Dieses Festival
fühlt sich nach all den Jahren immer mehr wie ein
Familientreffen an. Nur gottlob ohne die streitlustige Cousine
Chantal mit der spitzen Zunge. Und ohne Opa Jeff, der immer hinter’s
Sofa kotzt. Richtig kuschelig also. Dazu heuer noch extrem nette neue
"Familienmitglieder" kennengelernt. Für uns neu,
obwohl auch sie schon ProgPower-Veteranen sind. Außerdem die
beste Unterbringungslösung bislang gefunden: Kasteel de Berckt -
oder in des Fotografen Worten: "Burg Bröckelstein".
Und dann spendierte St. Progpetrus noch absolutes Hammerwetter,
sommerlicher als es der Sommer war...
Oceans Of Sadness
Last but not least
gab's auch noch ein umwerfend gutes Festival-Billing - weniger durch
einzelne Superhighlights als vielmehr durch grandiose
Gesamtleistungen, fast ohne Ausfälle. Alles zusammen machte
diese Ausgabe (nicht nur) für uns zur bislang gelungensten
Ausgabe dieser europäischen Prog-Festival-Institution seit 2001!
Aufgrund der
musikalischen Klasse der Pre-Party am Freitag (siehe unten) und den
vielen bekannten Gesichtern im Publikum lachte an diesem
Samstagmittag nicht nur die Sonne sehr breit, als Non-Divine
ihre "Blondinen"-Show (vgl. Galerie zum 1./2. Tag)
abzogen. Das Quartett erschien in Patientenjacken gewandet (passend
zum aktuellen Album "Asylum 45"), frisch gefönt und
mit starken Ventilatoren auf der Bühne versorgt, so dass schön
synchron die Matten flatterten. Auch musikalisch wurde viel
geboten. Nummern zwischen Power und Progmetal wie "Mended Doll",
"Sleep", "In Shame" oder das eher rock'n’rollende
"New Die-Hard Vampire" erledigten den Aufwärmerjob
jedenfalls prächtig.
Spannende bis lehrreiche Randszenen in der Umbaupause: Hier war beispielsweise zu
erfahren, dass Non-Divine mit "Asylum" Platte des Monats in
der niederländischen Metalprawda "Aardschok" geworden
sind, diese Ehrung aber gekauft worden sein soll. Ein glaubhaft
versichertes Gerücht. Ohne Gewähr. Definitiv aber lernten
wir beispielsweise John & Jon, die sympathischen Begründer
des ProgPower UK-Festivals, und ihren lustigen Tross kennen. Und Kim,
das noch fast frisch geborene Töchterlein von Rene Janssen
(Begründer von ProgPower Europe) wurde mehr als einmal vorbei
geschoben.
Oceans Of Sadness,
die zweite Band des Tages, lieferte gleich einen der
Festivalhöhepunkte ab. Das herrliche "... Send In The
Clowns"-Album der Belgier sowie der Nachfolger "Mirror
Palace" hatten ja schon auf einiges vorbereitet. So
beispielsweise auf einen Stilmix aus Thrash, Prog, MeloDeath, Gothic,
TechnoMetal. Aber nicht auf diese Optik und diese Ausstrahlung von
Sänger Tys Vanneste - einem echten Bühnentier. Er
beherrscht eine enorme Bandbreite von unaufgeregter mittlerer
Tonlage, über tiefe Growls bis hin zu einem Panterfauchen kurz
vor dem Prankenschlag. Dabei tobt er wie ausgebrochen über die
Bühnenbretter, strippt, lässt dabei jedoch sein Publikum nie aus den Augen und behält es unter
Kontrolle... Seine Band unterlegt diese Performance mit
Monstergrooves, virtuosen Soli und einer Dramatik, die der vom
Frontmann aufgebauten kaum nachsteht. Das zunächst mehrheitlich
verdatterte Publikum taute bei Stücken wie "Cruel Sacrifice"
oder "Sleeping Dogs" zusehends auf. Um dann beim Alice In
Chains-Cover "Them Bones" auszurasten. Ein sympathisches
Dankeschön an Non-Divine für eine Verstärker-Leihgabe
und das abgrundtiefe Gurgeln von "Intoxicate Me" beendeten
einen zutiefst beeindruckenden Auftritt.
Weiter ging’s mit
DGM. Die Italiener haben sich seit diesem Auftritt von ihrem Sänger
Titta Tani getrennt. Am von ihm in Baarlo gebotenen Posing kann das
eigentlich nicht gelegen haben. Denn der gute Wille war fraglos - und
auch bei allen Bandmitgliedern - da. Doch nach dem gerade zuvor
erlebten Gefühls- und Stahlgewitter erschien der nette,
gefällige Progmetal im Gefolge von Symphony X, deren Klasse aber
nie erreicht wird, wohl nicht nur uns etwas belanglos. Zeit also für
eine Pause. Und für .. Nahemah!
Die spanische Truppe um Chefcharismatiker und Sänger Pablo Egido
siedelt ihre Musik selbst zwischen Opeth (sehr nachvollziehbar), Dark
Tranquillity und Mogwai (!?) an. Stücke wie "Change"
oder "Subterranean Airports" vom Lifeforce-Debüt "The
Second Philosophy" erinnerten uns außerdem noch an die
großen portugiesischen Kollegen Moonspell. Pedros Mix aus
klarem, folkig geschultem und verzerrtem (Melo)Death-Metal-Gesang
sowie sein unheilschwangeres Stageacting sorgen für eine
wirklich eigene Atmosphäre. Zu "Labyrinthine Straight
Ways" von der gleichen CD erheben sich die "Evil"-Handzeichen
im Publikum jedenfalls schon wie eine Wand. Irgendwann sang Pedro
dann "vom Megaphon zum Mikrophon". Um sein Publikum zu
erreichen, hatte er das allerdings schon lange nicht mehr nötig.
Zu den ProgPower-Wiederholungstätern von Orphaned
Land konnte man nach dem Gig die unterschiedlichsten Einschätzungen
vernehmen. Wir haben sie - u.a. in Wacken - jedenfalls schon in weit
besserer Form erlebt. Einigkeit bestand jedoch über die absolute
Großartigkeit des erneuten Gastauftritts des Thanatos- und
Asphyx-Chefgrunzers Paul Bayens - Growlen im Duett, einfach nett!
Weiter spricht für Orphaned Lands menschenfreundliches und
"völkerverbindendes" Credo, dass während ihres
Auftrittes eine gewisse Angela die Gelegenheit erhielt, die Bühne
zu erklimmen und von dort um die Hand des Vaters ihres Kindes
anzuhalten. Übrigens mit Erfolg...
Auch die Headliner des Tages, die australischen Alchemist, waren
schon zum zweiten Mal zu Gast beim ProgPower. Ihre
In-die-Fresse-Ausgabe von ProgThrash hat sich entweder mit dem
aktuellen Album "Tripsis" verfeinert. Oder es steigert bei
dieser Art Musik noch mehr als bei anderer den Genuss, wenn man
zumindest Teile des Materials bereits kennt. Beispielsweise das
Gemetzel von "Wrapped In Guilt", das à la Meshuggah
kopfverdrehende "Tongues And Knives" oder das
atemberaubende Gejage von "Anticipation Of A High" ließen
sich so weit besser goutieren. Besonders beeindruckend ist Frontmann,
Sänger, Gitarrist und Gelegenheitskeyboarder Adam Agius, wenn er
beispielsweise bei "Substance For Shadow" in Sekunden von
tiefsten Growls zu höchstem Keifen wechselt. Insgesamt ein
würdiger Abschluss eines phantastischen Festivaltages.
Die Pre-Party
Obwohl die Teilnahme an
der Pre-Party für die nicht-niederländische und/oder
arbeitende Bevölkerung mindestens den Einsatz eines halben
Urlaubstages erfordert, war das Erscheinen in diesem Jahr
unumgänglich. Denn neben den Lokalmatadoren von Picture
Of The Moon waren auch Thessera angekündigt,
die mit "Fooled Eyes" eines der bisherigen
Progmetal-Highlights des Jahres haben aufleuchten lassen. Das zuvor
aufspielende niederländische Quintett war durch die kurzfristige
Absage von Mechanical Poet auf’s Billing geraten. Und sollte
nicht nur unserer Meinung nach den einzigen wirklichen Ausfall im
gesamten Dreitagesprogramm abgeben. Da man - wie meist im Basement
des Jugendzentrums Sjiwa - mit massiven Soundproblemen kämpfte,
ist anzunehmen, dass die junge Formation unter Studiobedingungen
nicht ganz so schmerzhaft rüberkommt, wie hier erlebt. Doch es
steht zu befürchten, dass ihr leicht angeproggter, mit einigen
Growls angereicherter Powermetal auch dann noch vorhersagbar
erscheint. Und dass Sänger Michiel Borkent auch dann nicht allzu
überzeugend wirken dürfte. In jedem Falle aber erledigten
die Mondkälber die nicht ganz einfache Aufgabe, für das
ganze Festival anzuheizen, mit viel Engagement. Unterdes betätigte
sich der Schreiber dieses Textes, vor dem beständigen
Soundclipping flüchtend, gerne noch als Begrüßungskomitee
und Parkeinweiser für die gerade aus Spanien einlaufenden
Nahemah.
Doch nun war es Zeit
für die Progmetal-Hoffnung aus Brasilien, Thessera, die auch
gleich mit dem ouvertürenhaften ersten Lied ihres
Debüt(!)-Konzeptalbums einstiegen. Unmittelbar auffallend die
Klasse von Sänger Marcelo Quina, der nicht nur durch seinen
extrem wandlungsfähigen, sehr emotionalen Vortrag, sondern auch
durch seine ebenmäßigen Züge (soweit die endlose
Matte diese mal freilässt) stark an den sehr jungen Daniel
Gildenlöw erinnert. Überhaupt gemahnte die enorm tight und
spielfreudig agierende Kombo mehr als einmal an Pain of Salvation aus
einer Zeit, als diese sich noch nicht der Aufgabe unterzogen, die
Welt mit Video-Einspielungen und der Ausbreitung lexikographischen
Wissens in Prog-Alben retten zu wollen. Weitere Assoziationen zu der
letztlich aber sehr eigenständigen Mannschaft: Vanden Plas.
Bemerkenswert
das zahnradmäßig synchronisierte Highspeed-Zusammenspiel
der beiden Gitarristen, die sich bis fast zum Ende des Konzertes kein
einziges Mal anschauen. Hier können im Sekundentakt schon mal
heavy Shredding-Parts auf jazzige Linien folgen, abgerundet durch
barocke Keyboard-Riffs. Spätestens ab dem Album-Höhepunkt
"Party's On" war auch das restliche Publikum entflammt.
Nachdem die Höhepunkte von "Fooled Eyes" schon kaum
noch zu toppen schienen, legte die ungemein sympathische Truppe mit
Deep Purples "Pictures Of Home", Dios "Don't Talk To
Strangers" und dem beeindruckend interpretierten "Under A
Glass Moon" von Dream Theater noch derartig überzeugend
nach, dass sie seither als deutliche Kandidaten für die
Mainstage kommender ProgPower-Ausgaben gelten. Dieser Auftritt war
einer der ersten der jungen Band in Europa. Und lässt wirklich
einiges für die Zukunft von Thessera erwarten.