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Getroffen! Interview mit Christan Neander / Selig (Februar 2013)

"Das klingt nach langen Konzerten..."

Interview: Mathias Frank

 

Nach der Reunion im Jahr 2008 hatte die Hamburger Band Selig die beiden erfolgreichen Alben "Und endlich unendlich" sowie "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" herausgebracht. Am 1. Februar veröffentlichten Selig nicht nur ihr hervorragendes neues Album "Magma"–Anfang Februar trafen wir uns auch mit ihrem Gitarristen Christan Neander in Hamburg zum Plausch. Es ging um die kommende Tour, aber auch um die letzte. Denn schon bevor "Magma" erschien, wurden die Stücke in winzigen Clubs getestet. Mit Erfolg.

Selig

Christian Neander: Im November haben wir die "In Bed With Selig"-Tour gespielt, auf der wir das Album vorab gespielt haben. Alle zwölf Stücke, in der Reihenfolge wie auf der Platte. Wir hatten überlegt, wie und was wir machen und dann gesagt: "Okay, wir spielen das ganze Album und gehen dann von der Bühne." Wir sind dann aber noch mal raus gegangen und haben noch acht alte Lieder gespielt. Auf jeden Fall hat das aber gut funktioniert, die Stücke haben live sehr gut funktioniert. Mit Ausnahme von "Love And Peace" kannte die ja niemand.

 

Wussten die Leute denn, dass ihr "Magma" spielt?

Christian Neander: Ja, aber die dachten, dass wir nur ein paar Stücke spielen und nicht das ganze Album. Das war eine ganz spannende Atmosphäre in den Clubs und natürlich auch spannend für uns, weil wir ja die Songs noch nicht so gut spielen konnten.

 

Aber wenn ihr jetzt auf reguläre Tour geht, gibt es klassische Setlisten?

Christian Neander: Wir sind gerade am überlegen. Denn wir haben eigentlich keinen Bock, ein Lied von "Magma" auszulassen. Das klingt nach langen Konzerten. Aber das war ja auch mal die Idee von Musik. Das zu zeigen, was man gerade Schönes gemacht. Wenn wir jetzt aber nur das neue Album und die ganzen B-Seiten, die keiner kennt, spielen, wäre das auch ein bisschen assig. Und es macht ja auch Spaß, die alten Nummern zu spielen, das hat nicht aufgehört.

 

Müsst ihr vor einer Tour eigentlich noch proben?

Christian Neander: Ja. Aber nicht viel. Man guckt, ob man vielleicht mal was erneuert, damit man nicht einpennt. Es ist zwar gemütlich, wenn man alles weiß. Aber gerade wenn man unsicher ist, spielt man meistens besser.

 

Wie reist eine Band wie Selig?

Christian Neander: Wir haben eine Crew, bestehend aus Mischer, Monitormann, Backliner, Lichtmann und einem Tourleiter. Genau wie die letzte Tour werden wir auch dieses Mal mit einem Nightliner fahren, so einem doppelstöckigen Bus, in dem man oben schlafen kann.

 

Ohne dir nahe treten zu wollen: Aber als nicht mehr 20-jähriger, sondern gestandener Musiker - macht man da nach der Show noch Party und lebt Sex, Drugs & Rock N Roll aus oder macht man doch eher Sachen, die Erwachsene halt so machen?

Christian Neander: Es ist, glaube ich, schon eine ganz gute Mischung. Auf der letzten Tour waren wir schon sehr lustig unterwegs. Aber das hältst du nicht durch, wenn du drei, vier Wochen auf Tour bist. Dann wird es sinnentleert und du bist so fertig, dass du dich den Leuten nicht mehr anbieten willst.

 

Freut man sich denn mehr, wenn es losgeht, oder ist die Freude noch größer, wenn die Tour wieder vorbei ist?

Christian Neander: Ich bin immer sehr traurig, wenn es zu Ende ist. Immer. Also bei den letzten zwei, drei Gigs einer Tour bin ich immer traurig. Denn es ist eine sehr intensive Zeit, die zu Ende geht. Aber natürlich ist auch sehr schön, wieder nach Hause zu kommen, denn natürlich vermisse ich meine Tochter und meine Frau.

 

Ist auf Tour tatsächlich das Spielen das Schönste oder gibt es auch noch andere Highlights?

Christian Neander: Es gibt manchmal so schöne melancholische Momente und Erlebnisse. Wenn du zum Beispiel nachts nicht schlafen kannst und oben aus dem Bus auf die Straße schaust. Alle schlafen und du sitzt da alleine und denkst über das Leben nach, ob das alles richtig ist, was du da machst - und das ist dann eine ganz wundervolle Melancholie, das ist romantisch und traurig-schön. Du fühlst dich alleine und bist alleine, aber ich mag das.

 

Nach so vielen Jahren und so vielen Touren und Konzerten - gibt es noch etwas, was ihr unbedingt noch mal machen wollt?

Christian Neander: Was wir nicht besonders gut finden, sind große Hallen wie die O2 Worlds oder so. Wir kommen da jetzt gerade nicht in den Zugzwang, aber wir könnten hier in Hamburg zum Beispiel in die Sporthalle gehen [mit Platz für zirka 8.000 Zuschauer, Anm. d. Red.], aber das finden wir blöd. Dann gehen wir lieber dreimal ins Docks [Club auf der Reeperbahn, mit Platz für zirka 1.300 Zuschauer, Anm. d. Red]. Es wäre aber bestimmt spannend, mehr im Ausland zu spielen. Das ist mit den deutschen Texten halt ein bisschen schwierig, wenn man nicht grad Rammstein ist.

 

Schaut ihr euch bei anderen Bands noch was ab, wenn ihr sie euch live anguckt?

Christian Neander: Ja! Ich reflektiere meistens auf Energie, darauf, wie die Band zusammen spielt, wenn sie sich fallen lassen kann und sich eine Eigendynamik entwickelt. Es ist immer ein guter Moment, wenn man das geil findet, aber auch ein bisschen neidisch wird.

 

Kannst du denn trotzdem noch normal Musik hören und normal Konzerte gucken, ohne alles zu analysieren und zu reflektieren?

Christian Neander: Phasenweise. Und das nervt mich auch. Denn es ist manchmal echt hinderlich, wenn man die Songstrukur der anderen durchschaut. Aber das geht auch wieder weg, wenn eine Band besonders wesentlich oder wahrhaftig ist zum Beispiel, wenn es richtig geil ist.

 

Und was macht ihr, wenn ihr auf der Bühne steht, und es ist grad nicht so geil?

Christian Neander: Der Haupttrick ist, für sich selbst zu spielen und sich gegenseitig auf der Bühne anzuturnen, wenn du irgendwo spielst, wo wirklich falscher Film ist, was zum Glück ja eher selten der Fall ist. Aber wenn du dann versuchst, dagegen anzubrüllen, dann kannst du nur untergehen. Ich verlinke mich dann mit den anderen, höre Jan beim Singen zu. Oder: "Wie spielt Stoppel die High Hat, ich will jetzt genau den nächsten Snare-Schlag mit ihm zusammen spielen." Man versucht halt miteinander Musik zu machen. Darum geht’s schließlich immer. Auch wenn es natürlich viel einfacher ist, wenn man ganz viel zurückkriegt.

 

Wie oft denkst du an Selig, auch wenn du gar nicht Selig denken müsstest?

Christian Neander: Das hat sich sehr stark verbessert. Früher war es komplett lebensbeherrschend. Jetzt denke ich viel an Selig, mache aber auch komplett anderen Kram. Es hat jetzt ein sehr gesundes Maß. Selig ist das wichtigste meines musikalischen Schaffens, aber es gibt jetzt halt auch Phasen, wo ich mein Ding mache. Aber wir haben alle Sachen neben Selig. Jan sing Rio, Leo produziert und macht Theater-Musik, Stoppel spielt bei James Last, ich produziere halt Bands und schreibe Lieder für andere Leute.

 

Und dann erzählt Christian noch diese Geschichte:

Christian Neander: Meine Tochter ist vier Jahre alt, und vor ihrem Kindergarten hängt nicht nur so ein megagroßes Selig-Plakat, früher haben die Kinder morgens auch immer "Schau schau" gesungen, was total absurd ist. Aber der Kindergärtner findet Selig halt toll. Das war total rührend, die waren da vielleicht zweieinhalb Jahre alt und haben dann so getan, als ob sie auf die Bühne gehen und haben dann nacheinander "Schau schau" gesungen. Total süß.

 

 

 

Links:

>> Info/Konzerte Selig bei POP FRONTAL

>> Video "Alles auf einmal" bei youtube.com

>> Homepage Selig

>> Selig: Magma - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

 

 

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Selig: Magma

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(Vertigo / Universal)

 

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