Matt Berninger, der Sänger von The National aus New York, singt nicht nur ins Mikrofon. Er schreit das Schlagzeug an, spricht zum Verstärker, als wolle er ihn bitten: "Mehr! Mehr!" Die sechsköpfige Band plus Posaunist und Trompeter berockt an diesem warmen Sommerabend den Hamburger Stadtpark. Es gibt verklärte Blicke, Fotografinnen, die den Star nicht erkennen, Erfrischung für die Ohren - und mit Midlake und The Middle East gleich zwei Support-Acts, für die es sich lohnte, früh zu erscheinen. Die Sonne scheint heute mehr als nötig im Hamburger Stadtpark, und die schattige, düstere Stimmung, die The National sonst wie ein geliebtes Parfum mit sich tragen, bleibt somit aus.
An den exakt 90 Minuten, die The National nur spielen dürfen, gibt es dennoch nichts auszusetzen. Matt Berninger dabei zuzusehen, wie er mit sich ringt, Angst und Zorn in jede seiner Bewegungen bringt, sich mal mit, mal ohne wirbelnden Mikrofonständer in den Gesang fallen lässt, um dann den 2.000 Besuchern besonders bei "Squalor Victoria" ins Gesicht zu schreien: "You are zoning out, zoning out, zoning out" - das ist Entschädigung genug für den unpassenden Ort. Der Sound der Band, die zum Frühstück Espresso trinkt und sich die Zähne mit Kreide putzt, ist nicht puristisch, sondern voll und opulent ("Fake Empire", "Anyones Ghost") und gewiss nicht zu verbinden mit Sonnenschein: vor dem Song "Available" können sich Berninger und Gitarrist Aaron Dessner nicht einigen, ob es nun der "meanest song" (Berninger) oder der "darkest song" (Dessner) ist.
Als Vorbands passten die sieben Australier The Middle East trotz gelegentlichem Schwermut besser in die Natur, ebenso wie Midlake, die den Anschein machten, erst richtig auf der Bühne angekommen zu sein, als sie nach 30 Minuten schon wieder gehen mussten - allerdings nicht, ohne ihren rührend-rockigen Song "Young Bride" dazulassen. Während des Midlake-Auftritts wurde Aaron Dessner bei einem Gespräch unterbrochen, weil er erwartete, fotografiert zu werden. Die Fotografin jedoch wollte nur die sommerliche Blütenhaarspange der Gesprächspartnerin mit auf das Foto von Midlake bannen. Gelassen nahm er es hin.
Am Ende verabschiedet er sich mit einem Gitarrenduell gemeinsam mit seinem Bruder Bryce, ein paar Schritte näher am Publikum, außerhalb der Bühne, und macht so den Auftritt rund. Einige Ansagen von Matt Berninger lassen durchklingen, dass es für ihn ungewohnt ist, so viele Gesichter sehen zu können, und dass es sich in einer dunklen Halle anders spielen lasse. Im Mai spielten The National in Berlin ein beeindruckend mitnehmendes Konzert im Astra, es war dunkel und ausverkauft, die Menschen nach dem Konzert berauscht. Beim nächsten Mal lieber wieder in einer dunklen Halle! Gelegenheit dazu bieten die kommenden Konzerte im November.