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Gesehen! Tunng / 26.04.2010, Hamburg, Knust - Präsentiert von POP FRONTAL
Eine große glückliche Familie
Text/Live-Fotos: Sandra Kriebitzsch
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Montagabend im Hamburger Knust. Die britische Folktronica-Band Tunng ist ohne Support angekündigt. Gegen 21 Uhr ist der Saal gut gefüllt. Die Zeit vergeht, die Menge wird unruhig. Kurz vor 10 werden die Pfiffe lauter. Aber die Band lässt sich Zeit. Erstmal noch in Ruhe einen durchziehen? Bekifft sehen die Hippies aus London dann doch nicht aus, als sie um Punkt 22 Uhr die Bühne betreten. Mit dem hymnenhaften "Don’t Look Down Or Back" vom neuen Album "...And Then We Saw Land" und dem Hit "Take" vom Vorgänger "Good Arrows" spielen sie gleich zwei Kracher - und haben das Publikum wieder milde gestimmt. Es wird getanzt, geklatscht und herzhaft gejubelt. Alle im Saal scheinen sich schlagartig wie eine große glückliche Familie zu fühlen.
Auf dem aktuellen, vierten Album ist Gründungsmitglied Sam Genders nicht mehr dabei. Es hat einen opulenteren
Sound und ist etwas eingängiger. "I wanted a sound that would see audiences singing along", sagte
Sänger/Gitarrist Mike Lindsay in einem Interview. Aber so leicht ist das Hamburger Publikum bekanntlich
nicht zu kriegen. Der charismatische Frontmann schafft es zwischendurch immerhin, die Menge zum rhythmischen
Mitklatschen zu bewegen.
Tunngs Songs sind liebevoll arrangiert, klar und geradlinig, obwohl jedes Detail ausgeklügelt scheint. Die sechs Briten
haben eine beeindruckende Masse an Instrumenten auf der Bühne verteilt. Martin Smith versinkt, mit Pudelmütze
auf dem Kopf und ohne Socken an den Füßen, in einem Meer von Glöckchen, Muscheln, Chimes, Schellenringen
und Klangstäben. Mit den nackten Füßen bringt er die Muscheln zum Klingen, und neben seinem Keyboardspiel
greift er vereinzelt sogar noch zu Melodica oder Klarinette.
Manche Instrumente kommen nur einmal zum Einsatz, sogar die E-Gitarre: für genau einen Song greifen die beiden
Akustikgitarrenspieler Mike Lindsay und Ashley Bates im Wechsel zur elektrischen Gitarre. Es gerät zur
Glamrock-Persiflage, als Mike Lindsay eine große, glitzernde Brille aufsetzt, beim Solo die Gitarre
hochreißt, seine Locken schüttelt und - auch dieses Detail darf nicht fehlen - seinen Fuß
auf die Monitorbox stellt. Einen dagegen etwas ernsteren Eindruck macht die kleine drahtige Sängerin
Becky Jacobs. Bei ihren wunderschönen glasklaren Gesangslinien verzieht sie kaum eine Miene. Zwischendurch
verrät sie uns kurz, dass der Satz "Ich habe Kopfschmerzen" der einzige sei, den sie auf Deutsche beherrsche.
Aber keine Sorge: "We all had a lovely time", wie es so schön im Song "Woodcat" heißt. Tunng kredenzen viele
Stücke vom neuen Album (u.a. "It Breaks", "October", "With Whiskey", "Sashimi", "Hustle")
und einige ältere (u.a. "Woodcat", "Beautiful And Light", "Jenny Again"). Mit "Hustle", von dem
es sogar einen Remix von Russell Lissack von Bloc Party gibt, geht das reguläre Set zu Ende. Und im Zugabenteil kommt schließlich doch
noch Stadionatmosphäre auf, als beim Song "Bullets" das Publikum lustvoll "na, na, na, na, nana" mitschmettert.
Mike Lindsay kann zufrieden sein. Wir auch: denn besser kann Folkmusik am Anfang des 21. Jahrhunderts kaum klingen.