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Auch 2005 macht er wieder Station in diesem seltsamen Laden im Berliner Stadtteil
Wedding, wo man sich so weit weg wähnt von der manchmal unerträglichen
Mitte-Hippness. Und irgendwie passt sie hier her, diese bodenständige Musik,
die so unaufgeregt daherkommt und doch so viel tiefer geht, als die aktuellen
Hits in den angesagten Clubs der Stadt. Wird von den Helden oder Franz Ferdinand
in zehn Jahren noch jemand Notiz nehmen? Tilman jedenfalls ist mit dem Clubbetreiber
seit Jahren befreundet, und es bedurfte keiner großen Werbung, um das Holz
& Farbe an diesem Abend randvoll zu kriegen. An anderer Stelle spielten in
dieser Stadt heute Tocotronic, aber warum Epigonen lauschen, wenn man für
einen Fünfer Originale hören kann?
Eng ist es im Holz & Farbe, Musiker und Publikum stehen sich auf fast gleicher
Augenhöhe gegenüber, man nippt am kalten Berliner. "Was wollt Ihr
hören?" fragt Tilman zu Beginn des Konzerts. „Unnötig zu
sagen, dass sich ein so gefragtes Publikum selten einig ist, und so hörte
man allerlei Titel, geraunt von allerlei Stimmen aus allen Ecken des Raumes. Los
ging's mit "Der Wanderer", und gleich war er da, dieser Zauber, der
Auftritte von Tilman Rossmy umgibt. Wenn es gut läuft. Wenn der Laden nett
und die Leute leise sind. Diese samtige Stimme, das Lakonische – man findet
Vergleichbares sonst kaum auf deutschen Bühnen. Die Band läuft wie geschmiert,
Tilman scheint gut drauf, was zum Teil auch am exquisiten Getränkeangebot
des Holz & Farbe liegen dürfte
Die Stimmung ist großartig. Es folgt ein bunter Querschnitt durch alle Alben,
von "Junkie" bis "Der Wein", mal nimmt man das Tempo raus,
nur um danach wieder einen Gang zuzulegen. Langweilig wird es nie! Ganz im Gegensatz
zu sonst wurde "Loswerden" kurz und knapp dahingerotzt, der alte Regierungshit
"1975" wird im Gedenken an eine ominöse Schottland-Tournee in einem
Englisch dargeboten, für das sich Tilman bei seinem Englisch-Lehrer ganz
sicher rote Ohren geholt hätte. Das Berliner Publikum amüsiert sich
jedoch gerade deshalb prächtig. Ohnehin war es schön, alte Hits wie
"Raus aus diesem Büro", "Willkommen Zuhause" oder "Hennarotes
Haar" wiederzuhören, und so bemerkte man gar nicht, wie die Zeit verging.
Und niemand wollte diesen Ausnahmemusiker an diesem Abend von der Bühne lassen.
Selbst das Cover von Peter Framptons kaum erträglicher Schnulze "Baby,
I Love Your Way" gewann in der Rossmyschen Variante eine ganz neue Note.
Ironie oder Ernst musste jeder für sich entscheiden, aber was traut man einem
Musiker sonst noch alles zu, der bereitwillig zugibt, bei einem Mark-Knopfler-Konzert
endlich mal der Jüngste gewesen zu sein. Leidet hier etwa jemand an seinem
Alter? Falls ja: Hat er gar nicht nötig, denn welcher Musiker sonst spielt
mit einer solchen Hingabe knappe drei Stunden?
Einige Hits wurden noch zum Besten gegeben, manchmal mit Band, gegen Ende dann
ganz allein. Auch wenn er bei "Alles gar nicht wahr" die Akkorde nicht
mehr hinbekam, so wird einem die Melancholie von „Die alte Wohnung“
noch lange im Gedächtnis bleiben. Danke für diesen Abend, Tilman. Wir
freuen uns schon auf's nächste Jahr. Wir werden uns wieder in den Wedding
wagen. Versprochen!
Links:
>> Künstlerinfo Tilman Rossmy bei POP FRONTAL
>> Homepage Tilman Rossmy
>> Tilman Rossmy: Alles muss gehen - Reinhören und Kaufen bei amazon.de
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Tilman Rossmy
Tilman Rossmy: Alles muss gehen
(Glitterhouse / Indigo)
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