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Gesehen! Unai @ Beat It! Pres. Ian Pooley / 30.06.2006, Berlin, Watergate

Tanz den Disco-Click

Text: Claudia Hirschberger

Wie der kundige Clubbesucher weiß, ist es um Live-Events im elektronischen Musikgeschäft in der Regel nüchtern bestellt. Das Normal-Setting weist zumeist ein in seinen Dimensionen überschaubares DJ-Pult auf, dazu ein, zwei Notebooks und einen konzentriert auf der Tastatur klöppelnden Protagonisten, dessen Interaktion mit dem Publikum in der Regel als eingeschränkt bezeichnet werden darf. Dass das auch anders geht, davon konnte man sich beim Auftritt des schwedischen Digital-Disco-Helden Unai am vergangenen Freitag im Berliner Watergate überzeugen.

Unai

Unter der Überschrift Beat It! Pres. Ian Pooley trat mit Ian Pooley darselbst, Eva Be und Henrik Bertsch eine ebenso illustre wie muntere Crew an den Turntables zusammen, um einer WM-beschickerten Party-Meute das geneigte Tanzbein zu verdrehen. Heimlicher Höhepunkt des Abends war jedoch die in dieses ohnehin schon aufreibende Programm eingebettete Live-Performance der jüngsten forcetracks-Entdeckung Unai aka Erik Möller, der ab zwei Uhr morgens seine flashige Mixtur aus Microhouse, Disco-Inferno und 80er-Schmelz auf dem Mainfloor zelebrierte. Eva Be vom Berliner Sonar-Kollektiv hatte auf dem Plattenteller zu diesem Zeitpunkt bereits mit ihrem bewährt groovigen Dub-House-Verschnitt virtuose Vorarbeit geleistet, desgleichen Watergate-Resident Henrik Bertsch mit einer ebenso minimalistischen wie breakbeat-gesättigten House-Invasion auf dem Waterfloor.

Dann brach die digitale Disco-Hölle los, und das bis dato gemächlich vor sich hin groovende Publikum verwandelte sich innerhalb von Minuten in eine kollektive Tanzformation. Möller ist derzeit einer der wohl innovativsten Vertreter des Clubbers-Delight-Genres Disco, und das wurde von den Anwesenden vom ersten Stück an auch entsprechend gewürdigt. Ein ebenso schweißtreibender wie eleganter Disco-Beat mit unüberhörbaren Pop-Anleihen untermalte gekonnt die melodieverliebten Arrangements der Tracks vom aktuellen Release "A Love Moderne", und ein ekstatisch hinterm Laptop-Deckel herumtanzender Möller unterstrich seine musikalische Botschaft aufs Beste. Soviel Einsatz freut den Clubgänger, und tatsächlich entstand für den Verlauf der leider nur eine gute Stunde währenden Performance eine authentische Konzert-Atmosphäre.

Von kleinen technischen Problemen abgesehen – der digital charmant verwehte Live-Gesang konnte sich stellenweise nur schwer gegen den schneisenbreiten Sound durchsetzen – wurde eine ununterbrochene Folge von smashenden Dancefloor-Krachern geboten. Der Griff in die wave- und popgesättigte Trickkiste der 80er Jahre war dabei stets hörbar, und es ist genau diese Kunst des Andeutens, ohne wirklich zitieren zu müssen, die Möllers kreatives Stöbern in der Popgeschichte so beachtenswert macht. Die filigranen Clicks and Cuts, die beim heimischen Hörgenuss des aktuellen Albums des Schweden unter der Disco-Spur gut zu hören sind, gingen live leider ein wenig unter, aber das tat der allgemeinen Freude keinen Abbruch. Man war hier schließlich nicht zum Clickhouse-Diskurs zusammengetreten, sondern zum gepflegten Abtanz.

 

 

In den klinkte sich nach Möllers Performance mit Ian Pooley einer der hiesigen Masterminds des klassischen House ein, und dieser letzte Programmwechsel des Abends hatte es dann noch einmal in sich. Der Sound wurde von jetzt auf gleich eine Oktave kühler, als Pooley Möllers verspielte Arrangement programatisch mit klar und nüchtern konturierten Beats auflöste. Der abrupte Übergang von der eher songorientierten Pop- und Disco-Spur zur klassischen House-Dramaturgie wollte erstmal ebenso verkraftet sein wie der atmosphärische Umschwung vom Live-Gig zum DJ-Set. Hier erlebte die Nacht auch zunächst einen kleinen architektonischen Hänger. Aber Pooley hatte die Dancing Crowd schnell wieder im Griff und führte stilsicher in den vom Floor aus zu bewundernden Sonnenaufgang über der Spree hinein.

Alles in allem ein überaus gelungener Abend. Das Watergate ist einmal mehr seinem Ruf gerecht geworden, eines der besten Bookings der Stadt in Sachen Avantgarde-House zu betreiben. Als finaler Nachtrag hier noch ein kleines schwedisches Anekdötchen: Entstanden sind die Tracks auf "A Love Moderne" in einem einsam gelegenen schwedischen Anwesen, in dem es angeblich spuken soll. "So machen wir das in Schweden", hat Eric Möller nach seinem Auftritt verraten. "Wir ziehen uns an einen einsamen Ort zurück, an dem man entweder verrückt oder kreativ wird." Hat gut geklappt in diesem Fall. Mit der Kreativität, selbstredend.

 

Links:

>> Künstlerinfo Unai bei POP FRONTAL

>> CD-Rezension (28.06.2006): A Love Moderne

>> Homepage Unai @ Forcetracks

>> Unai: A Love Moderne - Reinhören und Kaufen bei amazon.de

>> Homepage Ian Pooley

>> Homepage Eva Be (Sonar Kollektiv)

>> Homepage Henrik Bertsch (Watergate, Fortsch)

 

 

Unai: A Love Moderne

Unai: A Love Moderne

(Forcetracks / Intergroove)

 

Ian Pooley

Ian Pooley

 

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