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Getroffen! Interview mit James De Malplaquet / The Miserable Rich (April 2010)
Präsentiert von POP FRONTAL
“Ich bin ein für jeden erschwinglicher Luxusartikel!”
Text/Interview: Sandra Kriebitzsch
Die südenglische Hafenstadt Brighton quillt über vor
guten Musikern und Bands. The Miserable Rich stechen schon deshalb
heraus, weil sie für eine Popgruppe ungewöhnliche
Instrumente spielen: die Band um Frontmann James de Malplaquet ist
ein Streicherquintett. Aber eines, das keineswegs nach klassischem
Kammerorchester klingt, sondern großartige Popsongs am
laufenden Band produziert. Mit "Of Flight And Fury" haben
die fünf Herren ihr zweites Album vorgelegt und kommen aus
diesem Anlass zu uns auf Tour – präsentiert von POP
FRONTAL. Im Vorfeld stand uns James de Malplaquet Rede und Antwort.
Am Ende sagt er, er sei ein Luxusartikel, der für jeden
erschwinglich ist. Wenn das kein Grund ist, sofort ein Ticket zu
erstehen?
James De Malplaquet
Der Titel eures neuen Albums ist "Of Flight And Fury".
Vor was flüchtest du? Was macht dich wütend?
James De Malplaquet: Kein Grund zur Sorge – wir haben nichts
Kriminelles gemacht. Nichts sehr Illegales auf jeden Fall. Der Titel
des Albums kommt von der Idee der Flucht vor Dingen, vor denen wir
das Bedürfnis haben abzuhauen. Ich denke, es gab letztes Jahr
viele Dinge, über die man wütend werden konnte –
Banken, Kriege oder einfach – in unserem Fall – falsche
geschäftliche Entscheidungen. Die Flucht drückte sich aus
in Form von Romantik, Fantasie und Substanzen. Du hast vielleicht
bemerkt, dass der vorletzte Song „Hungover“ heißt.
Ihr macht gerne Coverversionen von bekannten Liedern, z.B. „Over
And Over“ von Hot Chip, „Golden Brown“ von den
Stranglers oder „Sweet Dreams“ von den Eurythmics. Wie
sucht ihr die Stücke aus? Habt ihr für die anstehende Tour
schon eine neue Coverversion im petto?
James De Malplaquet: Um ehrlich zu sein, haben wir gerade ein
Konzert gegeben, bei dem wir das gesamte Album von vorne bis hinten
gespielt haben. Es war so eine schöne Erfahrung, wir bekamen
wunderbare Reaktionen aus dem Publikum - wir sind im Moment richtig
heiß darauf, unsere eigenen Sachen zu spielen. Wir haben
inzwischen ein recht umfangreiches eigenes Programm – aber es macht
immer wieder Spaß, Stücke von anderen zu spielen. Wir sind
schließlich Musikliebhaber. Generell mögen wir es, Songs
auszusuchen, von denen wir denken, dass sie niemand von einem
Streicherquintett wie uns erwarten würde, weder musikalisch noch
textlich. Wir machen uns einen Spaß damit. Wenn wir auf Tour
sind, spielen wir immer verschiedene Sachen beim Soundcheck. Wir
spielen in Europa immer recht lange Sets, man weiß also nie,
mit welchen Überraschungen wir plötzlich aufwarten.
Die Legende sagt, dass ihr euren Bandnamen nach einem Gig im
Rahmen einer Hochzeitsparty in Rom gefunden habt: dort waren nur
unsympathische, reiche Gäste. Habt ihr jemals wieder ein solch mieses
Publikum gehabt?
James De Malplaquet: Nicht wirklich. Wir hatten ein-, zweimal ein
„steifes“ Publikum. Da ist es immer am besten, wenn jeder
ruhig bleibt und Band und Publikum sich ähnlich verhalten. Wir
hatten einmal in Birmingham einen Haufen rumkrakelender Betrunkener,
die in der ersten Reihe mit Tequila rumgespritzt haben. In Bremen
wollten ein paar Jungs den ganzen Abend den Geburtstag ihres Vaters
feiern. Es kann schon manchmal zu weit gehen. Aber meistens haben wir
schon Glück: die Konzertgäste wollen zuhören und einen
besonderen Abend erleben. In Deutschland, Österreich und der
Schweiz hat man – ich denke, das weiß jede britische Band
– stets ein großartiges Publikum. Wir können es kaum
erwarten, wieder dort zu spielen.
Ihr habt schon mehrere Male in Deutschland gespielt. Was
erwartet ihr von der kommenden Tour? Ist das deutsche Publikum anders
als in anderen Ländern?
James De Malplaquet: Ja, wir haben sowohl ein deutsches als auch
ein britisches Label. Deshalb waren wir schon einige Male in
Deutschland. Ich bin eher ein nervöser Typ und geriet damals ein
wenig in Panik, als uns unser deutscher Tourmanager Carsten vor
unserem allerersten Gig sagte, dass man in Deutschland von einer Band
erwarte, über eine Stunde zu spielen und zwischen den Songs was
zu erzählen. Das ist ganz anders in England, üblicherweise
spielt man dort 40 Minuten. Aber wir haben uns inzwischen dran
gewöhnt, längere Sets zu spielen. Es ist toll,
gefühltermaßen „einen ganzen Abend“ zu haben
und eine Beziehung zum Publikum aufbauen zu können. Neben diesen
Unterschieden in der Erwartungshaltung erleben wir das deutsche
Publikum als respektvoll, aufmerksam und auch lustig. Ich bin immer
wieder erstaunt darüber, wie viele Leute meine Texte und auch
meine Witze verstehen – aber vielleicht lachen sie nur über
uns. Mein Deutsch ist nicht sehr gut, aber es ist immer gut, es ein
wenig auszuprobieren.
Was nervt euch, was vermisst ihr, wenn ihr auf Tour seid?
James De Malplaquet: Wir alle vermissen die Leute zu Hause:
Ehefrauen, Freundinnen, Freunde… Es ist sehr viel besser mit
Skype. Aber auch das kann zur Qual werden, wenn du jemanden vermisst.
Es ist ein eigenartiges Leben, sehr aufregend und spannend, aber auch
mit vielen Momenten der Langeweile. Wir haben gelernt, besser damit
umzugehen, anstatt aufeinander oder auf jemanden anders einzuhacken.
Es ist wichtig, einen klaren Kopf zu bewahren, sonst kannst du bei
dieser „Und täglich grüßt das
Murmeltier“-Stimmung verrückt werden. Du wachst an einem
fremden Ort mit einem Kater auf, du steigst in einen Bus, Du fährst
stundenlang, und es ist heiß/kalt/eng… Irgendwann kommst
Du erleichtert an, trinkst ein Bier und wirst nervös wegen des
Auftritts, wirst immer nervöser, spielst das Konzert, bist
aufgeregt, wirst betrunken und gehst an einem fremden Ort ins Bett.
Am nächsten Tag genau das Gleiche. Und schmutzige Wäsche
ist immer so eine Sache: wenn wir eine Waschmaschine mitnehmen
könnten, würde das Leben auf Tour sicher besser riechen.
Was ist das Beste am Touren?
James De Malplaquet: Die Leute, die wir treffen. Es ist großartig,
unbekannte Gegenden zu besuchen. Wenn wir in Europa auf
Tour sind, sehen schon die Autobahnen ein bisschen exotisch aus. Aber
das alles wäre gar nichts, wären da nicht die Leute. Wir versuchen immer, mit so vielen
Leuten wie möglich zu sprechen. Wir haben ein paar unglaublich
gute Menschen getroffen – Veranstalter, die Stadtrundfahrten
mit uns machen (Sigmar!) oder selbst kochen (Arne und Pahli!), Fans,
die hunderte von Kilometern fahren, um uns noch einmal zu sehen
(sorry kms). Es gibt ein fantastisches Underground-Support-Netzwerk –
es ist eine Ehre, ein Teil davon zu sein. Und das meine ich wirklich
so.
Viele interessante Bands kommen derzeit aus Brighton. Welche
unbekannte Band aus eurer Stadt würdet ihr unseren Lesern
empfehlen?
James De Malplaquet: Einige von uns spielen in
anderen „Willkommen Collective“-Bands, aber es könnte
ein wenig frech rüberkommen, unsere eigenen Bands zu empfehlen.
Hört sie euch an und entscheidet selbst. Wir alle mögen
Birdengine, mit dem Typen haben wir keine gemeinsamen Projekte. Und das neue
Solo-Album von Jason Pegg von der Band Clearlake ist ein persönlicher
Favorit von mir. Er ist neulich in Brighton als Support von uns
aufgetreten, er war großartig. Um ehrlich zu sein: die Stadt
quillt vor Musikern über. Es gab in letzter Zeit einige richtig
erfolgreiche Bands aus Brighton: Bat For Lashes, The Maccabees, Blood
Red Shoes. Aber es ist eine Stadt, die immer wieder neue Talente
hervorbringen wird. Und eine sehr schöne, besuchenswerte Stadt –
wir sollten Geld vom Tourismusbüro bekommen.
Gibt es eine Frage, die du gerne einmal beantworten würdest,
die dir aber kein Journalist bislang gestellt hat?
James De Malplaquet: Das ist das dritte Mal in Folge, dass ich
diese Frage am Ende eines Interviews gestellt bekomme. Das muss ein
neuer Trend sein, der Bands dazu bewegen soll, sich selbst zu
interviewen. In der Zeitung, die ich jeden Sonntag lese, gibt es
immer ein Interview, in dem sie die Leute fragen: „Wie würdest
du dich in 5 Worten beschreiben?“
Bitte beantworte die Frage!
James De Malplaquet: Ein für jeden erschwinglicher
Luxusartikel.