Bindfäden regnet es am späten Nachmittag. Wer selbige an diesem Tag in der
Hand hat, meint es aber am Ende doch noch gut. Kein Monsun. Nur ein
kräftiger, warmer holsteinischer Landregen. Das ganze auf einer
Wiese, die an den restlichen Tagen im Jahr den Namen "Sportplatz"
trägt. Tokio Hotel sind in der Kleinstadt. Alles ist irgendwie
heile Welt. Wie im Marionettentheater. POP FRONTAL nimmt den einen
oder anderen Faden auf.
Der erste war lange, ehe das Konzert begann, bereits gerissen. Nach
heftigen Querelen um einen insolventen Veranstalter, nahmen sich die
Gastgeber des (fast) benachbarten Wacken Open Air der Sache an. Dass
der Respekt vor dieser risikofreudigen Entscheidung nicht von ungefähr kommt, zeigen nackte Zahlen.
Statt der erwarteten 13.000 kommen "nur" etwa 9.000 Kids.
Im Schlepptau mehr oder weniger Erziehungsberechtigte. Grundsätzlich
gilt: Jede Bewegung auf der Bühne wird von fast fühlbar
ansteigendem Lärm begleitet. In den ersten Reihen diese selbst
gebastelten Schilder, deren Gestaltung bisweilen allerdings recht
uniforme Züge annimmt. "Gustav, let me be your Drumstick!"
ist überraschenderweise fast schon der Gipfel an Obszönitäten.
Hohe Tantra-Kunst oder naiver Versuch, Aufmerksamkeit zu erhaschen? Überlassen wir
das der Fantasie. Oder in Anbetracht des Alters lieber auch nicht.
Weiter hinten kapitulieren einige wenige vor dem zunehmenden
Starkregen. Das Kind könnte sich erkälten. Vielleicht ist
es trotzdem gerade jetzt verschnupft. Im Umkreis von mehreren hundert
Metern um die Bühne wird eine alkoholische Bannmeile
eingerichtet. Selbst Familienväter, die außerhalb des
Stadions Plastiktüten mit unschwer zu erahnendem Inhalt
schleppen, werden von der Security argwöhnisch in Augenschein genommen. Die Hüpfburg gleich
nebenan verwaist in einem Pfützenmeer. Ah jetzt, ja! Eine Insel!
Apropos
Burg. Der Graben vor der Bühne hat eine solch immense Breite,
dass es keinem Burgfräulein je gelingen würde, zu Prinz
Bill empor zu steigen. Der wiederum wird von einigen kleinen Rackern mit feisten
"Kill Bill!"-Plakaten vor dem Stadion begrüßt. Tokio Hotel stehen auf unschuldig
weißen Podesten. Die wiederum sind weit in die Bühne
hinein gerückt. Keine Chance für die meist jugendfreien
Wurfgeschosse, welche noch vor dem Bühnenrand ein trauriges Ende
finden. Bills schwarze Fingernägel glänzen heute silbern.
Mit den Haaren gehen nicht alle konform, und manches Elternteil sorgt
sich ob seiner Stiefel bereits um den nächsten Schuhkauf mit den
Heranwachsenden. Tränen fließen, Gesichter verzerren sich,
als kämpften Schmerz und irrsinnige Freude gleichzeitig um ein
Obdach. Souveränität in der Choreografie kann man dem
Frontmann attestieren. Der Rest der Band bleibt an der kurzen Leine.
"Jung und nicht mehr jugendfrei" startet das knapp
anderthalb Stunden gehende Set. Alles läuft geordnet ab. Wie am
sprichwörtlichen roten Faden. Etwas am Rande werden liebevoll
gebastelte Holzfiguren an Stäben in die Luft gereckt. Also doch
alles ein Puppentheater? So ganz abwegig ist das ja nicht. Wenn auch
aus unterschiedlichen Gründen, stehen doch alle irgendwie
staunend davor. Vor dieser Insel mit vier Zwergen!