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Getroffen! Interview mit Tobias Siebert (Klez.E) / Magdeburg, 09.09.2006

Interview: Nico Schmidt   

Musik mit Unterwassergefühl

Vor langer Zeit, damals als eine Mauer Deutschland noch in Ost und West teilte, befand sich das OLi Lichtspielhaus in seiner Blütezeit. Der Esprit vergangener Tage ist äußerlich längst von der Fassade gewichen. Fördermittel aus dem Topf "Aufbau Ost" müssen ihren Weg elegant an der Ovenstender Straße und dem Lichtspielhaus vorbei gemacht haben. Es sind nur wenige Schritte, die den Betrachter des äußeren Scheins von der inneren Realität trennen, die Überraschendes offenbart: Schreitet man durch die unauffällige T¨r des Gebäudes mit der Hausnummer 25, befindet man sich mitten in einem Charme, der wie konserviert wirkt. Auf der Bühne steht in diesem Moment Patrick Zimmer, besser bekannt als Finn., und ist dabei, noch einmal sein Equipment zu überprüfen. Er wird an diesem Abend eine Vorstellung spielen. Gemeinsam mit Me Succeeds und Klez.E. Letztere haben erst vor kurzem für ein Aufhorchen gesorgt, wurde die aktuelle Scheibe "Flimmern" doch von zahlreichen Kritikern als eine der "potentiellen Scheiben des Jahres" ausgerufen. Draußen, unter einem goldenen Spätsommerhimmel, sitzt Tobias Siebert vor dem vermeintlichen Schandfleck. Dieser soll nun die Kulisse sein für unser Gespräch über das "Flimmern" und dieses Leben, das wir leben.

Klez.e

 

Was waren Eure Vorstellungen, als ihr mit der Arbeit an "Flimmern" begonnen habt?

Tobias Siebert: Vorstellungen hatten wir direkt gar keine. Wir wollten an die ersten Platte "Leben Daneben" anknüpfen. Wir wollten uns vor allem kennen lernen in dieser Zeit zwischen den beiden Alben. Das haben wir auch getan. Wir sind auf Tour gegangen. Jeder hat seine Rolle in der Band verinnerlicht, verbessert und ausgebaut. Daraus ist "Flimmern" entstanden, ohne darüber lange zu reden. Es gab keinen anderen Weg, außer dem, gemeinsam Musik zu machen.

 

Was denkst du nun über das Album, da ihr es in die Welt entlassen habt?

Tobias Siebert: Ich finde es persönlich sehr gut. Alles hat sehr lange gedauert. Wir haben letztes Jahr im August angefangen aufzunehmen. Dann mussten wir die Zelte in dem einen Studio abbrechen, haben das neue Studio umgebaut, sind in einen anderen Stadtteil gezogen. Es ist sehr viel passiert. In dieser Phase haben wir das Album sehr oft gehört. Insgesamt haben wir in etwa sechs Monate gebraucht, wovon wir zwei gar nichts an dem Album gemacht haben. Wir kamen irgendwann an diesen Punkt, wo wir merkten, dass wir es nicht mehr hören konnten. Dass wir nicht mehr urteilen konnten, ob es gut oder schlecht war. Wir haben es dann eine Weile weggelegt. In den letzten anderthalb Monaten, vor allem in der Zeit der Tourvorbereitung, haben wir es sehr lieben gelernt.

 

Verliebt in eure eigenen Stücke?

Tobias Siebert: Ja. Wir hören uns die Platte auch selbst sehr gerne an.

 

Wie lautet die Quintessenz von "Flimmern"?

Tobias Siebert: Für uns ist es der Schritt auf die nächste Stufe. Denn "Leben Daneben" war eher überraschend und unklar. Wir kannten uns damals noch nicht sonderlich gut. Wir haben uns getroffen und die Platte gemacht. Einige Stücke waren damals auch noch ausschließlich von mir allein. "Flimmern" ist mehr ein Gesamtkunstwerk, bei dem jeder gleich viel beigesteuert hat. Die Essenz des Albums für uns? (überlegt) ... Wir sind sehr froh, dass es dieses Unterwassergefühl hat. Was wir auch auf dem Cover und mit dem Artwork so hinbekommen haben. Ohne dass es geplant wurde. Man könnte beinahe sagen, es ist ein Konzeptalbum.

 

"Flimmern", ein Konzeptalbum ohne Konzept?

Tobias Siebert: Genau. Das Ergebnis ist für uns eben sehr zufriedenstellend. Denn wir haben uns als Band nun gefunden und werden nun noch mehr zusammenwachsen.

 

Das Lied "Die Essenz" beschäftigt sich teilweise mit dem Leben im Überfluss in einem "reichen Land". Das Land selbst wird erst im Booklet benannt: Amerika. Aus welchem Grund fällt der Name erst dort?

Tobias Siebert: "Die Essenz" ist nicht unbedingt nur auf Amerika bezogen. Ursprünglich war Amerika dort im Text angesetzt, wo nun "du reiches Land" ist. Ich fand dann aber später, dass es zu klar, zu deutlich wäre, direkt Amerika zu singen. Denn es lässt sich auch auf andere Länder transportieren. Ich fand es dann aber auch gut, im Booklet "Amerika" als Beispiel zu nennen.

 

Wie stehst du der weltpolitischen Lage gegenüber?

Tobias Siebert: Sehr kritisch. Daraus entstehen dann auch diese Texte. Es gibt diese "weltpolitischen" Sachen, aber auch Sachen, die konkret in unserem Land geschehen. Es gibt aber zum Beispiel auch Kritik am Musikjournalismus im Lied "Standard". Das sind Dinge, die mich im Kopf beschäftigen und dann auch ausgesprochen werden wollen.

 

Wie kritisch bist du dir selbst gegenüber?

Tobias Siebert: Ebenfalls sehr. Ich bin ein absoluter Perfektionist. Ich stelle daher viele Dinge, die ich selbst tue, in Frage.

 

In den Stücken "Werbefläche Mond" und "Standard", du hast es bereits angedeutet, wird die Konsumgesellschaft mit ihren Auswüchsen thematisiert. Fühlt ihr euch als ein Teil von ihr?

Tobias Siebert: Ja, man kann sich dem nicht komplett entziehen. Wir versuchen aber auch selbst Zeichen zu setzen. Denn ich denke, auch kleine Dinge oder kleine Schritte, die man anders macht, sind sehr wichtig. Alles richtig zu machen, geht natürlich nicht, aber wir versuchen im kleinen, Dinge möglich zu machen und gleichzeitig das Ganze zu umgehen. Das fängt damit an, dass wir ein sehr kleines Label in Berlin haben. Wir wollen eben mit keinem großen Majorlabel zusammenarbeiten.

 

"Flimmern" erscheint jedoch im Vertrieb von Universal.

Tobias Siebert: Vertrieb. Aber das Label sagt an, worum es geht. Universal ist lediglich die Einheit, die die Platten in die Läden stellt. Sie reden uns dabei aber in keine Entscheidungen rein. Dort gibt es niemandem am Ende der Kette, der zu uns sagt "So, wir brauchen jetzt eine Single, sonst können wir das nicht machen". "Strandlied" haben wir Universal als Gratis-Download für den Online-Vertrieb gegeben. So etwas kennt man dort gar nicht. Von den Künstlern, die sonst über den Universal-Vertrieb laufen, gibt es so etwas für gewöhnlich gar nicht. Die Leute in diesen Abteilungen finden es daher auch sehr spannend, nun einmal mit kleineren Labels zusammenzuarbeiten, wenn es zum Beispiel um dieses Verschenken geht. Sie müssen aber auch mit kleineren Plattenläden zusammenarbeiten. Wir haben eine Liste von kleinen Plattenläden zusammengetragen, die uns sehr wichtig sind. Nicht diese großen Märkte, die sonst eher von Universal beliefert werden. Damit sind wir nur auf positive Reaktionen gestoßen.

 

Die taz beschreibt eure Musik als "Festivalmusik, die optimal zum Biertrinken ist". Was denkst du darüber?

Tobias Siebert: Festivalmusik finde ich relativ gut. Denn ich mag es persönlich sehr, wenn es dunkel ist, auf großen Bühnen zu spielen. Auch selbst Konzerte bei solch einer Atmosphäre zu sehen. Das mit dem Bier habe ich allerdings nicht ganz verstanden.

 

Wie würdest du eure Musik selbst beschreiben?

Tobias Siebert: Diese Frage ist immer eine schwere Frage. Es ist Gitarrenmusik mit Elektronikeinflüssen. (überlegt) Ja, jemand meinte einmal Gitarrenmusik mit Elektrostreußeln, das fanden wir ganz gut getroffen.

 

Derzeit liest man viel Positives über eure Band. Wohin wird euch dieser Aufwind in Zukunft treiben?

Tobias Siebert: Es gibt uns viel Kraft, denn es zeigt uns, dass es auch Medien gibt, die sich für unsere Musik interessieren. Vor allem weil diese nicht gerade Musik der leichten Sorte ist: die Lieder sind teilweise sehr lang, es gibt laut und leise. Musik, die sicherlich nicht in den Charts vorkommen wird. Von daher ist es sehr gut, dass sich auch größere Medien zu Wort melden. Das alles gibt uns definitiv Aufwind. Die Tour läuft derzeit sehr gut. Wir wollen so schnell wie möglich wieder in den Proberaum. Neue Stücke schreiben. Die neue Platte vorbereiten.

 

Habt ihr für diese bevorstehenden Arbeiten bereits klare Ideen?

Tobias Siebert: Ja. Wir wollen vor allem mehr live aufnehmen. Das heißt, dass alle Musiker gleichzeitig ihre Instrumente einspielen. Auf "Flimmern" war das nur bei einem Stück der Fall, "Standard". So wollen wir zumindest das Gerüst der neuen Songs bauen: Bass, Schlagzeug und Gitarren. Im Vorfeld wollen wir noch mehr Geräusche sampeln. Was auf "Flimmern" bereits auch im Ansatz geschehen ist. So ist beim "Strandlied" die Bassdrum ein Sofa, auf das wir mit einem Drumstick geschlagen haben. Noch größere Samplebänke sollen entstehen, auf die wir dann im Studio einfach via Keyboardtasten zugreifen können. Dieses Mal wollen wir auch Stimmensamples verwenden. Die Experimente geschehen schon vor dem Schreiben der Stücke und sind dann im Songentstehungsprozess einfach verfügbar für uns.

 

Vielen Dank für das Gespräch und und viel Spaß noch auf Tour!

 

Links:

>> Tourinfo Klez.e bei POP FRONTAL

>> Klez.e - Flimmern: Reinhören und Kaufen bei amazon.de

>> CD-Rezension (23.08.04): Leben Daneben

>> Interview mit Klez.e (04.10.2004)

>> Homepage Klez.e

 

Klez.e - Flimmern

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(Loob Musik / Universal)

 

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