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Gesehen! Tokio Hotel / 18.08.2006, Itzehoe, Stadion

Eine Insel mit vier Zwergen!

Text / Live-Fotos: Michael Kellenbenz

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Bindfäden regnet es am späten Nachmittag. Wer selbige an diesem Tag in der Hand hat, meint es aber am Ende doch noch gut. Kein Monsun. Nur ein kräftiger, warmer holsteinischer Landregen. Das ganze auf einer Wiese, die an den restlichen Tagen im Jahr den Namen "Sportplatz" trägt. Tokio Hotel sind in der Kleinstadt. Alles ist irgendwie heile Welt. Wie im Marionettentheater. POP FRONTAL nimmt den einen oder anderen Faden auf.

Tokio Hotel

Der erste war lange, ehe das Konzert begann, bereits gerissen. Nach heftigen Querelen um einen insolventen Veranstalter, nahmen sich die Gastgeber des (fast) benachbarten Wacken Open Air der Sache an. Dass der Respekt vor dieser risikofreudigen Entscheidung nicht von ungefähr kommt, zeigen nackte Zahlen. Statt der erwarteten 13.000 kommen "nur" etwa 9.000 Kids. Im Schlepptau mehr oder weniger Erziehungsberechtigte. Grundsätzlich gilt: Jede Bewegung auf der Bühne wird von fast fühlbar ansteigendem Lärm begleitet. In den ersten Reihen diese selbst gebastelten Schilder, deren Gestaltung bisweilen allerdings recht uniforme Züge annimmt. "Gustav, let me be your Drumstick!" ist überraschenderweise fast schon der Gipfel an Obszönitäten. Hohe Tantra-Kunst oder naiver Versuch, Aufmerksamkeit zu erhaschen? Überlassen wir das der Fantasie. Oder in Anbetracht des Alters lieber auch nicht. Weiter hinten kapitulieren einige wenige vor dem zunehmenden Starkregen. Das Kind könnte sich erkälten. Vielleicht ist es trotzdem gerade jetzt verschnupft. Im Umkreis von mehreren hundert Metern um die Bühne wird eine alkoholische Bannmeile eingerichtet. Selbst Familienväter, die außerhalb des Stadions Plastiktüten mit unschwer zu erahnendem Inhalt schleppen, werden von der Security argwöhnisch in Augenschein genommen. Die Hüpfburg gleich nebenan verwaist in einem Pfützenmeer. Ah jetzt, ja! Eine Insel!

 

 

Apropos Burg. Der Graben vor der Bühne hat eine solch immense Breite, dass es keinem Burgfräulein je gelingen würde, zu Prinz Bill empor zu steigen. Der wiederum wird von einigen kleinen Rackern mit feisten "Kill Bill!"-Plakaten vor dem Stadion begrüßt. Tokio Hotel stehen auf unschuldig weißen Podesten. Die wiederum sind weit in die Bühne hinein gerückt. Keine Chance für die meist jugendfreien Wurfgeschosse, welche noch vor dem Bühnenrand ein trauriges Ende finden. Bills schwarze Fingernägel glänzen heute silbern. Mit den Haaren gehen nicht alle konform, und manches Elternteil sorgt sich ob seiner Stiefel bereits um den nächsten Schuhkauf mit den Heranwachsenden. Tränen fließen, Gesichter verzerren sich, als kämpften Schmerz und irrsinnige Freude gleichzeitig um ein Obdach. Souveränität in der Choreografie kann man dem Frontmann attestieren. Der Rest der Band bleibt an der kurzen Leine. "Jung und nicht mehr jugendfrei" startet das knapp anderthalb Stunden gehende Set. Alles läuft geordnet ab. Wie am sprichwörtlichen roten Faden. Etwas am Rande werden liebevoll gebastelte Holzfiguren an Stäben in die Luft gereckt. Also doch alles ein Puppentheater? So ganz abwegig ist das ja nicht. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, stehen doch alle irgendwie staunend davor. Vor dieser Insel mit vier Zwergen!

 

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