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Gesehen! Tocotronic, 18th Dye / 02.04.2006, Hamburg, Uebel & Gefährlich

So war's erdacht

Text: Mikel Plett

Dass Großereignisse immer auch ein Stück weit Spiegel gesellschaftlicher Strukturen sind, sei hier als bekannt vorausgesetzt. Dass eine Zunahme an Credibility und Anerkennung schon per Definition mehr Leute anziehen kann, als selbst in einer großen Konzert-Location Platz haben, hat man sicherlich auch schon erlebt. Dass sich am Ende aber alle einig sind, jedwede aufgekommene Aggression verflogen ist und von Chansons begleitetes frohes Nachinnenhorchen, Nachhallenlassen und Resümieren des Konzerts auch die gegensätzlichsten Menschen einander nahe bringt, erlebt man doch nicht alle Tage. Oder war alles eigentlich doch ganz anders und die gefühlte finale Eintracht nur Produkt des erfreulich großen Frisuren-Konsens?

Tocotronic

Wie auch immer. Begonnen hatte der Abend im Hamburger Uebel & Gefährlich mit dem melancholisch krachigen Auftritt von 18th Dye. Die Frage, ob nun nach 10jähriger Platten- und Bühnen(fast)abstinenz die Hand voll Konzerte der vergangenen Monate nur eine willkommene Abwechslung im Alltag der dänisch-berlinerischen Band ist oder (angesichts mehrerer gespielter neuer Stücke) den Auftakt zu neuen musikalischen Aktivitäten darstellt, wurde leider nicht zufriedenstellend beantwortet. Stattdessen war Schwelgen in persönlichen Musiksozialisationserinnerungen mit Titeln wie "Poolhouse Blue", "Easy (& How We Got There 1st)", "Glass House Failure" und "Ray" angezeigt. Ein großer Teil des Publikums - gut zu erkennen am Gesichtsausdruck - hätte die Vorband wohl lieber als Headliner des Abends gesehen. Grandioser Auftritt, begleitet von diesem kribbelnden Gefühl in der Magengegend, das man verspürt, wenn die alte, tot geglaubte Jugendliebe unerwartet und einnehmend wie eh und je vor einem steht. Vertraut, irgendwie irritierend, aber gut! Mehr davon bitte.

 

 

Ganz ähnlich und doch anders dann Tocotronic. Das Kribbeln weicht angesichts der Publikumszusammensetzung einem Grummeln. Betrunkene Teenies, bierernste Altrocker und wichtiges Szenevolk drängen zu gleichen Teilen nach vorn. Dass dort schon längst kein Platz mehr ist, stört niemanden, wozu hat man schließlich Ellenbogen?! Los geht's mit einer vor Sedativa strotzenden Version von "Wir kommen, um uns zu beschweren", gefolgt von ("für Deutschland, für Hamburg und unseren Fan Ole von Beust") "Aber hier leben, nein danke". Erleichterung, Wiedererkennen, Ekstase im vorderen, zustimmendes Tanzen und Mitwippen im hinteren Publikumsbereich.

"Vielenvielenvielenvielenvielen herzlichen Dank!" wird im weiteren Verlauf des Abends die wichtigste Floskel auf der Bühne. Darüber hinaus läuft alles nach Plan. Zu gestandenen Profis sind diese Herren gereift, die sich einst schüchtern und verstört über den Pogo vor der Bühne beschwerten. Heute zündet stil- und selbstsicher ein Hit nach dem anderen, euphorisiert die Masse, findet den Höhepunkt und geht nach ausufernden Dankesbekundungen in den nächsten über.

Alles in allem überzeugen Jan Müller, Arne Zank, Rick McPhail und Dirk von Lowtzow dann doch restlos. Die Mischung der Lieder macht jeden glücklich, sei er nun 16 oder 36. "Letztes Jahr im Sommer" findet seinen Platz genauso wie "Gegen den Strich". Überhaupt gibt es viel "Digital ist besser", sehr viel "Pure Vernunft darf niemals siegen" und einiges, was dazwischen noch gut und wichtig war, ist und bleibt: "Jackpot", "Hi Freaks", "Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen" und "Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst" ("aus aktuellem Anlass"). Dem Publikum ist es recht, jedes bekannte Intro wird stande pede abgefeiert, jede Zeile mitgesungen. So soll es sein, so war's erdacht.

 

Links:

>> Künstlerinfo Tocotronic bei POP FRONTAL

>> CD-Rezension (17.01.05): Pure Vernunft darf niemals siegen

>> Konzert-Bericht Hamburg (15.03.05)

>> Homepage Tocotronic

>> Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

>> Künstlerinfo 18th Dye bei POP FRONTAL

>> Homepage 18th Dye

 

 

Tocotronic

Tocotronic

 

Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen

Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen

(L'Age D'Or/ Rough Trade)

 

18th Dye

18th Dye

 

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