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Gesehen! The Tangent, Ritual, Beardfish / 22.05.2008, Zoetermeer (NL), Boerderij

Prog Like A Mountain

Text / Live-Fotos: Klaus Reckert

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Im Wonnemonat Mai schickte InsideOut Music ein ganz besonderes Prog-Festival auf Reisen: The Tangent, Beardfish und Ritual. Beardfish hatten pünktlich zur Europa-Minitour (acht Dates in sechs Ländern) ihr neues Album "Sleeping in Traffic: Part Two" aus dem Schlummer gerissen. Dessen vorzüglicher erster Teil war in vielen redaktionellen Top Ten-Listen des Jahres 2007 aufgetaucht - so auch in der des Rezensenten. Die schwedischen Mumin-Folkrocker Ritual waren mit von der Prog-Partie, um ihr enorm ansprechendes Album "The Hemulic Voluntary Band" durch einen hemulischen Auftritt ebenso zu promoten, wie ihr Götterwerk "Think Like A Mountain". The Tangent hingegen konnten sich mit ihrer angejazzten Prog- und Canterbury-Melange in den vergangenen Jahren eine treue Fangemeinde aufbauen. Sie hatten ihr - aufgrund eines eingearbeiteten und zugrunde liegenden Buches - besonders interessantes aktuelles Werk "Not As Good As The Book" mit im Reisegepäck.

Ritual

Ritual

Back to the future: Das war entschieden das Motto, als in der weiterhin schlicht zauberhaften Boerderij, dem Prog-Tempel unseres westlichen Nachbarlandes, Beardfish zum Live-Barbieren riefen. Denn kaum jemand vermag es, den Progrock der 70er Jahre so authentisch, liebenswürdig versponnen, eklektizistisch und doch nie wirklich stumpf kopierend zu zelebrieren wie dieser Schwedenvierer. Knaller wie "Into The Night" (diese Orgel!) von "Part Two" machten schon zu Beginn dem leider zu Beginn noch wenige Häupter zählenden Publikum Laune, wie man das selten bei "Vorgruppen" erlebt. Ein früher Höhepunkt des gesamten Konzertabends war gerade das umwerfend groovende "Roulette". Außerdem dürften "And Never Know", "The Reason Of Constructing" sowie mehrere Nummern vom '06er Album "The Sane Day" dabei gewesen sein.

Definitiv am Start war aber "The Blue Moon", bei dem Keyboarder/Sänger Rikard Sjöblom von den phantastisch klingenden Samples seiner Clavia Nord-Tasten zu einer noch schöneren, aber merkwürdig abgemischten Gibson SG wechselte. Merkwürdig, denn zu hören war im Auditorium fast ausschließlich Attack, also das unverzerrte Anschlaggeräusch. Auffallend auch die feinziselierte Rhythmusarbeit von Schlagwerker Magnus Östgren gerade bei diesem Track. Diese Fische mit so'nem Bart sehen mehrheitlich ein wenig aus wie Geeks. Aber die Show, die sie dem sie wie immer begeistert abfeiernden Publikum hinlegten, war sowohl Kopffutter als auch eine begeisternde Zeitreise von frühen Genesis über Gentle Giant bis hin zu „areas where no man has progged“ before.

"We ARE the Hemulic Voluntary Band", stellte Zeremonienmeister Patrik Lundström gleich zu Beginn des folgenden Rituals klar. Die Band des mit blond-wallender Haarpracht, rockartigem Gewand und einer Gemme auf der Stirn auch optisch deutlich Folk-Flair versprühenden Schweden ist live eine (Öko-)Bank, wie die hierorts bekannteren Alben seit 2003, insbesondere aber die partyartige Konzertkonserve "Live" ('06) und auch das aktuelle Album "The Hemulic Voluntary Band" ('08) schon hatten vermuten lassen. Der auch von Kaipa her beliebte Patrick scheint – vom erforderlichen Quentchen Narzissmus über das gelungene Stage Acting bis hin zur Gabe, in Sekundenschnelle die Stimmung im Saal wechseln zu lassen –, schlicht ein geborener Entertainer zu sein. Bei Orchestrierungen mit "Nyckelharpa", "Oktavmandoline", Blockflöte und bei Tracks wie dem Titelstück meint man wirklich bald, die Muminmutter über die Bühne wutzen zu sehen, eine greinendes Schüfer l und mehrere erboste Hemule dicht auf ihren Fersen... (wem das nichts sagt, der sei wohlmeinend auf die "Mumin"-Kultbücher von Tove Jansson verwiesen). Das klingt dann wie eine Mischung aus Skandinavierfolk, aus abermals The Mighty Gentle Giant und aus Sgt. Peppers berühmter Freiwilligenkapelle.

 

 

Nun aber legte Andy Tillisons (voc, keyb.; Parallel Or 90 Degrees) vom Geometrie-Projekt zur Live-Band gereifte Formation Tangenten an. Die aktuelle Besetzung ist unsereinem nach den diversen Umbesetzungen - sorry - immer noch nicht ganz klar. Auch wenn (leider) schon vorab eindeutig war, dass weder David Jackson noch Theo Travis dabei sein würden. Aber gemäß Ankündigungen wäre der Meister an Kindergeburtstagshut, Zauberstab und schwarzer Straddel (vgl. Fotos) wohl als der vormalige The Tangent-Gitarrist Krister Jonsson anzusprechen. Einen prächtigen Job lieferte er allemal ab. Die Verbindung zum Beardfish lieferten Tillisons teils prächtige Synthesizer- und Orgel-Beiträge. Sein verkopfter, leicht knödeliger Gesang jedoch fiel gegen die so nonchalanten wie virtuosen Beiträge eines Rikard Sjöblom ab. Ebenso wie gegen den von Flower King Roine Stolt, der diesen Job für The Tangent zuvor verrichtete. Obwohl beide Vergleiche eh hinken, bzw. tangential knapp daneben gehen...

Ungemein detailverliebt und ohne Frage anspruchsvoll bleibt die The Tangent-Mucke ja doch. Dennoch schien der Meister trotz der inzwischen vermutlich jenseits der 300 anzusiedelnden anwesenden Gemeinde etwas enttäuscht. Jedenfalls im Vergleich zu den vor Begeisterung die Schuppen sträubenden Beardfishes oder den eine innige Love Story mit dem Publikum beginnenden The Ritual. Auf der The Tangent-Homepage sinniert Tillison bezeichnenderweise darüber, dass man ja nun einmal per definitionem "für ein älteres Publikum" spiele, das eine "komfortable Erfahrung suche". Und da stelle er sich selbst die Frage, ob er selbst einen solchen langen Festival-Gig mit drei nahezu gleichberechtigten Bands besuchen würde. Die Frage wird mit "Errr" beantwortet. Zwischenruf des Schreiberlings: Genau so habt ihr auch gewirkt - als wärt ihr selbst als Publikum NICHT zu diesem Gig gekommen.

Wie auch immer. Es ging wieder ein warm strömender, streckenweise auch angenehm anregender Mix aus Canterbury Sounds, Psychedelica, Jazz und symphonischem Progrock auf uns nieder. Und schließlich einte auch "The Music That Died Alone" alle, die vielleicht etwas von der wahren Kurvendiskussion à la Tillison & Co. abgeirrt waren...

 

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Links:

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Ritual

 

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