Die alten Noiserock-Haudegen von Unsane haben in diesem Jahr mit "Visqueen"
ein neues Album veröffentlicht. Nach zwei Platten auf dem
Metal-Label Relapse nun bei Ipecac, der Plattenfirma von Mike
Patton. Neues Label, sonst aber alles beim alten: Im genüsslich
fies vor sich hin Bratzen macht es den New Yorkern noch immer so
schnell keiner nach. Da sollten doch die jungen gegen alt aussehen,
stand zu vermuten. Mit Dyse und flu.ID treten an diesem Abend im
Hamburger Hafenklang nämlich zwei frische Bands aus dem Osten
unseres Landes an, um den alten Herren die Bretter vorzuwärmen.
Was sofort auffällt:
Auch das Publikum im gut gefüllten Hafenklang teilt sich in jung
und alt. Von schätzungsweise 16 bis 46 scheinen alle
Altersklassen vertreten zu sein. "Wer spielt denn noch?" -
"Unsane, die sollen auch ganz gut sein", hört man
später nach dem Dyse-Gig ein junges Ding zum anderen sagen. Der
zufällige Zeuge dieses Wortwechsels schüttelt den Kopf und
raunt etwas von "Perlen vor die Ferkel".
Apropos Schwein. Der
Hamburger Poster-Künstler Mitchum D.A. bot am
Merchandising-Stand sein speziell für das Konzert gestaltetes
Unsane-Poster feil. Das irgendwie gut zum "Visqueen"-Albumcover
passen will, auf dem ein Körper in einer Plastikhülle
abgebildet ist. Das Hamburg-Poster wiederum zieren einige sauber in
Cellophan verpackte Scheiben Sülze. Hintergrund: Zur Europa-Tour
von Unsane hat an jedem Ort ein Künstler ein Konzertplakat für
den jeweiligen Abend gemacht. Eine in den USA weit verbreitete Form
der Posterkunst und Konzertwerbung, aber hierzulande noch etwas
Besonderes. Bei wie vielen Fans die Verehrung für Unsane
wohl soweit gehen wird, sich das Abbild von Sülze an die Wand zu
hängen?
Aus dem Konzertraum tönt inzwischen eine ordentliche Ladung Gitarrengeschepper herüber.
Als allererster Act des Abends hat D-66 die Bühne
betreten. Ein Mann und seine Gitarre. Plus Bassdrum, die er beim
Gitarrespielen und Singen noch mit dem Fuß bedient. Die
selbsternannte "One-Man-Trash-Blues-Army" - laut
myspace-Seite aus Venezuela, laut Poster aus dem Vereinten Königreich
- hat es in sich. Der Mann, Marke "born for entertainment",
verwandelt den Saal augenblicklich in eine kochende
Rock'n'Roll-Höhle. Dagegen sehen Flu.ID im Anschluss
etwas alt aus. Zumindest für den Teil des Publikums, dem das
Umschalten von Rock'n'Roll-Sause auf Emo-Party nicht gelingen will.
Hymnischen Screamo-Core legen die Herren aus Leipzig, Gera und
Chemnitz auf's Parkett und beherrschen dabei den Hüftschwung
nicht ganz so gut wie ihr Vorgänger.
Das Duo Dyse aus
Jena und Chemnitz macht es dann spannend. Insbesondere Gitarrist
André springt lange vor dem Verstärker zum Soundcheck
herum. Entledigt sich dann aber schlagartig seines Haargummis und
schüttelt die wallenden Locken zum Konzertauftakt gen Publikum.
Was er dann zusammen mit Kompagnon Jari am Schlagzeug der Meute
vorsetzt, strotzt vor Energie, Bewegung und erfrischender
Spielfreude. Dyses frickliger, dabei unverkopft wirkender
Experimental-Noise begeistert vom ersten bis zum letzten Ton.
Großartig und dazu noch hochsympathisch. Der Nachwuchs hat gut
vorgelegt.
Schließlich
betreten Unsane die Bühne, um Noiserock der alten Schule
zum Besten zu geben. Zunächst aber eine Überraschung:
Bassist Dave ist verhindert und wird auf der Tour durch Jack Natz von
Cop Shoot Cop ersetzt. "Unsane sind Dave, Vinny und ich",
hatte Sänger/Gitarrist Chris Spencer noch vor einigen Monaten
der Visions ins Mikrofon diktiert. Wenn sich das mal ändern
sollte, seien Unsane tot, so Spencer weiter. Tot wirken sie an diesem
Abend nun nicht gerade. Dass der Bass an diesem Abend aber nicht so
ganz seine dominante, nach vorne treibende Rolle einnehmen will wie
gewöhnlich, ist womöglich dem Besetzungswechsel, aber
sicher auch der Anlage des Hafenklangs geschuldet. Etwas mehr Wumms
könnte das Ganze gut vertragen. Was aber der Überzeugungskraft
des Auftritts keinen Abbruch tut.
Klassiker wie "Body
Bomb" und "Committed" reihen sich nahtlos neben das
neue Material. Unsane sind ganz die alten. Bewegung wird auf das
notwendigste reduziert. Die Band versteht es wieder, die Zuhörer
in ihren seltsamen Bann zu ziehen. Der unsane-typische, scheinbar auf
der Stelle tretende, stoisch vor sich hinwalzende Brachial-Sound
entfaltet seine meditative Wirkung. Man fühlt sich irgendwie…
ja, geläutert. Und frisch. Körper und Seele kräftig
durchgeschüttelt. Kaum zu glauben, dass es schon 3 Uhr morgens
ist, als der letzte Ton des Spektakels nach einigen Zugaben versiegt.
Ein langer, aber äußerst kurzweiliger Abend.