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Gesehen! ProgPower Europe 2004 Festival / Baarlo, Niederlande, Sjiwa, 1.Tag: 02.10.04

Adagio Con Amore

Text: Klaus Reckert     Fotos: Stephan Kunze

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Das insgesamt sechste ProgPower Europe Festival (und bereits unser viertes) entpuppte sich relativ schnell als die in vielerlei Hinsicht bislang gelungenste Ausgabe des noch kleinen, aber feinen Events rund um Prog- und Powermetal im niederländischen Baarlo. Die beharrliche Medienarbeit schien sich ebenso ausgezahlt zu haben, wie eine besonders glückliche Hand bei der Bandauswahl, jedenfalls sah sich Baarlo, friedliches bis puppiges 6.000-Seelendorf unweit der Grenzstadt Venlo - aber mit gleich vier Schlössern gesegnet - diesmal dem "Ansturm" von zeitweise bis zu geschätzten 500 Progheads gegenüber.

Devin Townsend @ ProgPower Europe 2004

Devin Townsend

Und die konnten sich gleich mal an den Verbesserungen erfreuen. In Vorjahren war beispielsweise beim Auftritt von Anathema selbst für gute Kenner des Bandmaterials vor lauter Clipping-Kreischen kaum noch auszumachen gewesen, welches Stück gerade gegeben wurde. Nun aber sind die Galerie und Decken der kleinen Multifunktionshalle des Austragungsortes "Sjiwa" mit speziellem Material verschalt worden, was die akustischen Bedingungen in der "Aula" des Jugendzentrums drastisch verbessert hat. Dieselbe Prozedur soll laut Aussagen des PP-Veranstalters René Janssen auch dem restlichen Gemäuer bevorstehen, so dass demnächst nachgerade audiophile Verhältnisse zu gewärtigen sind.

Und die geladenen Bands hatten diese Bemühungen auch wirklich verdient: Obwohl sich beim Billing mehrere kurzfristige Veränderungen ergeben hatten, resultierten die für die Besucher eher in Verbesserungen als in Abstrichen - oder wer würde nicht gerne beispielsweise Devin Townsend für Amorphis eintauschen?

Besonders schön am Festival-Samstag aber waren auch die zahlreich gebotenen Überraschungen und Gelegenheiten, weiße Flecken auf der musikalischen Landkarte zu tilgen. Statt wie viele andere Festivals immer nur auf Plattenverkäufe zu schielen und auf Nummer Sicher zu gehen, wagt sich das PP-Team gerade auch an weniger bekannte und sogar ungesignte Bands wie die niederländischen Hopefuls The Dust Connection. Die Tilburger sind aus der Formation Forever Times hervorgegangen und haben eine gar nicht staubig daherkommende, teils symphonische, teils recht rockige Spielart von Prog-Rock am Start. Das Bühnenerlebnis ist stark von dem reizvollen Kontrast zwischen Martijn Balsters (Gitarre, Gesang und Dauer-Extremposing) und Jeroen Voogd, dem starken Sänger des Quintetts, geprägt. Der 28-jährige, blondgelockte Balsters, der auch bei der Organisation des Festivals involviert war, ist ein zugegeben guter Solist, führt sich aber vor dem vor ihm am Bühnenrand platzierten Ventilator auf der Bühne auf, wie ein dem Gard-Haarstudio entsprungenes Model... Dem Rauschgoldengel möchte man raten, doch einen weiteren Ventilator am Hals seiner Stratocaster anzubringen, weil ihm das gestatten würde, sich auf der Bühne zu bewegen und trotzdem die Mähne weiterzuföhnen. Im krassen Gegensatz dazu wirkt der ca. 162 cm messende Voogd zwar ungemein sympathisch, aber eher introvertiert. Dennoch sind es seine manchmal an Ray Alder (dem er sogar etwas ähnelt) von den späten Fates Warning, manchmal an Buddy Lackey erinnernden Gesangsparts, die TDC weit über den Durchschnitt heben und zu einer der stärksten Bands des PP-Samstags machten. Mit dem wunderbaren "The Grand Final" war sogar ein blitzneuer Song am Start, das andere Material wie "Out Of Nowhere", das von einem schönen E-Piano-Part von Sander Heerings eingeleitete "Temporary" oder "Desert Sessions" (zur Abwechslung mal sehr technischer Progmetal) entstammt dem Demo dieser viel versprechenden Band. Als Coda läuft vom Band Van Halens Version von "Happy Trails" – Humor haben die Jungs also auch noch... Als man sich, was typisch für dieses Festival ist, später beim Bierholen über den Weg läuft, freut sich Voogd übrigens kindlich über den phantastischen Eindruck, den er und TDC hinterlassen haben, versichert aber glaubhaft, weder von Fates Warning noch von Psychotic Waltz jemals gehört zu haben: "Ich bin mehr so Fan von Bruce Dickinson und Dio..."

Bei All Too Human konnte man - bei übrigens herrlichstem Frühherbstwetter – vor der Halle sogar ihre Ankunft mitverfolgen: "Die tragen alle fast schwarze Sonnenbrillen – die müssen aus den USA kommen." Und so war's auch! Auf der Bühne nehmen die Texaner die ZZ-Top-Gläser zwar ab, aber der eiserne Wille, "cool" zu sein, verlässt vor allem Sänger Don Du Zan offensichtlich nie. Der offensichtliche Bodybuilder prägt den recht frickelig-technisch-kühl daherkommenden Prog-Metal des Quartetts mit hohem, teils quengeligen Gesang in der Art (aber nicht von der Qualität) des jungen Geoff Tate und einigermaßen unsympathischem Stage Acting: Wenn er keine Parts hat, verfolgt er das Geschehen mit verschränkten Dickarmen und steinerner Miene von der Bühnentür aus. Mag ja menschlich, allzumenschlich sein, passt aber trotzdem nicht auf ein solches Festival, wo die Bands, die bereits gespielt haben, typischerweise vor der Bühne mehr mitgehen, als diese Dopinggranate das on stage tut. Songs wie "Jester" oder "E-Killer" vom 2002er Album "Entropy" überzeugen jedenfalls auch mehr durch ihren Frickelfaktor, als durch Musikalität oder Interpretation – mit Ausnahme allerdings des beeindruckenden Gitarristen "Ich bin zwei Öltanks" Clint Wilson, der zumindest im Leibesumfang Michael Romeo von Symphony X schon 2-3 Kleidergrößen voraus hat.

Bei den Schweden Platitude war ProgPower für Drummer Andreas Brobjer (u. a. Richard Anderssons "Space Odyssey") der erste Auftritt mit der Band überhaupt, den er aber mit Bravour, einem hinreißenden Drumsolo und offensichtlichem Spaß absolvierte. Spaßfaktor scheint überhaupt eine wichtige Größe bei diesem unkonventionellen Sextett zu sein, dessen – nach eigenen Aussagen 'Progressive Speed Metal' mit gleich zwei Sologitarristen und zwei Keyboardern über die Rampe gebracht, öhm, geschossen wird. Durchaus auch neoklassischem Powermetal à la Malmsteen verwandte Stücke wie "Catch 22" oder "Aeronautica" vom aktuellen Werk "Nine" oder "Raining Tears" vom 2003er "Secrets Of Life" hätten die mittlerweile recht zahlreich der Halle zuströmenden Progheads sicher noch mehr begeistert, wenn sich gerade hier nicht zum ersten Mal der zu laut geregelte Sound schlimm eingebreit hätte – schade.

Die traditionelle "Dinner Break" mit Livemusik im Keller des Sjiwa ging für uns noch ohne Dinner, aber auch ohne die Band S.O.T.E. (Songs of the Exile) vorüber. Schließlich muss man ja auch mal den einen oder anderen alten Bekannten begrüßen, neue Bekanntschaften knüpfen, die vier Schlössertour laufen, etc. Die Atmosphäre, in der dies vonstatten geht, macht ProgPower in seiner jetzigen Form so einzigartig: Jeder spricht mit jedem, Ausgrenzung findet trotz teils stark divergierender Geschmäcker nicht statt, denn fast alle Anwesenden scheint zumindest unrettbarer Befall mit dem Prog-Virus zu einen.

Von solchen Meinungs- und Erfahrungsaustäuschen gestärkt findet sich das rasende Reporterteam nun damit konfrontiert, dass bei den französischen Edelproggern von Adagio ein nicht unwesentlicher Besetzungswechsel stattgefunden hat: Statt dem Pink Cream 69-Shouter David Readman kümmert sich nun der junge Brasilianer Gus Monsanto um Sangesparts und Interaktion mit dem Publikum. Im Kurzinterview am Pommespuff erläutert uns Gitarrist/Hauptkomponist Stephan Forte später freundlicherweise, dass es mit Readman musikalisch ok war und zwischenmenschlich durchaus noch Spaß gemacht hätte, man sich zu diesem Schritt aber kurzfristig gezwungen sah, um das gemeinsame Management Bottom Row (Kosta Zafiriou) loszuwerden. Denn mit diesem hätten sich schlicht unhaltbare Zustände ergeben. Auf den im Sommer in der Branchenpresse erfolgten Aufruf, sich mit Demos und Fotos um den Platz an Adagios verwaisten Mikroständer zu bewerben, hatten sich zahlreiche Sangestalente gemeldet. Als die Band im August das Material von Gus hörte, ging es gar nicht mehr adagio, sondern presto weiter: Ende August siedelte der sympathische Mann aus Rio de Janeiro nach Frankreich über und stieg gleich in die Proben für den ersten Auftritt der Band in dieser Besetzung am 1. September ein. Der zweite folgte mit dem ProgPower USA-Festival (Atlanta), und aller guten Dinge waren drei am 02.12. in Baarlo...

Vom Publikum warm begrüßt, entpuppt sich Gus mit seinem niedlichen Prognatismus (Häschenzähnen) zwar nicht als alles wegschwemmende Männerschönheit, aber als enormer Sympathieträger, als niemals ermüdender Hüpfball auf der Bühne und vor allem als technisch versierter Sänger, der das teils doch sehr fordernde Adagio-Material mindestens so gut singen und vermutlich sogar einen Tacken inbrünstiger zu interpretieren vermag als der Brite Readman, der beim Singen immer schon die Mädels vor der Bühne zu taxieren scheint. Nicht so Gus, nicht so die aktuellen Adagio, die dem zunächst zögerlichen, dann immer begeisterter mitgehenden Publikum mit "Panem Et Circenses" nicht nur Brot und Spiele gaben, sondern auch eine Lehrstunde in hochvirtuosem, klassisch inspirierten und doch leidenschaftlich abgehenden Progmetal: "Seven Lands Of Sin" oder "In Nomine" hatte der Rezensent bislang immer mehr als zugegeben wunderschöne, aber doch Kopfhörermusik abgetan - und ließ sich wie rund 300 andere im Sjiwa gerne eines Besseren belehren. Der stärkste und in mehrfacher Hinsicht überraschendste Auftritt des PP-Samstags, bei dem Gitarrist Forte mit seiner siebensaitigen Gitarre kaum Glaubliches veranstaltete und des Bassisten Franck Hermannys Solo sogar an John Myung von Dream Theater zu erinnern vermochte. An diesem Abend gelang Adagio einfach alles, sogar eine feurige Version von Led Zeppelins "Immigrant Song". Man darf vor diesem Hintergrund besonders gespannt auf das für Anfang nächsten Jahres angekündigte dritte Adagio-Studioalbum sein.

Die auf Festival-Site und Plakaten (nicht aber auf den Festival-Shirts..) konsequent falsch geschriebenen Alchemist aus Australien markierten gemeinsam mit dem nachfolgenden Devin Townsend eindeutig den Härterekord des Samstags. Das bereits seit '90 an seiner ganz eigenen Form des (Melodic) Thrash Metal feilende (ursprünglich mal u. a. von Voivod inspiriert) Quartett ist heute eigentlich überhaupt nicht mehr zu kategorisieren – zu vielschichtig und komplex sind die zwischen aggressivst gebrülltem und ruhigem eindringlichen Gesang pendelnden Stücke, zu weit die Bezugspunkte zwischen Thrash, Hardcore und kaum auszumachender "Progressivität". Hat aber keinen gestört, speziell PP-Impressario René Janssen sah man wohl noch nie bei einer Band so bangen und moshen, wie just bei den Alchemikern.

Wie im Flug verging die Zeit, fast unbemerkt war schon der Headliner-Slot herangekommen, der diesmal Devin Townsend (u. a. Steve Vai, Strapping Young Lad) gehörte. Der Kanadier wirkt auf der Bühne tatsächlich so verrückt wie "Animal" von den Muppets. Und genau wie das pelzige Drum-Tierchen ja wirklich viele große wie kleine Fans hat, garantiert die Ausstrahlung einer solchen extremen Persönlichkeit wie der von Townsend durchaus exquisite Unterhaltung mit reichlich „Thrill“. Etwas komisch wird einem dann allerdings, wenn man aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen hört, dass das exaltierte Auftreten wohl nicht nur Bühnenmache ist.

An diesem Herbstabend aber verschwand der aktuell offensichtlich mehr manisch als depressiv gepolte "Mad Professor" jedenfalls nicht plötzlich spurlos, sondern gab seinen begeisterten Prog-Studenten eine Vorlesung in metal-orientiertem, bislang thrashigem und dann doch immer wieder symphonische Weiten auftuenden Prog. Hierbei orientierten er und seine vorzügliche Band sich weitgehend am 2003er Album "Accelerated Evolution", dessen stärkstes Riffmonster "Suicide" diesen Auftritt auch kongenial beendet hätte, wäre da nicht das Publikum gewesen, das noch zwei Zugaben von "Hevy Devy" einforderte, darunter "The Seventh Wave" vom "Ocean Machine"-Album.

 

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Devin Townsend @ ProgPower Europe

Devin Townsend

 

Dust Connection @ ProgPower Europe

Dust Connection @ ProgPower Europe

Dust Connection

 

All Too Human @ ProgPower 2004

All Too Human @ ProgPower 2004

All Too Human

 

Platitude @ ProgPower 2004

Platitude @ ProgPower 2004

Platitude

 

Adagio @ ProgPower 2004

Adagio @ ProgPower 2004

Adagio

 

Alchemist @ ProgPower 2004

Alchemist @ ProgPower 2004

Alchemist

 

 

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