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Gesehen! Planningtorock / 17.10.2011, Hamburg, Kampnagel Music Hall
Bizarre Verzauberung
Text: Julia Kussius Live-Fotos: Julia Kussius
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Wenn Mrs. Planningtorock nach (akustisch wie visuell) elektronischem Intro die Bühne betritt, dabei die Streifen des Fadenvorhangs nachlässig mit sich zieht und dann vor ihrem eigenen per Beamer projizierten Konterfei steht, entsteht eine Vorahnung davon, wie sich der Abend entwickeln wird: atemberaubend. War bislang das Pseudonym "die Nase" Gérard Depardieu vorbehalten, gilt es nun umzudenken.
Bei der Tour zu ihrem zweiten Album "W" setzt die Wahlberlinerin Janine Rostron mehr auf Nasenmodulation und weniger auf Kostümshow (wie bei früheren Auftritten).
Mit einer Mischung aus römischer Gladiatoren- und kantiger Aliennase im Gesicht stellt sie das Bindeglied zu ihrem düster bizarren Elektro-Gothic-Pop dar.
Eine die Knöpfe und Tasten perfekt bedienende Musikerin (die zugleich den sehr beatorientierten Support zu verantworten hatte) und eine Saxophonistin
begleiten Janine Rostron auf der Bühne, die durch Videoprojektionen in blau-grün-graues Licht gehüllt ist. Die Mischung aus ausmalendem
Gesang und minimalem Elektronikmuster, orchestralen Streichern und wabernden Synthieklängen ist stets etwas verwirrend. Faszinierend jedoch ist die
Verschmelzung von Musikerin und Musik zu einem sehr vereinnahmenden Gesamtkunstwerk, das dieses Konzert mal eben zu einem Spektakel macht.
In zu großem Mantel, markanter Nase, langer Mähne und mit an 80er Gothic-Disko erinnernden Tanzschritten könnte manch anderer eher einen
lächerlichen Eindruck hinterlassen. Aber dieser Auftritt und diese Musik sind viel zu ernst, um auch nur für einen Moment dieses Gesamtbild anzuzweifeln.
So verstörend manche Klang- und Bildelemente auch sein mögen: der Eindruck, dass hier die Performance eine Ausdrucksform ist und diese Musik gelebt
wird, sorgt eher für Gänsehaut als für Schmunzeln. Dementsprechend ergriffen präsentiert sich nicht nur die Darstellerin, sondern
auch das Publikum, vermutlich eine Mixtur aus Kunststudenten und Menschen aus dem erweiterten Musikgeschäft. Man geht ganz in der Atmosphäre
auf, die einfach niemand ignorieren kann.
Lange gepflegte Vorurteile stellen sich plötzlich als überdenkenswert heraus: wer eine Abneigung gegenüber Saxophonen pflegt, darf
einem Live-Event von Planningtorock entspannt entgegen sehen. Hier macht das auf einmal Sinn, stört kein Bisschen, obwohl es auch hier
und da ein wenig alleine tönen darf. Erstaunlich? Ja. Planningtorock ist ein Projekt, dessen Einzelteile irritieren (Bühnenpräsenz),
abschrecken (Nase) und befremden (Videos), in der Summe aber mehr als stimmig sind und schlichtweg bezaubern.