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Gesehen! Urge Overkill / 30.8.2004, Hamburg, Logo

Die Rückkehr der verlorenen Söhne

Text: Simone Deckner   Fotos: Kerstin Schomburg

>> Zum Interview (vor dem Konzert)

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Urge Overkill sind zurück, und es fühlt sich so an, als seien sie nicht acht Jahre weg gewesen, sondern nur mal eben kurz Zigaretten holen. Gut, Ed "King" Roeser ist jetzt knapp doppelt so dick wie damals. Außerdem spielt er jetzt Gitarre statt Bass. Auch Drummer Blacky Onassis ging unterwegs verloren. Aber auf Nash Kato ist Verlass. Der gute alte Nash ist immer noch gertenschlank, glamourös gestylt und gut frisiert. Doch die wichtigste Erkenntnis: Urge haben nichts von ihrer Spielfreude und ihrem Arschtritt-Sound verloren.

Urge Overkill @ Hamburg / Logo

Die Leute im Logo geben keine Ruhe: seit fünf Minuten brüllen sie schon auf die verwaiste Bühne ein. Durchgeschwitzte Männer um die 30, bildhübsche Frauen Mitte 20, die aufgeregt von einem Bein auf das andere hüpfen. "Hey, hey, hey, hey, hey" skandieren sie, selbst das Klatschen im Takt ist ihnen nicht peinlich, dazu pfeifen sie schief, brüllen "Verdammte Scheiße, Rock and Roll!" oder "Yeeeaaahhh!" oder "Aaahgrmpflhuhuhuh!" – was man in Ekstase eben so von sich gibt.

Die zwei blutjungen Tourhelfer beeindruckt das wenig. In Seelenruhe rollen sie die Mikrofonkabel ein und stöpseln die Verstärker aus. Die beiden könnten die Söhne von Nash Kato und Ed "King" Roeser sein, diesen beiden älteren Herren, die heute acht Jahre nach ihrer Trennung hier eine beachtliche Rückkehr hingelegt haben. Wann hat man im Logo das letzte Mal Fragen wie "Betet ihr Satan an?" gehört. Wann hat man das letzte Mal literweise fließenden Männerschweiß, ja, sexy gefunden? Wann haben die Ohren das letzte Mal so geschmerzt von dieser lauten Mischung aus Glam-, Punk- und Bluesrock, dass man sie auf keinen Fall durch Ohrstöpsel dämmen will? Ist lange her.

Bereits im Interview vor dem Auftritt hatte der "King" angedroht, dass Urge-Gigs stets "eine extrem körperliche Angelegenheit" seien: "Wir schwitzen knapp zwei Liter - jeder", hatte er gesagt und dabei bedeutungsschwer geschaut. Wer sich reinhängt, darf schwitzen. Urge hängen sich rein. Aus dem gemütlich wirkenden "King" wird auf der Bühne jetzt wieder der Hardrocker, der seine Gitarre malträtiert und das Publikum anfeuert. Nash Kato beeindruckt derweil mit seinem aus dem Handgelenk kommenden Gitarrenwirbeln und seiner Art "Dankeschön" zu sagen. Dem kurzfristig für die Tour eingestiegenen Drummer Brian Quast (The Cherry Valance) merkt man kaum an, dass er für gerade einmal vier Tage Zeit hatte, die alten Stücke zu proben. Mit Mike Hodgkiss von den Gaza Strippers ist ein guter Freund von Nash und Ed dabei. "Eigentlich ist er ja Gitarrist, aber wir haben ihn gezwungen, Bass zu spielen, weil wir ihn dabei haben wollten", so der "King".

 

Urge Overkill @ Hamburg / Logo

Urge Overkill

 

Urge Overkill @ Hamburg / Logo

Backstage @ Logo

 

Die Leute im Logo schwitzen jetzt wie ihre alten Helden: Bei "Erica Kane", "Sister Havanna", "Bottle of Fur" oder "Crackbabies" (vom 1993-Album "Saturation"). Aber auch die ruhigeren Stücke von dem letzten Album "Exit The Dragon" oder Songs von der "Stull"-EP kommen gut an. Nash Kato streift nach einer Stunde sein schneeweißes und zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach durchgeschwitztes, ärmelloses Polyestershirt aus und spielt fortan mit nacktem Oberkörper weiter. Jetzt ist der Zeitpunkt für Urges einzigen echten Hit gekommen: "Girl, You’ll Be A Woman, Soon", dem Neil Diamond-Cover, dem Quentin Tarantino in seinem Film "Pulp Fiction" zu höheren Weihen verhalf. Ganz leise wird es plötzlich. Alle bildhübschen Frauen Mitte 20 starren wie gebannt auf die Schweißtropfen, die sich von Nash Katos Brust in Richtung Schambein bewegen... "and soon you’re gonna meet your motherfucking man!"

Seit fünf Minuten schon ist die Bühne im Logo verwaist. Die beiden blutjungen Tourhelfer sind unbeeindruckt. Belustigt schaut sich der kleinere von beiden, eine Zigarette im Mundwinkel, die tobende Menge an. Dann zeigt er mit einer unmissverständlichen "Kopf ab"-Geste, dass die Helden heute nicht mehr herauskommen werden. Bis zum nächsten Mal.

>> Zum Interview (vor dem Konzert)

 

Links:

>> Künstlerinfo Urge Overkill bei POP FRONTAL

>> Homepage Urge Overkill

 

Urge Overkill @ Hamburg / Logo

Urge Overkill @ Logo, Hamburg

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