Startseite POP FRONTAL

Gesehen! Tilman Rossmy Quartett / 11.06.2005, Berlin, Holz & Farbe

Nennt ihn Survivor!

Text: Carsten Wilhelm

Seit über 20 Jahren ist dieser Mann im Musikgeschäft. Anfang der 90er Jahre war Tilman Rossmy mit seiner Band Die Regierung eines der einflussreichsten Vorbilder dessen, was später unter dem Schlagwort "Hamburger Schule" in die Musikgeschichte eingehen sollte. Und es ist nicht vermessen, den Mann aus Essen neben den üblichen Verdächtigen aus Bad Salzuflen zu den größten Impulsgebern unpeinlicher deutschsprachiger Popmusik zu zählen. Nach dem Split ging es dann solo weiter, Tilman schrieb mit "Wittgenstein sagt" oder "Willkommen Zuhause" Songs für die Ewigkeit. Von wegen, er hatte nie einen Hit! Dieser Tiefstapler. Seit nunmehr fast zehn Jahren spielt man nun unter dem Namen Tilman Rossmy Quartett, macht hin und wieder eine schöne Platte und geht auf Tour durch die kleinen, schummrigen Läden dieser Republik, in denen gute Musik so klingt, wie sie ist: Echt.

Tilman Rossmy

Auch 2005 macht er wieder Station in diesem seltsamen Laden im Berliner Stadtteil Wedding, wo man sich so weit weg wähnt von der manchmal unerträglichen Mitte-Hippness. Und irgendwie passt sie hier her, diese bodenständige Musik, die so unaufgeregt daherkommt und doch so viel tiefer geht, als die aktuellen Hits in den angesagten Clubs der Stadt. Wird von den Helden oder Franz Ferdinand in zehn Jahren noch jemand Notiz nehmen? Tilman jedenfalls ist mit dem Clubbetreiber seit Jahren befreundet, und es bedurfte keiner großen Werbung, um das Holz & Farbe an diesem Abend randvoll zu kriegen. An anderer Stelle spielten in dieser Stadt heute Tocotronic, aber warum Epigonen lauschen, wenn man für einen Fünfer Originale hören kann?

Eng ist es im Holz & Farbe, Musiker und Publikum stehen sich auf fast gleicher Augenhöhe gegenüber, man nippt am kalten Berliner. "Was wollt Ihr hören?" fragt Tilman zu Beginn des Konzerts. „Unnötig zu sagen, dass sich ein so gefragtes Publikum selten einig ist, und so hörte man allerlei Titel, geraunt von allerlei Stimmen aus allen Ecken des Raumes. Los ging's mit "Der Wanderer", und gleich war er da, dieser Zauber, der Auftritte von Tilman Rossmy umgibt. Wenn es gut läuft. Wenn der Laden nett und die Leute leise sind. Diese samtige Stimme, das Lakonische – man findet Vergleichbares sonst kaum auf deutschen Bühnen. Die Band läuft wie geschmiert, Tilman scheint gut drauf, was zum Teil auch am exquisiten Getränkeangebot des Holz & Farbe liegen dürfte

Die Stimmung ist großartig. Es folgt ein bunter Querschnitt durch alle Alben, von "Junkie" bis "Der Wein", mal nimmt man das Tempo raus, nur um danach wieder einen Gang zuzulegen. Langweilig wird es nie! Ganz im Gegensatz zu sonst wurde "Loswerden" kurz und knapp dahingerotzt, der alte Regierungshit "1975" wird im Gedenken an eine ominöse Schottland-Tournee in einem Englisch dargeboten, für das sich Tilman bei seinem Englisch-Lehrer ganz sicher rote Ohren geholt hätte. Das Berliner Publikum amüsiert sich jedoch gerade deshalb prächtig. Ohnehin war es schön, alte Hits wie "Raus aus diesem Büro", "Willkommen Zuhause" oder "Hennarotes Haar" wiederzuhören, und so bemerkte man gar nicht, wie die Zeit verging.

Und niemand wollte diesen Ausnahmemusiker an diesem Abend von der Bühne lassen. Selbst das Cover von Peter Framptons kaum erträglicher Schnulze "Baby, I Love Your Way" gewann in der Rossmyschen Variante eine ganz neue Note. Ironie oder Ernst musste jeder für sich entscheiden, aber was traut man einem Musiker sonst noch alles zu, der bereitwillig zugibt, bei einem Mark-Knopfler-Konzert endlich mal der Jüngste gewesen zu sein. Leidet hier etwa jemand an seinem Alter? Falls ja: Hat er gar nicht nötig, denn welcher Musiker sonst spielt mit einer solchen Hingabe knappe drei Stunden?

Einige Hits wurden noch zum Besten gegeben, manchmal mit Band, gegen Ende dann ganz allein. Auch wenn er bei "Alles gar nicht wahr" die Akkorde nicht mehr hinbekam, so wird einem die Melancholie von „Die alte Wohnung“ noch lange im Gedächtnis bleiben. Danke für diesen Abend, Tilman. Wir freuen uns schon auf's nächste Jahr. Wir werden uns wieder in den Wedding wagen. Versprochen!

 

Links:

>> Künstlerinfo Tilman Rossmy bei POP FRONTAL

>> Homepage Tilman Rossmy

>> Tilman Rossmy: Alles muss gehen - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

 

Tilman Rossmy

Tilman Rossmy

 

Tilman Rossmy: Alles muss gehen

Tilman Rossmy: Alles muss gehen

(Glitterhouse / Indigo)

 

 

Startseite | Tickets | Konzertsuche: Genres | Konzertsuche: Städte | Konzertsuche: Bands A-Z | Festivals | Merkliste

POP FRONTAL Magazin | Live-Tipps | Live-Berichte | User-Bewertungen | Rundbrief | eCards

Konzerte eintragen | Content-Broking | Impressum | Haftungsausschluss

© POP FRONTAL, 2003-2010; Design by Akupower!