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Gesehen! WDR-KrautRockpalast / 21. - 23.12.2004, Bonn, Harmonie

"Was macht ihr eigentlich, wenn ihr einmal älter seid?"

Text: Carlo R. Reßler

Die experimentelle "Deutschrockszene", in den 70ern geboren und vom jüngst verstorbenen BBC-Radio-DJ John Peel damals eher abwertend als "Krautrock" bezeichnet, ist auch heute noch sehr lebendig und voll da! Reges Medieninteresse, lukrative Plattenumsätze und Neuveröffentlichungen sowie mitreißende und gut besuchte Live-Auftritte belegen dies seit einigen Jahren wieder recht eindrucksvoll. Dem wollte sich auch der WDR nicht verschließen, und so organisierte das Rockpalast-Team im frisch renovierten und dafür wie geschaffenen Bonner Szeneclub Harmonie an drei Abenden ein beeindruckendes "Remember-Festival" mit sechs legendären und noch immer sehr aktiven Bands dieser Szene.

Birth Control

Birth Control: Drummer-Legende Bernd Noske

So entstand dank dem WDR ein Festival der besonderen Art, welches Livemusik auf höchstem Niveau bot und Bands und Publikum richtig Spaß machte. Für alle die nicht dabei waren, wurden die Bands in der an allen drei Abenden sehr gut besuchten Harmonie von mindestens einem halben Dutzend Kameraleuten für die "Rockpalast-Sendung" professionell aufgezeichnet: Sendetermin: 03. Januar 2005 ab 1.00 Uhr morgens!

Den Anfang des Konzertreigens machte die 1971 gegründete Berliner Band Karthago, welche sich kürzlich um Sänger und Gitarrist Joey Albrecht wieder neu formiert hat. Besonders er und die beiden Rodriguez-Brüder Rolo (Drums) sowie Chris (Perkussion) überzeugten durch handwerklich perfekte Arbeit und konnten mit leichtgängigem, punktgenauen Spiel die Fans beeindrucken. Karthargo spielten in Bonn fetzigen frischen Rock mit einigen Blues-Elementen. Ihr starkes Highlight "We Give You All You Want" konnte man wörtlich nehmen und auch als Motto für das gesamte Festival bezeichnen.

Wofür der Krautrock-Begriff aber eigentlich steht, konnte danach Guru Guru überzeugend zeigen. Bereits 1969 im Odenwald gegründet und schon 1976 als erste deutsche Band überhaupt im Rockpalast-TV, versprühte die Band um Megaschlagzeuger Mani Neumeier bei ihrem Bonner Auftritt zum 35-jährigen Bühnenjubiläum bemerkenswert viel Frische und Lust am Spielen, kombiniert mit lebendiger musikalischer Vielfalt. Ob indisch-exotisch wie in "Idi Killir" (hier wirklich Klasse: Roland Schaeffer an der Nagesmaram / indische Klarinette), italienisch-volkstümlich wie in "Il Maestroso" oder experimentell-grooverockig wie auf der letzten Scheibe "2000 Gurus" - diese Band ist immer wieder ein besonderes Live-Erlebnis, und besonders das immense Bewegungspensum des 63-jährigen Mani ist unbeschreiblich! Die zentrale Textfrage "Was macht ihr eigentlich, wenn ihr einmal älter seid?" von ihrem 1973er Evergreen "Der Elektrolurch" beantwortete Oberguru Mani Neumeier dann gemeinsam mit dem Schweizer Spezialisten für geniale Gitarrenriffs, Luigi Archetti, zum Abschluss auf ihre Weise: mit einem fulminanten Duett-Solo unter kaum enden wollenden Applaus der Fans.

Die Starter des zweiten Abends waren die Heavy-Rocker Epitaph (Grabinschrift) aus Dortmund. Doch wie eine Beerdigung wirkte ihr Auftritt beileibe nicht, zumal die beiden Gründer Cliff Jackson an der Gitarre und Bernie Kolbe am Bass einen fulminanten Gig mit langen hämmernden Bassläufen und fetzigen Riffs hinlegten. Dabei bediente sich die Band fast ausschließlich Materials ihrer 73er Hitplatte "Outside The Law" und konnten dabei mit mitreißender Bühnenshow voll überzeugen. Am Ende ihres Sets kam für den Blues "Going To Chicago" sogar noch Ex-Epitaph- und heute Jane-Gitarrist Klaus Walz mit auf die Bühne zu seinen alten Freunden.

Von vielen Fans und den zahlreich anwesenden Journalisten mit Spannung erwartet wurde der nun folgende Auftritt von Jane aus Hannover. Jane waren neben Eloy (leider heute nicht mehr aktiv) die kommerziell wohl erfolgreichste Krautrockband der 70er und haben damals einige unvergessliche Platten wie "Fire, Water, Earth & Air" oder das Muss-man-haben-Album "Live At Home" eingespielt. Ihr jetziger Konzertauftakt "Back Again" klang jedoch äußerst blutleer und ließ im Publikum Schlimmstes befürchten. Ein Eindruck, der sich jedoch im Laufe des Gigs zum Glück vollkommen zerstreute. Mit ein Grund dafür war der geniale Keyboarder Werner Nadolny, "brav" mit Schlips und Jackett hinter’m weißen Konzertflügel, welcher auch noch sehr romantisch mit weißen Kerzen dekoriert wurde. Optisch wirkte das wie einst Udo Jürgens im „ehrenwerten House“, doch akustisch gab sein Synthesizer- und Orgelspiel Jane nun wieder das berühmte besondere Volumen, den tragenden Sound und hymnische Melodien. Spätestens beim Klassiker „Daytime“ war die bekannte Jane-Magie wieder voll da, und einige Fans schnalzten genüsslich die Zungen. Klaus Waltz hatte Raum für lange Gitarrenläufe, Urgestein Peter Panka drosch kraftvoll exakt die Drumbecken, und besonders Bassmann Charly Maucher spielte gekonnt abgrundtief auf. Beim von Werner Nadolny grandios neu arrangierten 15-Minuten-Medley aus den Stücken "Windows" und "Spain" wurden die alten melodischen Heavy-Momente der Jane-Musik, für die sie einst sehr berühmt waren, wieder wach. In der Zugabe noch "So, So long" – bei dieser Spielfreude hoffentlich bis bald!

Zu Beginn des restlos ausverkauften dritten Abends kam eine weitere und vor allem live sehr aktive Rocklegende on Stage: Birth Control vor gut 35 Jahren in Berlin gegründet und nach ca. zehnjähriger Pause seit 1993 dank Urgestein Bernd "Nossi" Noske wieder voll im Saft dabei. So starteten sie auch mit "Rock The Road" von der letzten sehr hörenswerten Studio-CD „Alsatian“ direkt ein beindruckendes Klanggewitter. Die erste Hälfte des Auftrittes war dann ihren neueren Rockstücken gewidmet, während sie sich später mit Hochgeschwindigkeits-Riffs von Gitarrenpapst Peter Engelhardt und treibenden Keyboard-Solos von Sasha Kühn in ihre Vergangenheit bewegten. Hin zu "Back From Hell" (mit hervorragendem Gastsänger Peter Föller) und dem von den Fans stürmisch geforderten "The Work Is Done". Hier konnte "Schlagzeug-Tier" Nossi mit seinem langen fulminanten Solo an der Schießbude erneut zeigen, was in ihm steckt und warum er seit Jahrzehnten zu den Besten seiner Gattung zählt. Vor der Zugabe dann mit "Gamma Ray", dem Deutschrock- Klassiker schlechthin, noch die beliebte Krönung jedes BC-Auftrittes, in einer etwas neuen 18 Minuten langen Version. Fazit: Birth Control ist auch in diesem Jahrtausend eine absolute Bank, auf die man besonders bei Liveauftritten vertrauensvoll setzen kann – Gratulation!

Zum Abschluss betrat mit Amon Düül II, Ende der 60er Jahre aus Münchner Kommunen hervorgegangen, eine äußerst experimentierfreudige und neben Ton Steine Scherben politisch sehr eigenwillige Krautrock-Band die Bühne. Seit ihrem 69er Debüt-Kultalbum "Phallus Dei" wurden sie von Kritikern als "frühe deutsche Pink Floyd" (FAZ) bejubelt oder auch hart abwertend als düstere Psychedelic-Fuzzies bezeichnet. Ihre Musik genossen viele Fans damals ausschließlich unter Drogen. Auch in der Harmonie bot die vor einigen Jahren um den herausragenden Gitarristen John Weinzierl fast in Original-Besetzung reformierte Band im Laufe ihres Auftrittes oft sphärische Soundmixturen aus starken Jazz- und Rockelementen. Gestört wurde Amon Düüls manchmal sehr abgefahrener Trancerock-Gig jedoch vom für viele Ohren oft zu schrägen Gesang von Renate Knaup-Krötenschwanz mit ihrer Reibeisen-Röhre. Wie auch immer, live sind sie auf alle Fälle den Besuch wert.

So endete dieses besondere Festival dann unter lang anhaltendem Applaus der begeisterten Fans jeden Alters, und es bleibt ein großer Dank für die gelungene Umsetzung an das Rockpalast-Team sowie an Kolli als Veranstalter der sehr ansprechenden Bonner Harmonie. Zu hoffen bleibt, dass solch herausragende Deutsch-Rockbands auch in Zukunft noch lange einen festen Platz in der heute oft so oberflächlichen Musikszene einnehmen werden, denn sie sind hier eine echte Bereicherung.

 

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