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So entstand dank dem WDR ein Festival der besonderen Art, welches Livemusik auf
höchstem Niveau bot und Bands und Publikum richtig Spaß machte. Für
alle die nicht dabei waren, wurden die Bands in der an allen drei Abenden sehr
gut besuchten Harmonie von mindestens einem halben Dutzend Kameraleuten für
die "Rockpalast-Sendung" professionell aufgezeichnet: Sendetermin: 03.
Januar 2005 ab 1.00 Uhr morgens!
Den Anfang des Konzertreigens machte die 1971 gegründete Berliner Band Karthago,
welche sich kürzlich um Sänger und Gitarrist Joey Albrecht wieder neu
formiert hat. Besonders er und die beiden Rodriguez-Brüder Rolo (Drums) sowie
Chris (Perkussion) überzeugten durch handwerklich perfekte Arbeit und konnten
mit leichtgängigem, punktgenauen Spiel die Fans beeindrucken. Karthargo spielten
in Bonn fetzigen frischen Rock mit einigen Blues-Elementen. Ihr starkes Highlight
"We Give You All You Want" konnte man wörtlich nehmen und auch
als Motto für das gesamte Festival bezeichnen.
Wofür der Krautrock-Begriff aber eigentlich steht, konnte danach Guru
Guru überzeugend zeigen. Bereits 1969 im Odenwald gegründet
und schon 1976 als erste deutsche Band überhaupt im Rockpalast-TV, versprühte
die Band um Megaschlagzeuger Mani Neumeier bei ihrem Bonner Auftritt zum 35-jährigen
Bühnenjubiläum bemerkenswert viel Frische und Lust am Spielen, kombiniert
mit lebendiger musikalischer Vielfalt. Ob indisch-exotisch wie in "Idi Killir"
(hier wirklich Klasse: Roland Schaeffer an der Nagesmaram / indische Klarinette),
italienisch-volkstümlich wie in "Il Maestroso" oder experimentell-grooverockig
wie auf der letzten Scheibe "2000 Gurus" - diese Band ist immer wieder
ein besonderes Live-Erlebnis, und besonders das immense Bewegungspensum des 63-jährigen
Mani ist unbeschreiblich! Die zentrale Textfrage "Was macht ihr eigentlich,
wenn ihr einmal älter seid?" von ihrem 1973er Evergreen "Der Elektrolurch"
beantwortete Oberguru Mani Neumeier dann gemeinsam mit dem Schweizer Spezialisten
für geniale Gitarrenriffs, Luigi Archetti, zum Abschluss auf ihre Weise:
mit einem fulminanten Duett-Solo unter kaum enden wollenden Applaus der Fans.
Die Starter des zweiten Abends waren die Heavy-Rocker Epitaph
(Grabinschrift) aus Dortmund. Doch wie eine Beerdigung wirkte ihr Auftritt beileibe
nicht, zumal die beiden Gründer Cliff Jackson an der Gitarre und Bernie Kolbe
am Bass einen fulminanten Gig mit langen hämmernden Bassläufen und fetzigen
Riffs hinlegten. Dabei bediente sich die Band fast ausschließlich Materials
ihrer 73er Hitplatte "Outside The Law" und konnten dabei mit mitreißender
Bühnenshow voll überzeugen. Am Ende ihres Sets kam für den Blues
"Going To Chicago" sogar noch Ex-Epitaph- und heute Jane-Gitarrist Klaus
Walz mit auf die Bühne zu seinen alten Freunden.
Von vielen Fans und den zahlreich anwesenden Journalisten mit Spannung erwartet
wurde der nun folgende Auftritt von Jane aus Hannover. Jane waren
neben Eloy (leider heute nicht mehr aktiv) die kommerziell wohl erfolgreichste
Krautrockband der 70er und haben damals einige unvergessliche Platten wie "Fire,
Water, Earth & Air" oder das Muss-man-haben-Album "Live At Home"
eingespielt. Ihr jetziger Konzertauftakt "Back Again" klang jedoch äußerst
blutleer und ließ im Publikum Schlimmstes befürchten. Ein Eindruck,
der sich jedoch im Laufe des Gigs zum Glück vollkommen zerstreute. Mit ein
Grund dafür war der geniale Keyboarder Werner Nadolny, "brav" mit
Schlips und Jackett hinter’m weißen Konzertflügel, welcher auch
noch sehr romantisch mit weißen Kerzen dekoriert wurde. Optisch wirkte das
wie einst Udo Jürgens im „ehrenwerten House“, doch akustisch
gab sein Synthesizer- und Orgelspiel Jane nun wieder das berühmte besondere
Volumen, den tragenden Sound und hymnische Melodien. Spätestens beim Klassiker
„Daytime“ war die bekannte Jane-Magie wieder voll da, und einige Fans
schnalzten genüsslich die Zungen. Klaus Waltz hatte Raum für lange Gitarrenläufe,
Urgestein Peter Panka drosch kraftvoll exakt die Drumbecken, und besonders Bassmann
Charly Maucher spielte gekonnt abgrundtief auf. Beim von Werner Nadolny grandios
neu arrangierten 15-Minuten-Medley aus den Stücken "Windows" und
"Spain" wurden die alten melodischen Heavy-Momente der Jane-Musik, für
die sie einst sehr berühmt waren, wieder wach. In der Zugabe noch "So,
So long" – bei dieser Spielfreude hoffentlich bis bald!
Zu Beginn des restlos ausverkauften dritten Abends kam eine weitere und vor allem
live sehr aktive Rocklegende on Stage: Birth Control vor gut
35 Jahren in Berlin gegründet und nach ca. zehnjähriger Pause seit 1993
dank Urgestein Bernd "Nossi" Noske wieder voll im Saft dabei. So starteten
sie auch mit "Rock The Road" von der letzten sehr hörenswerten
Studio-CD „Alsatian“ direkt ein beindruckendes Klanggewitter. Die
erste Hälfte des Auftrittes war dann ihren neueren Rockstücken gewidmet,
während sie sich später mit Hochgeschwindigkeits-Riffs von Gitarrenpapst
Peter Engelhardt und treibenden Keyboard-Solos von Sasha Kühn in ihre Vergangenheit
bewegten. Hin zu "Back From Hell" (mit hervorragendem Gastsänger
Peter Föller) und dem von den Fans stürmisch geforderten "The Work
Is Done". Hier konnte "Schlagzeug-Tier" Nossi mit seinem langen
fulminanten Solo an der Schießbude erneut zeigen, was in ihm steckt und
warum er seit Jahrzehnten zu den Besten seiner Gattung zählt. Vor der Zugabe
dann mit "Gamma Ray", dem Deutschrock- Klassiker schlechthin, noch die
beliebte Krönung jedes BC-Auftrittes, in einer etwas neuen 18 Minuten langen
Version. Fazit: Birth Control ist auch in diesem Jahrtausend eine absolute Bank,
auf die man besonders bei Liveauftritten vertrauensvoll setzen kann – Gratulation!
Zum Abschluss betrat mit Amon Düül II, Ende der 60er Jahre aus Münchner
Kommunen hervorgegangen, eine äußerst experimentierfreudige und neben
Ton Steine Scherben politisch sehr eigenwillige Krautrock-Band die Bühne.
Seit ihrem 69er Debüt-Kultalbum "Phallus Dei" wurden sie von Kritikern
als "frühe deutsche Pink Floyd" (FAZ) bejubelt oder auch hart abwertend
als düstere Psychedelic-Fuzzies bezeichnet. Ihre Musik genossen viele Fans
damals ausschließlich unter Drogen. Auch in der Harmonie bot die vor einigen
Jahren um den herausragenden Gitarristen John Weinzierl fast in Original-Besetzung
reformierte Band im Laufe ihres Auftrittes oft sphärische Soundmixturen aus
starken Jazz- und Rockelementen. Gestört wurde Amon Düüls manchmal
sehr abgefahrener Trancerock-Gig jedoch vom für viele Ohren oft zu schrägen
Gesang von Renate Knaup-Krötenschwanz mit ihrer Reibeisen-Röhre. Wie
auch immer, live sind sie auf alle Fälle den Besuch wert.
So endete dieses besondere Festival dann unter lang anhaltendem Applaus der begeisterten
Fans jeden Alters, und es bleibt ein großer Dank für die gelungene
Umsetzung an das Rockpalast-Team sowie an Kolli als Veranstalter der sehr ansprechenden
Bonner Harmonie. Zu hoffen bleibt, dass solch herausragende Deutsch-Rockbands
auch in Zukunft noch lange einen festen Platz in der heute oft so oberflächlichen
Musikszene einnehmen werden, denn sie sind hier eine echte Bereicherung.
Links:
>> Festival-Info WDR KrautRockpalast 1. Tag bei POP FRONTAL
>> Festival-Info WDR KrautRockpalast 2. Tag bei POP FRONTAL
>> Festival-Info WDR KrautRockpalast 3. Tag bei POP FRONTAL
>> Homepage KrautRockpalast
>> Homepage Karthago
>> Homepage Guru Guru
>> Homepage Epitaph
>> Homepage Jane
>> Homepage Amon Düül II
>> Homepage Birth Control
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