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Getroffen! Interview mit Carl-Johan Fogelklou (Mando Diao) / Hannover, 21.11.2006

Interview: Nico Schmidt   

"I went to school, oh, I was cool"

Für die Libertines war es einst "Albion". Ihr Fabelort, dem Pete Doherty dann schließlich auch sein erstes Babyshambles-Album widmete. Anno 2006 ist es eine Meute Schweden, die in ihre Phantasie abdriftet. "Ochrasy" nennt sich hier der imaginäre Zufluchtsort. Jener Eingebung von Sänger Björn Dixgard folgend schrieben Mando Diao nun eine eigene Ode. Darüber, dass die Welten von Albion und Ochrasy vielleicht gar nicht allzu weit auseinander liegen, wie es ist, seine Platte selbst zu produzieren oder über das Selbstbewusstsein des Schweden-Vierers stand uns Mando Diao-Bassist Carl-Johan Fogelklou beim Konzert in Hannover Rede und Antwort. Im Übrigen, soviel sei gesagt, wesentlich schüchterner, als es das egozentrische Image der Schweden vielleicht vermuten ließ.

Mando Diao

 

Für euer neues Album "Ode to Ochrasy" habt ihr selbst hinter den Reglern gestanden. Wie kam es dazu?

Carl-Johan Fogelklou: Als wir mit den Arbeiten für das Album begonnen haben, arbeiteten wir mit Bjorn Olsson, der vor knapp zehn Jahren Songwriter und Gitarrist bei Soundtrack Of Our Lives war. Seine Herangehens- und Sichtweise in Sachen Songwriting und Arrangements hat uns sehr gefallen. Allerdings war er bereits nach kurzer Zeit gezwungen, die Zusammenarbeit zu beenden, weshalb nur ein oder zwei Songs von ihm produziert sind. In der Folgezeit fanden wir keinen adäquaten Ersatz. Da kam uns die Idee, wenn wir niemanden finden, der es machen kann, müssen wir es selbst tun. Dazu arbeiteten wir lediglich mit einem Toningenieur zusammen, der gleichzeitig als Co-Produzent fungierte. Sein Name war Patrick, und wir nahmen schließlich fast das ganze Album in seinem Studio auf.

 

Hattet ihr Schwierigkeiten dabei, die Balance zwischen Perfektion und Rauheit zu finden?

Carl-Johan Fogelklou: Nein. Es war ein leichtes für uns, unsere Vorstellungen vom eigenen Sound auf Band zu bekommen. Jeder Ton auf dem Album ist daher sehr natürlich. Es ist uns gelungen, in jeden einzelnen Klang eine Bedeutung zu legen. Unser Ansatz war aber, dass das Album so klingen sollte, wie es Mando Diao live auf der Bühne tun.

 

Als ihr euer erstes Album "Bring 'Em In" aufnahmt, hattet ihr noch keinen Plattenvertrag unterschrieben. Daher lag in keiner Weise Druck auf euren Schultern, geschweige denn eine Erwartungshaltung seitens von Fans oder Kritikern. Ist es euch gelungen, wieder diese Atmosphäre zu schaffen?

Carl-Johan Fogelklou: Wir bilden als Band eine sehr starke Einheit. So kümmern wir uns kaum darum, was andere uns sagen wollen. Was sehr wichtig ist. Wenn jemand zu uns sagt: "Dieser Song sollte nicht auf dem Album sein", lautet unsere Antwort: "Wenn du diesen Song nicht auf dem Album haben willst, dann wird es kein weiteres Mando Diao-Album geben. Also lässt du ihn besser auf dem Album, oder es wird diese Band nicht mehr geben." Wenn es um unsere eigenen Vorstellungen geht, haben wir ein starkes Selbstbewusstsein. Damit müssen die Menschen eben leben.

 

Die meisten Texte eurer neuen Stücke erzählen Geschichten über merkwürdige Charaktere. Habt ihr das Geschichtenerzählen für euch entdeckt?

Carl-Johan Fogelklou: Die Sache ist, dass wir nun endlich Geschichten zu erzählen haben. Innerhalb der letzten zwei Jahre haben wir einiges erlebt. Als wir früher unsere Songs geschrieben haben, hatten wir zuvor bei weitem nicht soviel gesehen. Es ist halt nicht sonderlich interessant, über seine Kindheit zu schreiben. "I went to school, oh I was cool". Das ist einfach nichts Besonderes. Diese seltsamen Personen hingegen schon.

 

Eine dieser seltsamen Personen ist "Herr Horst", ein in Stockholm lebender obdachloser Deutscher. Wie seid ihr auf ihn gestoßen?

Carl-Johan Fogelklou: Wenn du in Stockholm bist, siehst du ihn nahezu jedes Mal. Er steht dort, drückt sich sein Taschenradio ans Ohr und spielt dazu Mundharmonika. Einmal, als Björn betrunken war, stolperte er über Herrn Horsts Bett. Da wurde Herr Horst sehr sauer. Björn gab ihm zwanzig Euro und versuchte, sich zu entschuldigen. Da wurde Herr Horst plötzlich sehr glücklich und begann, auf seiner Mundharmonika zu spielen. Genau so, wie du es auf dem Stück hören kannst.

 

Aber er hat sie nicht auf dem Album gespielt...

Carl-Johan Fogelklou: Er würde einfach nicht in ein Tonstudio passen. Es ist sehr schwer, sich mit ihm zu verständigen, denn er ist nicht sehr gesprächig. Wenn du ihm eine Frage stellst, antwortet er dir irgendeinen Nonsens.

 

Für die Promo-Arbeit zu "Ode to Ochrasy" habt ihr Journalisten aus aller Welt in eure Heimatstadt eingeladen. Wie wichtig sind euch eure Ursprünge heute noch?

Carl-Johan Fogelklou: Ja, wir haben ihnen zum Beispiel unsere Schule und den Laden von Björns Mutter gezeigt. Dinge, die unsere Kindheit und Jugend ausmachten. Das alles bedeutet uns sehr viel, immerhin ist daraus einst unsere Band entstanden. Es macht aber auch einfach Spaß, fremde Menschen durch diese Gegend zu führen. Ich werde dabei selbst immer ein wenig nostalgisch. Das ist schön.

 

Während ihr auf Tour seid, spielt ihr häufig das Bob Dylan-Stück "Mama, you've been on my mind lately". Müsst ihr selbst noch mit dem Heimweh kämpfen?

Carl-Johan Fogelklou: Oh ja, fast jeden Tag. Deshalb rufe ich auch sehr oft zu Hause an...

 

Was läuft derzeit im Tourbus auf Heavy Rotation?

Carl-Johan Fogelklou: Im Moment kaum Musik. Bis auf das neue Beatles-Album "Love", was wirklich großartig ist. Aber wir haben uns vor ein paar Tagen diese James-Bond-DVD-Collection gekauft. Zuletzt haben wir gestern "Moonraker" gesehen, einen der besseren Bond-Filme.

 

Heute Abend spielt ihr das letzte Deutschland-Konzert der aktuellen Tour, danach geht es weiter nach Großbritannien, wo ihr mit Carl Barats Dirty Pretty Things eine gemeinsame Headliner-Tour spielen werdet. Eine Ehre für euch?

Carl-Johan Fogelklou: Ich schaue nicht zu Carl Barat auf, im Sinne eines Idols oder so. Mando Diao haben ihr erstes Album noch vor dem ersten Album von Barats Libertines veröffentlicht. Wir kennen uns, und das sind wirklich sehr nette Jungs. Er und Pete Doherty sind wahrscheinlich das beste britische Songwriter-Duo seit Mick Jones und Joe Strummer. Dieses ganze Drumherum kümmert mich eher wenig. Es wäre großartig, wenn sie wieder anfangen würden, gemeinsam Songs zu schreiben. Meiner Meinung nach haben sie die Höhepunkte ihres Schreibens als Duo erreicht. Die Babyshambles sind gut, die Dirty Pretty Things sind gut, aber beides ist nicht so gut, wie das, was sie gemeinsam gemacht haben.

 

Was wird dieser Tour folgen?

Carl-Johan Fogelklou: In jedem Fall ein weiteres Album. Zwar haben wir momentan noch nicht viele Stücke zusammen, da "Ode to Ochrasy" erst vor ein paar Monaten erschienen ist, aber es werden langsam immer mehr. Derzeit sind wir alle an verschiedensten Musikrichtungen interessiert. Wenn du zum Beispiel Künstler wie Adam Green hörst, erfährst du durch ihn etwas über andere Künstler. Oder nimm die Beatles, du hörst ihre Alben und auf einmal beginnst du, dich für Künstler wie die Wings zu interessen oder für John Denver. Einer meiner Helden. Dank all dieser Faktoren, denke ich, dass das nächste Album etwas Neues sein wird.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Links:

>> Künstlerinfo Mando Diao bei POP FRONTAL

>> Mando Diao: Ode To Ochrasy: Reinhören und Kaufen bei amazon.de

>> Konzertbericht Mando Diao @ o2 Music-Flash (30.08.06) bei POP FRONTAL

>> Homepage Mando Diao

 

Mando Diao @ o2 Music-Flash

 

Mando Diao

Mando Diao

 

Mando Diao: Ode To Ochrasy

Mando Diao: Ode To Ochrasy

(EMI / EMI)

 

 

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