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Gesehen! Kings of Leon / 19.11.2004, Hamburg, Große Freiheit 36

Der Preis des Ruhmes

Text: Karsten Witthoefft   

Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, so pflegt der Volksmund zu sagen. Sie ist bisweilen ist auch hilfreich, will man ein Konzert von Beginn an beiwohnen. Als der Rezensent an diesem Abend im festen Glauben, zeitig zu sein, um die vertraute Ecke biegt, springt ihm als erstes die gähnende Leere vor der Eingangstür der Großen Freiheit 36 entgegen. Da, wo für gewöhnlich vor dem Konzert große Menschentrauben den Platz säumen, verlieren sich jetzt gerade einmal drei bibbernde Gestalten, an der Abendkasse noch auf Restkarten hoffend. "Frühkonzert" heißt das Zauberwort. Selbst den erfahrensten Konzertgänger bringt diese Unart immer wieder in Verlegenheit und um manch gute Vorband. In diesem Fall: Mooney Suzuki, die Garagenrocker aus New York City.

Kings of Leon

Pünktlich (wie man geneigt ist, ironisch zu formulieren) um 21 Uhr, unter den Klängen von Tiny Tims "Tiptoe through the Tullips with me", entern die Kings Of Leon die in blaues Licht gehüllte Bühne. Grußlos stimmen sie ihr "Four Kicks" an, eine Art Selbstdarstellungssong vom brandaktuellen Album "Aha Shake Heartbreak", der die vorderen Reihen des fast ausverkauften Hauses an diesem bitterkalten Abend schon mal ordentlich durchheizt. Der Reigen setzt sich fort mit weiteren Hochgeschwindigkeitszweivierteltaktern: "Red Morning Light", "King of the Rodeo", "Spiral Staircase", "Happy alone". Jeder einzelne Song dazu angetan, selbst größte Hallen in Flammen zu setzen.

Doch das funktioniert heute nicht richtig, das wird ziemlich schnell klar. Irgendwo auf halbem Wege findet kein Wärmeaustausch mehr statt. Während vorne noch rege Begeisterung herrscht, sieht man hinter einer unsichtbaren Demarkationslinie vielerorts skeptische Gesichter von Menschen mit verschränkten Armen vor der Brust. Allen voran der heutige Stargast im Publikum Heinz Rudolf Kunze. Der lehnt mit gestrengem Deutschlehrerblick am Tresen und rührt sich nicht vom Fleck, in der Hoffnung, so von niemandem erkannt zu werden. Was natürlich misslingt. Später sieht man ihn dann doch noch, wie er sich zu einem dezenten, rhythmischen Kopfnicken hingibt – eine Art rudimentäres Headbanging. Auch in Kunzes Brust schlägt wohl das Herz eines Rockers.

An dieser Stelle noch ein Wort zur demographischen Struktur des Publikums, die sich sowohl in der räumlichen Anordnung als auch in der Stimmung widerspiegelt. Vorne bis dahin, wo vor der Bühne vom Security-Service Absperrgitter gegen den Ansturm allzu hitziger Fans aufgebaut wurden (eine Vorsichtsmaßnahme, die mangels Temperatur im Nachhinein völlig überzogen scheint), tummelt sich das Jungvolk: Rotwangige Mädchen in bunten Schlaghosen und Fransenjacke und Jungen, so cool, dass sie beinahe über die eigenen Beine stolpern. Fast möchte man meinen, sämtliche Jugendzentren der umliegenden Provinz hätten sich gleichzeitig zu einer kulturellen Stadtpartie entschlossen. Leidenschaftlich werden die Songs mitgesungen, und frenetisch werden sie beklatscht. Pogo und Crowdsurfuing sind das Maß aller Dinge, und am Ende verlässt man die Arena mit leuchtenden Augen.

Ist das die Naivität und Unkenntnis der Jugend, von der immer geredet wird, die sich kritiklos für alles begeistern kann, was für sie neu ist? Das ältere Semester in der Hörferne der hinteren Reihen jedenfalls, angezogen von zwei großartigen Alben der Band, randvoll mit Zitaten aus der eigenen musikalischen Teenagerzeit, sitzt da und langweilt sich zu Tode. Man gähnt ostentativ, vertreibt sich die Zeit mit Biertrinken und Luftgitarrespielen oder ist längst gegangen.

Tatsächlich, trotz großer Lautstärke kommt dort hinten wenig von dem an, was Rock'n'Roll der Legende nach ausmachen soll: Herz, Leidenschaft und harte Arbeit. Was die vier Followills aus Tennessee stattdessen auffahren, ist Dienst nach Vorschrift. Professionell, aber blutleer. Standfußball deutscher Prägung der Prä-Klinsmann-Ära. Sänger Calebs Bewegungsradius ist so groß wie der von H.R. Kunze an seinem Platz hinten am Tresen: Er rührt sich keine Stiefelspitze von der Stelle, während er im Stile eines Bill Wyman seine Gitarre im 45°-Winkel gen Himmel richtet und seinen Blick wie ein eremitischer Prinz Eisenherz abwechselnd ins schiere Nichts oder auf sein Stimmgerät schweifen lässt. Hinter ihm beschäftigen sich Jared und Matthew zumindest noch zeitweilig mit ihren Verstärkern – wenn sie nicht gerade eine dampfen. Richtig in Bewegung kommt die Bühne nur, wenn die Roadies zwischendurch zum Gitarrenwechsel erscheinen. Weitere erwähnenswerte Vorkommnisse: (Geschätzte) sechs "Thank you"'s ans Publikum, denn zuviel Kommunikation stört die Konzentration, und ein im Übermut umgeworfener Mikroständer am Ende der Show. Ach ja, drei (nicht von allen Seiten geforderte) Zugaben wurden auch noch gegeben.

Das war natürlich polemisch. Aber wohin mit der Wehmut, wenn man ans erste Konzert letztes Jahr in der Markthalle zurückdenken muss, wo es noch eine richtige Rockshow zu bewundern gab. Doch das ist wohl der Preis des Ruhmes, den wir letztlich alle zu zahlen haben.

 

Links:

>> Künstlerinfo Kings of Leon bei POP FRONTAL

>> Homepage Kings Of Leon

>> Kings Of Leon: A-Ha Shake Heartbreak: Reinhören und Kaufen bei amazon.de

 

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