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Gesehen! Pinback / 21.07.2004, Hamburg, Knust

Traumwandlerische Tiefstapler

Text / Live-Fotos: Simone Deckner

Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, hier stünden heute durch Funk und Fernsehen bekannte Mega-Mega-Stars auf der Bühne. So ohrenbetäubend gellen die Jubelschreie durch das Knust im Schlachthof, so frenetisch regnet der Applaus nieder, so seelig spiegelt sich das Grinsen in den Gesichtern des Publikums. Füßetrampeln, Gejohle, Begeisterungspfiffe, Zugabenchöre – das angeblich so zurückhaltende Hamburger Publikum gerät an diesem Abend außer Rand und Band. Auslöser dieser Begeisterungsstürme ist eine Indie-Band aus San Diego, die an äußerer Unscheinbarkeit kaum zu übertreffen ist: Pinback.

Pinback

Eine skurrilere Ansammlung von Anti-Stars bekommt man selten zu Gesicht: den runden Bauch von Gitarrist und Sänger Robert Rulon Crow Junior, kurz Rob, schmückt ein T-Shirt mit dem Konterfei von Robert de Niro in "Taxi Driver". Beigefarbene Bermudas schlackern unvorteilhaft um seine Beine. Die, so wird er dem Publikum später verraten, habe er sich beim Wal-Mart gegenüber gekauft. "Für 14 Euro, das ist doch ein guter Preis, oder?" Der zweite Kopf von Pinback ist Bassist und Keyboarder Armistead Burwell Smith IV, kurz Zach (Three Mile Pilot). Ein dünner Bartträger mit traurigem Blick. Drummer Tom Zinser versteckt sich so tief hinten auf der Bühne, dass man ihn nur erahnen kann. Für die Tour haben Pinback zudem Unterstützung in Person eines weiteren Keyboarders mitgebracht, der auch Bass und Gitarre spielen kann – trotz seines Gipsarms. Ergänzt wird das Live-Set durch einen Extramann für die elektronischen Effekte.

Dass Hipness-Fragen bei dieser Band völlig überflüssig sind, wird bereits nach dem ersten Stück klar: der zweistimmige Gesang von Rob und Zach, die zurückhaltenden, doch umso nachhaltigeren Melodien, das wellenartige Auf und Ab, gepaart mit exzellentem Bassspiel, entfalten sofort ihre Wirkung. Das, was Pinback hier zelebrieren, ist der perfekte Indie-Pop-Song. In vielen Variationen. Mal ganz sanft und sachte, dann wieder treibend. "Trance zum Tanzen", wie ein Zuhörer bemerkt. Vor der Bühne wird das auch schon heftig getan. Andere lauschen mit geschlossenen Augen den wunderschönen Stücken.

Gestört fühlen sich die Fünf anfangs nur durch die zu grelle Bühnenbeleuchtung. "How do you say in German: Please, only blue light?" fragt Säger Rob den des Deutschen mächtigen Keyboarder. Der braucht einen Song, um die Übersetzung herauszufinden: "Bitte nur blau, bitte", huscht ein zaghafter Rob ins Mikro – fortan stimmt auch die Farbgebung.

Pinback haben die Gabe, über die gesamte Länge des Konzerts konstant die Spannung zu halten. Plaudereien, um die Pausen zwischen den Songs zu überbrücken? Müssen sie nicht haben. Sie schaffen es, allein durch die Schönheit ihrer melancholischen Melodien das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Mehr noch: je introvertierter Pinback auf der Bühne agieren, je stärker sie sich selbst in den eigenen Songs verlieren, desto extrovertierter und ausgelassener antwortet das Publikum.

Nach über zwei Stunden ist erst einmal Schluss. Doch nur kurz. Für zwei weitere Zugaben johlt das beglückte Publikum die fünf Tiefstapler noch einmal auf die Bühne. Dann geht's mit dem sicheren Gefühl, Zeuge eines dieser seltenen, rundum gelungenen Konzerte gewesen zu sein, beseelt nach Hause.

 

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