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Gesehen! Reeperbahn Festival 2011 / 22. - 24.09.2011, Hamburg, Kiez
Bleibt alles anders?
Text: Michael Kellenbenz Live-Fotos: Pressefreigabe
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Wenn einmal im Jahr der Hamburger Spielbudenplatz unter offenen weißen Zelten nicht mehr zu erkennen ist, liegt mehr als nur ein wenig ausgesuchte Musik über dem Areal. Das Reeperbahn Festival, angefangen als kleine Ansammlung ambitionierter Clubs rund um die viel zitierte Meile, hat über die Jahre an Profit gewonnen, dabei aber mitnichten sein Profil vergessen zu schärfen. Zuletzt hat die ziemlich gesichtslose Berliner Music Week auf eben diesen Kniff verzichtet. Wie es also sehr viel besser gemacht werden kann und muss, ist an der Elbe zu erleben.
Bleiben wir noch einen Moment lang in der Hauptstadt. So sieht's aus: Branchentreffen und konsumierender Besucheransturm innerhalb einer Woche freier Musikauswahl in den Läden, eine Popkomm, die ausgerechnet mit der ortsansässigen Braut Universal im Scheidungskrieg liegt und ein hinten angehängtes Berlin-Festival, das sich gerade noch einmal selbst aus dem Sumpf eigener Fehler vom Vorjahr retten konnte. Viel Willen zu spüren, ein paar gute Ideen zu finden. Doch tun sich ansonsten auch reichlich Unschärfen im kontrastarmen Bild auf. In Hamburg dagegen kann man zeitweise den Eindruck bekommen, dass "die Branche" nach der lästigen Pflicht nun die Kür feiern darf. Endlich.
Das geschieht natürlich nicht vollends losgelöst von unzähligen Showcases, ein paar irgendwie auch überflüssigen Empfängen und dem einen oder anderen viel zu dünnen Smalltalk. Doch eingebettet in die über 150 Konzerte, auf Augenhöhe mit Produkt und Konsument, nimmt auf der Reeperbahn eine Veranstaltung ihren Lauf, die einmal im Jahr sogar den kleinsten Club vor bundesweites TV-Publikum bringt. Und dabei längst nicht nur auf etablierte Namen schielt, sondern eben noch nicht so bekannte Acts zu solchen macht. Die Sprungbretter dazu stehen daher auch lange nicht nur in den namhaften Schuppen bereit, sondern durchaus auch mal in einer Sparkassenfiliale, im wahrscheinlich dann doch unvermeidlichen Striplokal oder in winzigen Läden wie dem Silber, das nicht eben für blühende Existenzgrundlagen und volle Kassen bekannt ist.
So richtet sich das Augenmerk in den Schlangen vor dem Einlass eben auch nicht nur auf den vermeintlich neuen, kochenden Scheiß, sondern auch auf Lokationen, die der Besucher bis dahin in den Konzertkalendern Tag für Tag geflissentlich, wenn auch ohne böse Absicht, überliest. Gesicht zeigt das Reeperbahn Festival hier übrigens bereits in vielen Fällen direkt am Einlass. So lassen sich Szenarien beobachten, in denen Ordner maximal freundlich den Weg zur nächsten Abendkasse weisen und nach Bedarf sogar die Idee hinter dem Fest anschaulich erklären. Unaufdringliches Logo-Branding auf den Bühnen, eine tägliche kleine Festivalzeitung, die auch aktuelle Änderungen noch kommunizieren kann, und ausführliche Informationen über Clubs und Künstler runden ein Erlebnispaket ab, das sich der Besucher am Ende aber ganz individuell schnüren kann und soll.
Der freut sich dann auf Bands wie Cloud Control, die ihren ins stürmische Wasser gefallenen, Hurricane-Auftritt nachholen oder auf die dynamischen Neueinsteiger Dry The River (deren Liebe zu den Fleet Foxes nicht wegzudiskutieren ist), die britischen Brüder The Sea, eine tägliche Ray Cokes-Werbeveranstaltung, viele tolle Flatstock-Plakate, eine lange dänische Nacht im Indra, die Amos-Plattencover-Ausstellung im Beatlemania-Museum, Englands neuen Helden Ed Sheeran im Grünspan, leise Gitarrenhelden in der bumsvollen Hasenschaukel oder John Vanderslice im Imperial-Theater. Künstlernähe geht am Rande übrigens auch, wenn die Setlist zusammen mit Fans auf dem Smartphone diskutiert wird. Vor dem Auftritt wohlgemerkt. Eine Aufzählung ist das jetzt, die eigentlich gar keine sein will auf einem Fest, das in seiner breit gestreuten Vielfalt auch wirklich eines für alle ist. Und dessen insgesamt doch sehr unangestrengte Atmosphäre auch in 2011 dem Kiez für drei Tage und sehr lange Nächte mal einen richtig nachhaltigen Anstrich von toller Musik auf beträchtlichem Niveau verpasst hat.