofonständer gegen eine (zugegeben nervige) motorisierte
Kamera im vorderen Bühnenbereich. Das erzeugt in der Folge reichlich unscharfe
Bilder und lässt eine saftige Geldstrafe folgen. Irgendwie erinnert diese
Szene für Momente an kampfunfähige Roboter mit abgetrennten Köpfen
aus einschlägigen B-Movies. Wir wünschen uns die Einführung der
Zeitlupenwiederholung. Weitaus ruhiger geht es zur selben Zeit nebenan mit Adam
Green (gewohnt verpeilt), den schönen, stilvoll arroganten Element
of Crime und Sigur Ros zu. Letztere beginnen ihr Konzert
nicht nur wie gewohnt hinter dem weißen Vorhang, sondern beenden es auch
wieder dahinter. Für tiefe Nächte und tief drinnen.
Rote Karte, die
Der Sonntag überzeugt mit einem abwechslungsreichen Programm. Von den Schöngeistern
Deus, über weiterhin teuflisch gefeierte Billy Talent,
zu den eingesprungenen Rückkehrern Eagles of Death Metal.
Das famos sympathische "Steady Rollin"-Duo Two Gallants
signiert im Anschluss sogar schweißnasse weiße Frotteehandtücher.
Doch was ist eigentlich in Live, respektive Ed Kowalczyk gefahren? Ein Schatten
vergangener Tage, so dunkel wie sie selbst einst zu "Throwing Copper"-
oder "Secret Samadhi"-Zeiten noch. Prinz Kowalczyk lässt keinen
Zweifel aufkommen, dass die lustlose Band nur aus Statisten von der Auswechselbank
besteht und kündigt gleich mehrfach "My new album" an. Platzverweis
spätestens beim vollkommen missratenen Cash-Cover "I walk the line".
Vom Pathos direkt ins Desaster. Was für ein Abstieg!
Schlussoffensive, die
Dass Archive dem Fest ihren eindrucksvollen Stempel aufdrücken
würden, war spätestens nach ihrer zurückliegenden Tour klar. "Aus
der Tiefe des Raumes" mag eine der schlimmsten Fußballphrasen sein.
Indes beschreibt sie bestens einen Auftritt, dem es an keiner Stelle an Dynamik,
Ballbeherrschung und Tempowechsel mangelt. "Guten Tag" danach mit den
immerfreundlichen Helden. Während Muse und Gnarls
Barkley sich noch aufwärmen, zieht dann bereits bedrohlich das Unfassbare
herauf.
Spielabbruch, der
Zu einer unfreiwilligen Verlängerung wird für viele Besucher der Festivalausklang.
Binnen Minuten steht der Platz unter Wasser, drohen Blitze in unmittelbarer Nähe,
kommen Böen bis zu Windstärke 11 auf. Etwa 30.000 Menschen müssen
das Gelände fluchtartig verlassen ("Raus! Raus! Alle Raus!"). Sämtliche
Notausgänge sind geöffnet. Das Krisenmanagement bewährt sich in
diesen wichtigen Augenblicken (>> POP FRONTAL berichtete).
Weisheit, die
Nicht unvorstellbar, dass Scorpio-Teamchef Folkert Koopmans unmittelbar nach dem
zehnten Hurricane-Geburtstag ein paar Minuten alleine auf dem menschenleeren Platz
verweilt hätte. So wie "Kaiser Franz" damals in Rom versunken seine
Runden drehte. Vielen Kritikern haben sein Team und er gezeigt, dass sie bereit
sind, neue Wege zu gehen und sachliche Kritik zu verwerten. Wenige Minuten am
Ende hätten dem schönen Ganzen ein böses Ende setzen können.
Umso erfreulicher zu sehen, dass straffe Organisation, eine geradeaus agierende
Security und ausgelassenes Feiern einander nicht ausschließen müssen.
Wichtig ist nämlich immer noch auf’m Platz!