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Getroffen! Big In Japan - Interview mit Klaus Schulze / 03.12.2010

"Ich hatte totale Gummiknie und das Gefühl, ich sterbe gleich..."

Text: Carlo Reßler

Jahre bevor andere Musiker mit ihren Synthesizer-Klängen Erfolge feierten, gab es einen "Elektronik-Visionär", der bereits Ende der 1960er Jahre mit Hallgeräten, Moog-Synthesizern und Fender-Gitarrenverstärkern experimentierte. Klaus Schulze, Klangtüftler der ersten Stunde aus Berlin, spielte einst bei Tangerine Dream und Ash Ra Temple Schlagzeug, bevor er sich ganz der elektronischen Musik zuwandte. Bis heute hat er weit über 100 Alben und Soundtracks veröffentlicht, und ständig kommen neue Schätze aus seiner langen Karriere hinzu. Im März 2010 spielte Klaus Schulze erstmalig zwei Solo-Konzerte in Tokio. Anlässlich der Europa-Premiere des daraus entstandenen Live-Album+DVD-Pakets "Big in Japan" sprach POP FRONTAL mit dem Elektronik-Pionier.

Klaus Schulze

 

Hallo Klaus - ist es bei dir zu Hause im Wendland auch so bibberkalt? Magst du die Winterzeit?

Klaus Schulze: Ja, ich mag den Winter und besonders den Schnee. Schnee ist Natur pur und dazu wohltuend still. Ich kann dabei bestens arbeiten, besonders nachts.

 

Wie fühlst du dich denn gesundheitlich nach deiner schweren Erkrankung vor einigen Jahren? Bist du vollständig genesen?

Klaus Schulze: Ja - ich fühl mich schon länger wieder richtig fit und habe Lust auf neue Projekte.

 

Ganz frisch ist dein neues Album "Big in Japan" bei uns gelandet. Zu meiner Überraschung hast du darauf deinen Klassiker "Chrystal Lake" vom "Mirage"-Album bei den Tokio-Konzerten unter dem Titel "The Crystal Returns" neu kreiert und auch zur Hälfte komplett neu arrangiert, teils mit anderen, schnelleren Beats. Was hat dich dazu bewegt?

Klaus Schulze: Nun, ich war das erste Mal in Japan, die Leute dort kennen vieles von meiner Arbeit aus den Siebziger Jahren und fragten, ob ich was aus dieser Zeit spielen könnte. Als ich dann auch noch das aktuelle Tourposter mit meinem Konterfei vom "Mirage"-Album gestaltet sah, wollte ich auch was von diesem Album spielen - und doch gleichzeitig was Neues. So entstand mit "The Crystal Returns" der Bezug zur Vergangenheit und mit den neuen Klängen eine Brücke zur Gegenwart.

 

Hattest du für die beiden Konzerte die alten Original-Sequenzen auf einer Tonspur gespeichert? Oder wie kann ich mir das live vorstellen?

Klaus Schulze: Die Sequenzen von "Chrystal Lake" sind als Audiospur auf meinem Mac-Laptop vorhanden, diese Tonspur wurde dann live als Grundmuster verwendet und von mir neu interpretiert. In der Regel plane ich jedoch nichts, wenn ich auf der Bühne stehe. Vieles entsteht direkt, während ich spiele oder einen Grundrhythmus variiere.

 

Zum großen Erstaunen vieler Fans spielst du auf der DVD beim Stück "Sequencers Are Beautiful" zu Beginn kurz Gitarre. Hast du dies schon irgendwann früher mal gemacht? Und wird dies künftig häufiger der Fall sein?

Klaus Schulze: Bei Ash Ra habe ich ganz zu Beginn meiner Karriere mal Gitarre und Orgel gespielt, ich hatte einfach Lust, damit mal wieder zu experimentieren. Ich weiß aber nicht, ob das in Europa live gut ankommt - mal sehen!

 

Was war für dich im Nachhinein das Herausragende an diesem Kurztrip nach Japan? Was ist dir besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Klaus Schulze: Auf jeden Fall mir selbst im Wachsmuseum Tokio jung und mit längerem Haar gegenüberzutreten (lacht)! Die Japaner sind sehr höflich und gastfreundlich, sie haben mir meine komplette "Ritterburg" originalgetreu nachgebaut - denn ein Transport von Europa wäre viel zu aufwändig gewesen. Das hat mich schon schwer beeindruckt!

 

Apropos Equipment: was ist für dich der wesentliche Unterschied zwischen deinem früheren Analog-Equipment und den modernen Digitalsynthesizern?

Klaus Schulze: Bei den alten Teilen "knallt" es noch richtig gut. Doch die Vergangenheit ist vorbei, und das soll auch so bleiben. Trotzdem habe ich beim Kontakt mit den Teilen oft noch so was wie zwei Seelen in meiner Brust. Beide Elemente haben ihren eigenen Reiz beim Spielen.

 

Die Tokio-Auftritte waren deine ersten Solokonzerte seit 2003 in Polen. Planst du künftig vermehrt weiter in Richtung "solo"?

Klaus Schulze: Nach der umfangreichen Arbeit mit Lisa Gerrard ist es erstmal an der Zeit, wieder eigene Projekte anzugehen. Dazu zählt auch ein neues Album im Frühjahr. Was danach kommt, weiß ich noch nicht genau. Auf jeden Fall reizen mich Kooperationen schon.

 

Im letzten Jahr gab es eine kleine Europa-Städtetour mit Lisa Gerrard, leider ist das Konzert im wunderschönen Lichtburg-Kino in Essen ohne dich gelaufen. Was war der genaue Grund und warum wurde es nicht nachgeholt, was die rund 1000 Fans hoch erfreut hätte?

Klaus Schulze: Das tut mir im Nachhinein für alle noch sehr leid. Ich war einfach völlig platt an dem Abend. Wir haben die Fahrten zu den Tourstädten mit dem Zug gemacht und kamen aus Amsterdam. Als ich in Essen ankam, ging nichts mehr. Ich hatte vorher auch keinen Schlaf, und mein Kreislauf war völlig unten. Ein herbeigerufener Doc wollte mir unter diesen Umständen den Auftritt nicht zumuten. Nachholen ging aus terminlichen und logistischen Gründen leider nicht.

 

Beim SPV-Label gibt es auf der Homepage einen kurzen Video-Clip dieser Tour zu bestaunen. Wurden sämtliche Konzerte gefilmt und ist eine Veröffentlichung in naher Zukunft ein Thema?

Klaus Schulze: Der Clip wurde nur für Promozwecke mit einer Handkamera gemacht, für einen Konzertmitschnitt reicht das nicht. Einzelne Stücke könnten jedoch als Audiofassungen durchaus später mal rauskommen.

 

Die Arbeit mit Lisa war mit den Konzerten auf der Loreley, in Warschau und der letztjährigen Kurztour sowie den DVDs und dem "Farscape"-Album sehr produktiv. Mein Eindruck war, dass da noch mehr möglich ist...

Klaus Schulze: Auf jeden Fall, doch erstmal mache ich wieder was Eigenes - genau wie Lisa auch. Zudem ist sie als Sängerin viel mit ihren Sachen und Reisen beschäftigt. Irgendwann wird es wieder passen.

 

Was war es eigentlich für ein Gefühl, beim Night of the Prog Festival 2008 auf der Loreley nach knapp 40 Jahren wieder mit dem anderen "elektronischen Urgestein" der Berliner Schule, Edgar Froese von Tangerine Dream, auf einer Bühne zu stehen - wenn auch nacheinander?

Klaus Schulze: Das war super - vor allem die Atmosphäre! Irgendwer hatte am Abend vorher in einer Kneipe Edgar im Scherz gefragt, wie er sich denn fühle, als "Vorgruppe" von Klaus Schulze zu spielen. Das hatte er jedoch gar nicht so scherzig aufgenommen und war danach doch recht sauer. Er ist da manchmal etwas eigen, doch später war alles wieder bestens.

 

Wie hast du damals diesen ersten Auftritt in Deutschland nach gut 7 Jahren (seit dem Klangart-Festival 2001 in Osnabrück) und die Begeisterung der vielen Fans auf der Loreley persönlich empfunden?

Klaus Schulze: Das war schon ein sehr tolles Gefühl. Auch dieser herzlich-warme Empfang. Ich hatte wieder totale Gummiknie und bis zum ersten Ton das Gefühl, ich sterbe gleich. Doch danach ging es dann besser. Lisa und ich hatten für diesen Gig vorher auch kaum proben können, nur kurz beim Soundcheck. Ich war ziemlich aufgeregt, doch Lisa hat da ein einfaches Rezept. Das heißt bei ihr: "You play, I sing"... Und so war es dann auch. Es war ein großartiger Abend, der wesentlich länger ging, als vorher geplant.

 

Du hast in der Vergangenheit mit den verschiedensten Künstlern zusammengearbeitet, so z. B. mit Manuel Göttsching, Arthur Brown oder Harald Großkopf. Auf den damaligen "Go"-Alben auch mit Stomu Yamashta und Al Di Meola, zuletzt mit Lisa Gerrard. Mit wem würde dich in Zukunft eine Zusammenarbeit reizen?

Klaus Schulze: Mit David Gilmour auf jeden Fall! Ich will ihn demnächst fragen, ob er auf meiner neuen Platte einige Gitarren-Tracks spielen mag, das wäre eine schöne Sache. Eventuell später auch gerne mal auf der Bühne. Der Kontakt ist schon beim Pink Floyd-Konzert 1994 in Hannover entstanden und eigentlich nie ganz eingeschlafen. Die Floyd-Leute hatten und mochten damals alle meine Platten, und wir hatten einen guten Draht zueinander, nicht nur beim "German Beer". Mit Steve Hillage oder Gary Moore wäre auch noch eine schöne Idee.

 

Was sind deine Pläne für das neue Jahr und darüber hinaus? Kannst du dir eine Tour in 2011/12 vorstellen?

Klaus Schulze: Ich bin gerade an der Arbeit für die Basic-Tracks meiner neuen CD, die im Frühjahr erscheinen wird. Außerdem arbeite ich noch an den CDs Nr. 9 und 10 der "La Vie Electronique"-Serie aus meinem umfangreichen Klangarchiv. Im März 2011 werde ich zudem zwei Konzerte zur Eröffnung der neuen Oper in Danzig spielen und im April in New York auf einem Festival. Für Deutschland ist momentan noch nichts fest. Ich warte da auf konkrete Angebote, denn ich habe große Lust, auch hier wieder öfter live zu spielen. Auch auf einen Gig beim Burg Herzberg-Festival hätte ich Lust, aber da hat mich bisher noch niemand angerufen.

 

Gibt es noch etwas, was du als eine Art "Winterbotschaft" den Lesern und Fans mitteilen möchtest?

Klaus Schulze: Ja - freut euch über den Schnee, genießt ihn! Schnee bedeutet komplette Stille statt Hektik, Schnee inspiriert. Er gibt das Gefühl, du bist für eine Zeit ganz allein auf der Erde.

 

Vielen Dank für deine Zeit und das Interview! Dir eine schöne Weihnachtszeit und alles Gute für deine Gesundheit sowie deine private und musikalische Zukunft!

Klaus Schulze: Ich danke auch, mir hat das Gespräch richtig Spaß gemacht heute!

 

 

 

Links:

>> CD/DVD-Rezension (02.12.10): Klaus Schulze: Big in Japan (Live-CD + DVD)

>> Video "Big in Japan: Live in Tokyo 2010" bei youtube.com

>> Klaus Schulze: Big in Japan - Reinhören & Kaufen bei amazon.de

>> Konzertbericht Night of the Prog Festival 2008 bei POP FRONTAL

>> CD-Rezension (16.07.08): Lisa Gerrard & Klaus Schulze: Farscape

>> CD-Rezension (28.11.08): Klaus Schulze/Lisa Gerrard: Rheingold

>> Homepage Klaus Schulze

 

 

Klaus Schulze

 

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Klaus Schulze: Big in Japan

Klaus Schulze: Big in Japan (Live-CD + DVD)

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