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Getroffen! Stephen Malkmus im Interview / 29.09.2005 (Hamburg)

Meeting Malkmus

Interview: Simone Deckner und Mikel Plett

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Seit es Interviewtermine gibt, werden sie abgesagt oder verschoben. Die zarte Künstlerseele leidet plötzlich unter abstrusen Befindlichkeiten, ist unpässlich oder muss ihr Image pflegen. Nicht so Stephen Malkmus, Indie-Gott der 90er, Ex-Sänger und Songwriter von Pavement und seit 2001 als Solo-Artist mit Unterstützung der "Jicks" unterwegs. Unseren Interview-Termin hatte er schlicht vergessen. Stattdessen machte er sich in Hamburg auf die Suche nach interessanten Platten. Drei Stunden später erschien er dann wieder beim KdW am Nobistor, dem schon fast legendären Musik-Kollektiv-Gebäude, das Ende 2005 der Abrissbirne zum Opfer fallen wird.

Stephen Malkmus

 

Silvester findet hier die letzte Party statt, dann wird das Konzertvenue in ein Krankenhaus verwandelt. Dein Auftritt heute wird also auf jeden Fall ein denkwürdiger werden...

Stephen Malkmus: Oh, das wusste ich nicht. Aber ich finde es gut, dass hier ein Krankenhaus gebaut wird, auch wenn ich kein großer Anhänger der Schulmedizin bin. Aber wenn ich mir jemals ein Bein brechen sollte, bin ich sicher froh, dass ich hierher kommen kann (schmunzelt).

 

Weshalb ich Dir das erzähle: Ich glaube, wer lange Zeit auf Tour ist, kann nicht immer "denkwürdige" Abende haben...

Stephen Malkmus: Absolut.

 

Wie gehst du mit diesem Problem um, jeden Abend auf der Bühne zu stehen, ohne dich ständig zu wiederholen?

Stephen Malkmus: Meistens versuchen wir das Problem im Vorfeld zu lösen, indem wir viel Alkohol trinken (lacht), dann hört es sich jedes Mal ein bisschen anders an. Aber wenn du dich selbst respektierst, machst du es jedes Mal ein wenig anders. Du musst präsent sein, den anderen Bandmitgliedern genau zuhören, nicht nur dein Ding machen. Gut sind auch Songs, die sich variieren lassen. Aber es muss auch Konstanten geben, weil du ja nicht immer alles komplett neu machen willst. In manchen Nächten willst du auch gar nicht "besonders" sein. Du möchtest dich einfach darauf verlassen, was du bereits kennst. Es ist gut, eine vernünftige Mischung zu haben.

 

Änderst du bei jedem Auftritt die Setlist?

Stephen Malkmus: Beinahe. Nur bei dieser Tour bin ich ein bisschen faul. Wir haben ja auch einen neuen Drummer (der alte - John Moen - spielt jetzt bei den Decemberists, d. Red.) und spielen daher weniger Songs, weil wir ihm noch nicht alle beigebracht haben. Andererseits: In der Geschichte des Rock'n'Rolls ist es auch keine große Sache, wenn man nur eineinhalb Stunden Material hat. Ich meine, in den 60ern hat man 30 Minuten gespielt, und die Leute waren glücklich (lacht).

 

Das sind sie heute nicht mehr...

Stephen Malkmus: Die Wirkung einer Band wäre vermutlich oft größer, wenn sie nur 45 Minuten spielen würde. Aber die Leute zahlen viel für den Eintritt, der Club will auch ein paar Bier verkaufen, und so hat jeder ein Interesse, dass die Sache etwas länger dauert. Man muss eben ein paar langweilige Momente während eines Konzerts in Kauf nehmen. Es ist ohnehin schwierig, mit vier Leuten eineinhalb Stunden Musik total fesselnd zu gestalten, ohne eine Menge Extraeffekte, Kostümwechsel, viele unterschiedliche Instrumente und diesen ganzen Aufwand. Wir haben das alles nicht, aber wir spielen trotzdem gern.

 

Eure aktuelle Tour ist nicht sehr lang...

Stephen Malmus: Nein, in Deutschland spielen wir auch nur vier Shows. Wir haben hier aber auch nicht viel Aufmerksamkeit für "Face The Truth" bekommen. In anderen Ländern, wie England, Frankreich oder Belgien läuft es besser. Ich meine, es ist auch erst vier Monate alt und nicht gerade das Gesprächsthema, aber dennoch, wir spielen für unsere Fans und haben eine gute Zeit.

 

Du spielst auch auf dem neuen Album "Tanglewood Numbers" der Silver Jews (VÖ: 14.10.) wieder Gitarre. Werden wir dich und David Berman jemals zusammen auf einer Bühne zu sehen bekommen?

Stephen Malkmus: Ich glaube nicht. Wahrscheinlich geht David demnächst wieder auf Lese-Tour, vielleicht auch in Deutschland. Aber eine Tour der Silver Jews wird es wohl nie geben.

 

Zurück zu deinem aktuellen Album "Face The Truth". Es gibt da diesen Song "Freeze the Saints". Ich habe ihn so verstanden, dass er davon handelt, wie man älter werden kann, ohne sich lächerlich zu machen. Du bist jetzt 40 Jahre alt, fürchtest du dich vor dem Älterwerden?

Stephen Malkmus: Ich bin noch für alles zu haben (lacht). Nein, ernsthaft: Ich bin froh, da zu sein, wo ich jetzt bin. Aber Dinge verändern sich, und du musst in manchen Punkten einfach erwachsen werden. Etwa, wenn du dich dafür entscheidest, Verantwortung zu übernehmen, Steuern zu zahlen, einen Job zu haben und dich auf Beziehungen einzulassen. Sich auf echte Beziehungen einzulassen, ist sehr erwachsen. Es ist leicht, diese Drei-Wochen-Beziehungen zu haben, so wie die Leute, die serielle Monogamisten sind. Was heutzutage viele sind, weil es das einzige zu sein scheint, mit dem sie klarkommen. Viele sind auch sehr narzisstisch. Darum geht’s in dem Song. Aber ich genieße mein Alter. Dinge verändern sich eben (lacht), und ich werde immer gelassener. Wir werden sehen.

 

Und welchen Effekt hat dieses Gefühl auf deine Musik?

Stephen Malkmus: Das ist eher zwiespältig. Wenn man Musik als "alt" bezeichnet, schwingt da ja meist ein negatives Vorurteil mit. Manche Songs klingen eben so "erwachsen" wie "Freeze The Saints", andere jung und frisch. Du willst natürlich immer lebhaft sein, egal wie alt du bist.

 

Als Musiker kannst du dich nicht von "alten" Einflüssen freimachen. Gerade auf "Face The Truth" hört man die 60er und 70er heraus. Hast Du Musik aus dieser Ära auch während der Aufnahmen gehört?

Stephen Malkmus: Ja, aber auch viele andere Stilrichtungen. Ich bin ja, seit ich denken kann, Musikfan. Auch wenn ich anfangs noch keine Songs geschrieben oder Platten gekauft habe, sondern hauptsächlich zugehört habe. Erst als ich älter wurde, habe ich mich in einen Liebhaber seltsamer Musik verwandelt (lacht).

 

Was meinst du mit seltsamer Musik?

Stephen Malkmus: Es gibt diese Bezeichnung "Außenseitermusik", das ist in der Kunst vergleichbar mit Art Brut, der rohen, unverfälschten Kunst von Außenseitern wie Geisteskranken oder Unangepassten. Man nennt das auch "real people music". E.L.O. oder Queen gehören definitiv nicht in diese Gruppe. Das ist extrem produzierte, glatte Musik, bei der die Persönlichkeit der Musiker nicht mehr wirklich erkennbar ist. Ich meine: Jeder kann singen. Du kannst ein Album aufnehmen. Ich auch. Es gibt ja auch diese "vanity pressings", bei denen nur eine kleine Auflage von Alben, etwa 500 Stück, produziert werden, und du verteilst sie in deinem Freundeskreis. Aber ich mag auch aufwändig orchestrierte Popmusik und Punk. Es gibt so viel zu hören und zu lieben.

 

Gibt es irgendwelche deutschen Bands, die du besonders magst?

Stephen Malkmus: Can waren eine Schlüsselband für mich. Ich habe sie sehr gemocht, als ich 19 war. Ich mochte sie gerade, weil ich nicht verstand, was sie da eigentlich machten. Viele dachten so auch über Pink Floyd, als sie sie das erste Mal hörten. Aber die waren schon viel zu verwässert zu meiner Zeit. Für mich war das klar: Diese Band bringt’s nicht (lacht). Aber Can sind auch heute noch eine großartige Band, was elektronische Musik angeht. Ebenso wie Kraftwerk. Die haben damals schon alles gemacht, was andere Bands heute - nur mit schnellerem Beat – machen, aber die sind bei weitem nicht so einprägsam.

 

Gibt es aktuelle deutsche Bands, die dir gefallen?

Stephen Malkmus: Da kenn ich mich nicht so gut aus. In letzter Zeit ist auch nicht viel deutsche Musik nach Amerika gekommen. Ich mochte "Shrink" von The Notwist sehr, mehr als "Neon Golden", obwohl das populärer war. Aber es kommt einfach nicht viel europäische Musik nach Amerika. Es gibt eine schwedische Band namens Dungen, die ich mag, sie machen eher psychedelische Musik.

 

Hamburg hat ja eine gute Independent-Szene mit Bands wie Tocotronic, Blumfeld, den Sternen usw. Die neue Tocotronic ist zum Beispiel sehr gut...

Stephen Malkmus: Oh, cool. Ich habe sie auch einmal kennen gelernt, ich mochte sie. Sind Blumfeld und die Goldenen Zitronen denn noch dabei?

 

Ja. Du kennst ja auch Jochen Distelmeyer - habt ihr noch Kontakt?

Stephen Malkmus: Ich habe ihn schon länger nicht gesehen. Ich mag aber seine Einstellung, er ist eine sehr wissbegierige Person. Er liebt wie viele Leute, die ich kenne, Bob Dylan. Mein Freund Todd Haynes (Regisseur von Kinofilmen wie "Velvet Goldmine", d. Red.) liebt Dylan auch sehr. Todd ist so ein David-Bowie-Typ, er ist schwul, alle seine Filme sind über schwule Identitätssuche, und dann ist er so ein "Mein Gott, ich liebe Bob Dylan"-Typ. Die Leute sind verrückt nach Dylan. Jochen hat mir mal ein sehr cooles Dylan-T-Shirt geschenkt, ein 2nd-Hand-T-Shirt. Meine Freundin trägt es, weil es mir zu klein geworden ist (lacht). Es stammt aus dem Jahr 1978, wahrscheinlich könnte man es für ein paar Hundert Dollar verkaufen. Weil das jetzt sehr trendy ist.

 

Man konnte in Interviews immer wieder lesen, dass du umziehen willst. Von L.A. war da die Rede, aber auch von Berlin. Wie steht es damit?

Stephen Malkmus: Wir haben darüber nachgedacht, aber jetzt mit unserem Baby Lottie ist das erstmal kein Thema mehr. Meine Partnerin ist Künstlerin (Visual Artist Jessica Hutchins, d. Red.), sie wollte nach Berlin, um ein paar Kontakte zu knüpfen und ihre Kunst in Europa zu verkaufen. Das ist sehr schwierig. Momentan kann ich es mir nicht vorstellen umzuziehen. In Portland ist das Leben ziemlich leicht zu bewältigen, ganz so wie in Deutschland (lacht.)

 

Vielen Dank für das Interview!

 

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Links:

>> Künstlerinfo Stephen Malkmus bei POP FRONTAL

>> Homepage Stephen Malkmus

>> Stephen Malkmus: Face The Truth - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

 

 

Stephen Malkmus

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Stephen Malkmus

Stephen Malkmus: Face The Truth

(Domino / Rough Trade)

 

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