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Gesehen! Ton Steine Scherben Family / 13.11.2005, Köln, Live Music Hall
Dieses Land ist es nicht!
Text: Carlo G. Reßler
Wie zeitgemäß sind heute Anarcho-Songs aus den Siebzigern? Nach Meinung
der einstigen deutschen Vorzeigeband dieses Genres Ton Steine Scherben, deren
Frontmann Rio Reiser 1996 starb, hochaktuell. Die Ereignisse um Gorleben, in Berlin
oder jüngst in Frankreich würden ihnen Recht geben. Und so lud die eigentlich
schon lange aufgelöste Scherben Family in der leider nur mäßig
gefüllten Kölner Live Music Hall gutgelaunt zum "Anarcho-Abend"
ein.
Vor gut einem Jahr und fast 20 Jahre nach ihrer offiziellen Auflösung fand
die Band anlässlich des Geburtstages ihres ehemaligen Gitarristen Lanrue
wieder zusammen. Und sie wollen, so ihr Saxophonist Nikel Pallat, auch künftig
zusammen dafür sorgen, "dass die Schätze, die Rio uns hinterlassen
hat, nicht verloren gehen". Dass die Scherben damit Recht haben, beweist
neben ihrer Freude am Livespielen natürlich auch die Tatsache, dass wohl
keine deutschsprachige Band bis heute so oft gecovert worden ist wie sie: Wir
sind Helden, Freundeskreis, Fettes Brot, Echt, Blixa Bargeld, Die Sterne, Nina
Hagen und viele mehr haben gezeigt, wie zeitlos die Songs und Texte der Scherben
sind. Und noch heute noch gehören die Scherben ins musikalische und persönliche
Repertoire vieler Jugendlicher, von denen etliche damals noch gar nicht geboren,
heute aber beim Konzert waren: so steht auf zahllosen Demonstrationen und Kundgebungen
die Scherbenhymne "Keine Macht für Niemand" noch immer ganz oben.
Nun, der neue Sänger und hervorragende Gitarrist Marius del Mestre klingt
mit den alten Demo-Songs wie "Mein Name ist Mensch" oder "Allein
machen sie dich ein" tatsächlich fast wie Rio und die heute 10-köpfige
Band mit hoher Spielfreude, schönem Backchorgesang und hervorragenden Arrangements
fast wie früher. Besonders wohltuend ist dabei auch der warme Gesang von
Angie Olbrich. Einzig was fehlt, ist vielleicht das Neue – denn sie graben
bei ihrem Kölner Gig fast ausschließlich nach vergangenen Schätzen.
Wenn man sich jedoch, wie die fast während des gesamten zweistündigen
Konzertes laut mitsingenden Fans, auf den Moment einlässt, befällt einen
fast so etwas wie Sehnsucht und Melancholie – die Erinnerung an wildere,
menschlichere Zeiten. Fast wehmütig hier auch die von einem wunderschönen
Flötensolo ein- und ausgeleitete Ballade "Der Traum ist aus". Viele
im Publikum heben dann auch spontan Arm und Faust beim Refrain "...dieses
Land ist es nicht!" Danach ein wenig ruhige Kuschelstimmung unterstützt
von erhobenen Feuerzeugen beim Beziehungssong "Halt Dich an meiner Liebe
fest".
Eines hat der überzeugende Auftritt, bei dem auf und vor der Bühne teilweise
"richtig die Post abging", klargestellt: Der zugleich aggressive und
gefühlvolle Rebellen-Rock der Scherben mit den vielen starken Texten von
Rio hat zwar etwas an Frische, doch nichts an Kraft verloren und ist noch immer
ein ganz schöner Hammer. Weitermachen sehr erwünscht!