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Gesehen! Sufjan Stevens / 10.11.2006, Köln, Gloria

Phoenix im Phantasieland

Text: Simone Deckner

Es wird von Musikern ja gern behauptet, sie seien "schräge Vögel". Als Belege werden dann angeführt: Senil-Rocker, die von Palmen fallen, Pseudo-Feministinnen mit pink gefärbtem Haar oder Boyband-Sänger, die ihre Einfallslosigkeit als "radikalen Neuanfang" verkaufen. Kompletter Blödsinn eben. Ein wahrhaft schräger Vogel hat so etwas nicht nötig. Er erscheint lieber, wie Sufjan Stevens – Mulitiinstrumentalist, Christ, Workoholic und eine der der wichtigsten Figuren der "New Weird Folk"-Bewegung – im Vogelkostüm auf der Bühne und spielt alle mit einem Lächeln um den Verstand.

Sufjan Stevens

Bei seiner Tour im vergangenen Jahr hatten Stevens und seine Band sich noch als Cheerleader mit Puschel-Pom-Poms präsentiert – heute betreten insgesamt zehn Musiker die Bühne mit bunten Flügeln und Federmasken im Gesicht. Sie sehen aus, als hätte man sie gerade aus einer überdimensionalen Voliere befreit. Als die erste Töne zu hören sind, flimmern auf der großen Videoleinwand Wälder, Wolken und nebelverhangene Landschaften vorbei. Mittendrin im Naturkosmos: Sufjan Stevens. Er sitzt am Klavier und wispert ins Mikrofon. Zaghaft, schwebend, unwirklich, als suche er den Weg durchs Dickicht. Links von ihm: Die Bläsersektion. Schräg dahinter: Die Rhythmusgruppe. Rechts von ihm steht eine zierliche Frau mit verwuschelten Locken, die gerade als St. Vincent im Vorprogramm die 900 Zuschauer im ausverkauften Gloria verzaubert hat. Kaum jemand spricht.

"Hi, my name is Siegfried Stevens, I’m the Majesty Songbird", stellt sich der 31-Jährige vor – nur eine von vielen Anekdoten an diesem Abend. Wie er als kleiner Junge von seiner Deutschlehrerin diesen Namen bekommen habe, weil ihr kein Äquivalent für Sufjan einfiel. Er lächelt verlegen. Mehr muss er nicht tun. Schon jetzt sind alle dem Vogelmann und seiner Schar verfallen. Stevens ist als moderner Minnesänger entwaffnend – weil er nichts ironisch meint, weil er sein Herz ausschüttet und so zerbrechlich wirkt, wie er da steht, mit seinen Flügeln. Wie er das Publikum artig beklatscht, dafür, dass es ihn beklatscht. Und dann singt er: Von langen Nächten auf Parkplätzen, wilden Alligatoren, Zombies, John Wayne und UFOs, seiner Familie und Tage in den Wolken. Und immer wieder "about the Lord". Instrumente, die man sonst nur aus der Klassik kennt, wie Oboe, Klarinette, Horn oder Posaune, klingen bei ihm alles andere als altbacken. Im Zusammenspiel mit seiner weichen Flüsterstimme bilden sie eine Art Märchenwald, in den man sich zurückziehen kann. Stevens Phantasiereichtum macht sich auch in der Auswahl der musikalischen Genres bemerkbar. Immer wieder bringt er Elemente von Electronica, Jazz, Pop und Rock in seine Folk-Songs ein, deren einzige Gemeinsamkeit nur ihr steter Wechsel zwischen lauten und leisen, schnellen und langsamen Passagen ist. Das beinahe zehnminütige neue "Snowbird" belegt dies aufs Schönste.

 

 

Doch Stevens verharrt nicht in pastoralen Posen: Er lässt meterhohe, aufgeblasene Supermänner ins Publikum schmeißen, später werden Weihnachtsmänner folgen. "Let them bounce around, so we can have fun", feuert er das Publikum an. Nur wenige Stücke des aktuellen Albums "The Avalanche" sind zu hören – stattdessen reist er durch sein Michigan, sein Illinoise, seine wundersame Phantasiewelt: Von "Jacksonville" nach "Detroit", vom "Casimir Pulaski Day" bis zum "The Man of Metropolis" – fünf Minuten lang erzählt er von traumatischen Kindheiterslebnissen im Feriencamp ("Everything there was watersports – I hated water"), die zum Stück "The Predatory Wasp Of The Palisades Is Out To Kill Us!" geführt hat. Man vergisst völlig, dass es eine Welt außerhalb dieses Theaters gibt.

Am Ende sitzt er am Klavier, das Gesicht vergraben unter den Stoffschwingen, der Oberkörper liegt auf den Tasten. Man hält den Atem an. Er bewegt sich nicht. Dann, Sekunden später, öffnen sich langsam seine Flügel. Thank God: Phoenix ist zurück im Phantasieland.

 

Links:

>> Künstlerinfo Sufjan Stevens bei POP FRONTAL

>> Homepage Sufjan Stevens

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Sufjan Stevens

Sufjan Stevens

 

Sufjan Stevens: The Avalanche

Sufjan Stevens: The Avalanche

(Sanctuary Records / Rough Trade)

 

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