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Getroffen! Johannes Müller (Narziss) / März 2009

"Komponieren hat überhaupt nichts mit Demokratie zu tun."

Text/Interview: Mathias Frank

Ganz grob kann man Narziss sicher als Metalcore-Band mit deutschen Texten beschreiben. Doch die Jungs aus Jena sind deutlich mehr. Nämlich mit der heißeste Scheiß, den wir derzeit so haben. "Echo" heißt der Grund, denn "Echo" ist ein mitreißendes und großartiges Album geworden. Die Band schmeißt hier auch die letzten Scheuklappen über Bord und musiziert sich kreuz und quer durch Stile und Stimmungen. Neben der immer wieder eingesetzten (Black-)Metal-Keule, wüsten Screamings und ohne Ende groovenden Killer-Riffs holen sie auch diese wundervollen poppigen und an frühe Waterdown erinnernden Gesänge heraus, nutzen sogar Geigen und Celli und machen als Krönung auch noch mit den Filmkomponisten Patrick M. Schmitz gemeinsame Sache. Das Resultat ist eine erschrecken spannende, phasenweise hymnische Platte, die im April auch live vorgestellt wird. POP FRONTAL sprach mit Gitarrist Johannes Müller.

Narziss

 

Deutsche Texte, unterschiedlichste Stile, dazu jetzt noch die Arbeit mit Patrick M. Schmitz. Geigen, Celli, Pop - habt ihr keine Angst, eure Hörer zu überfordern?

Johannes Müller: Darüber haben wir ehrlich gesagt wenig nachgedacht. Bandintern steht das mehr zur Debatte, denn wir müssen immer nach einem Kompromiss zwischen unseren eigenen Meinungen suchen. Ich würde am liebsten alles orchestrieren, unser Schlagzeuger hat es auch ganz gerne mal trocken. Ich denke, dass diejenigen, die auf die deutschen Texte stehen, eh etwas offener sind, was musikalische Belange, vor allem aber Entwicklungen angeht. Wenn "Echo" so wie einer der Vorgänger klingen würde, wäre das eher von Nachteil.

 

Ich persönlich halte "Echo" für eine Riesenplatte - erwartet ihr jedoch aufgrund der neuen bzw. noch konsequenteren Töne und poppige(re)n Melodien auch negative Stimmen? Und dazu: Wie wichtig sind euch überhaupt Reviews und die Meinungen anderer?

Johannes Müller: Danke für die Blumen. Es wird immer jemanden geben, der etwas zu meckern hat, und natürlich sind wir froh, wenn es nicht allzu viele sind. Aber das große Geschimpfe ist bisher - wie auch beim Vorgänger "Solang das Herz schlägt" - ausgeblieben. Die Entwicklung wird als konsequent verstanden, also so wie wir sie auch sehen. Ich habe mehr negative Reviews erwartet, da wir in der Regel sehr stark polarisieren, bin natürlich aber froh, dass die weitestgehend ausgeblieben sind. Wichtiger als Reviews sind die Stimmen der Fans, denn hier soll die Platte ankommen. Da ist es schon einmal interessant, auf Konzerten darüber zu reden oder in Foren zu lesen. Viele Reviews sind mir einfach zu subjektiv. Mag ich etwas nicht, wird es negativ bewertet oder zumindest ein belangloses Review geschrieben. Letztlich richte ich mein Komponieren nicht nach den Reviews des vergangenen Albums aus, bin aber schon daran interessiert, was andere darüber schreiben.

 

Eure Songs sind sicher vieles, nur nicht hingerotzt. Seid ihr beim Schreiben und Texten die großen Bastler und Diskutierer? Oder wie muss man sich das vorstellen?

Johannes Müller: Unterschiedlich. Manchmal geht es schnell, dann dauert es wieder ewig. Kreativität ist eben nicht steuerbar. Es ist schon passiert, dass mir auf dem Weg zur Probe etwas eingefallen ist, und drei Stunden später war die Musik für einen Song fertig. Auch bei Texten ist das so. Ich schreibe manchmal auf dem Weg zur Arbeit im Auto einen Text auf einen Zettel, das Lenkrad als Schreibunterlage, damit ich ihn nicht vergesse. 15 Minuten, fertig. Manche Texte trage ich in Bausteinen ewig im Notizbuch mit mir herum, vergesse manchmal sogar, dass ich daran gearbeitet habe, ehe ich sie wieder entdecke. Diskutieren mag ich bei solchen schöpferischen Akten überhaupt nicht. Entweder wir kommen einfach zusammen oder eben gar nicht. Dann schmeißen wir die Idee lieber weg. Wenn es um Orchesterparts geht, dann beraten wir schon, ob das passt oder ob die Band hier nicht ausreicht. Aber eigentlich steht auch da schon ein Song für mich auf der Kippe. Er ist so komplett, wie ich ihn mir im Kopf vorstelle oder vor meinem inneren Ohr höre. Wenn ich dann etwas für einen Kompromiss opfern muss, ist der Song für mich nicht mehr perfekt. Diese quasi künstlerische Perspektive ist vor allem bei "Echo" mehr in den Vordergrund gerutscht. Komponieren hat eigentlich überhaupt nichts mit Demokratie zu tun.

 

Was wäre das größte Kompliment, das man euch für "Echo" machen kann?

Johannes Müller: Wir bekamen schon öfters Mails oder Kommentare mit einem Danke dafür, dass es uns gibt. Das geht runter wie Öl. Wenn es Leute gibt, die auch bei "Echo" sagen, dass es keine überflüssige Platte einer belanglosen Metalcore-Kapelle ist, dann wäre ich mehr als zufrieden.

 

Aus welchen musikalischen Richtungen kommt ihr selber? Wer hat euch zu dem getrieben, was ihr heute macht?

Johannes Müller: Wir haben einige Gemeinsamkeiten, was unseren Musikgeschmack angeht, aber auch viele Differenzen. Eine Gemeinsamkeit ist z.B. Boysetsfire. Ich glaube, am Anfang hätten wir alle gern so geklungen. Mir persönlich gefällt vieles, und ich würde gerne vieles machen. Ich hoffe, dass man das bei "Echo" etwas hört. Ich habe eine klassische Musikausbildung genossen und möchte mich auch einmal in diesem Bereich bewegen, das war bei "Echo" möglich. Ich höre gerne harte Musik und hänge auch manchmal trüben Gedanken nach. Das kommt also auch noch in den Topf, in dem Narziss kocht. So sind wohl am ehesten wir es, die uns dazu antreiben, genau das zu machen.

 

Was geht auf Tour mit euch ab? Jeden Abend Party oder nach der Show doch lieber eine Band-Besprechung plus Aufarbeitung des Gigs?

Johannes Müller: So oft waren wir ja noch nicht auf Tour. In der Regel spielen wir Einzelshows. Jena liegt sehr günstig und wir sind es gewohnt, weite Strecken für eine Show zu fahren. Meistens fahren wir nachts wieder nach Hause, da dort unsere Familien warten. Somit erübrigt sich die Party. Die Auswertung gibt es im Bus, allerdings lassen die Konsequenzen immer auf sich warten. Als wir zuletzt auf der "Hell on Earth-Tour" eine Woche gespielt haben, gab es zwar nächtelange Unterhaltungen, aber feiern würde ich das nicht nennen. Da ich nur wenig Alkohol trinke und eher verklemmt bin, liegt mir das Ausgelassensein und Durchdrehen weniger.

 

Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen geht ihr die kommende April-Tour an? Was muss auf jeden und was darf auf keinen Fall passieren?

Johannes Müller: Gut gefüllte Läden wären eine feine Sache. Keine Kollateralschäden am Equipment die nächste. Auch in unseren Beziehungen nicht. Jeden Tag etwas anderes zu essen, sprich nicht jeden Tag Reis mit Scheiß oder Nudeln. Und ein paar Stadtbesichtigungen wären nett.

 

Mitklatschen, Mitsingen, schüchtern Autogramme abholen - sind das eher Träume oder Befürchtungen?

Johannes Müller: Mitsingen finde ich cool, wenn es lauter ist als die Band, sowie so. Mitklatschen heben wir uns für die anstehenden Baumarkteröffnungen auf. Autogramme schreibe ich zur Genüge unter Leistungskontrollen. Aber falls uns doch jemand so schätzt, dass er nicht ohne unsere Unterschrift leben kann, soll ihm/ihr dieser Wunsch erfüllt werden.

 

Links:

>> Info/Tourdaten Narziss bei POP FRONTAL

>> Narziss: Echo - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

>> Homepage Narziss

 

 

Narziss

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Narziss: Echo

Narziss: Echo

(Redfield Records / Cargo)

 

 

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