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Gesehen! Vaz, Tschilp, Uri Geller / 29.10.2004, Hamburg, Hafenklang

Voll auf die Zwölf nach Mitternacht

Text / Live-Fotos: Sandra Kriebitzsch

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"Wo geht Ihr gleich hin?!", fragt uns die Kollegin am Tresen im Lokal. "Zu Vaz!", antworten wir. "Wäässss??!! Wohin?" - "DAS Konzert des Jahres", fügt einer von uns mit zittriger Stimme hinzu. Was denn das für Musik sei, fragt die Dame freundlich interessiert. "Noise Rock! Nur zwei Leute, aber trotzdem die volle Breitseite..." – "Ui, ui, ich glaub’, das ist nichts für mich. Ich stehe auf Punkrock", sagt sie. "Is' auch Punk drin!", rufen wir einstimmig, "Und is' sogar ab und an sehr melodiös! ... Das is' die Nachfolgeband von Hammerhead, kennste vielleicht, waren mal auf AmRep, lief hier über Glitterhouse..." – "Joooooa, sagt mir irgendwas, aber...", freundlich skeptisch dreht sie das Handgelenk in der Luft und meint, sie bleibe doch lieber hier.

Vaz

Ab einem bestimmten Alter haben sich vernünftige Menschen Musikmissionarismus abgewöhnt, aber im nicht zurechnungsfähigen Zustand ausgeprägtester Vorfreude auf das Konzert einer Lieblingsband gehen einem schon mal die Gäule durch. Wir fangen sie wieder ein und trinken das nächste Bier. Inzwischen schallen rollende Punk-Hymnen zum Mitsingen aus der Anlage, und das Lokal füllt sich mit immer mehr grinsenden Fußball-Fans. Der FC St. Pauli hat gerade 3:2 gewonnen. "Hochdramatisch war das!", sagt der Kollege mit der Baseballmütze. Wir beschließen zu gehen, denn WIR holen uns unsere Adrenalinschübe heute woanders. WIR nämlich gehen zu VAZ! "Wääääss? Wohin?!", fragt die Baseball-Mütze. "Ach is' doch egal... Viel Spaß noch!"

Es regnet bereits den ganzen Tag, wir gehen schnellen Schrittes über die Reeperbahn, drängeln uns durch die Touristenmassen und laufen in Richtung Hafen zum Hafenklang, der gallischen Punkrock-Bastion inmitten schicker Geschäftshäuser und Hotels an der Elbe. Hinter der Tür laufen wir direkt in den Merchandising-Stand hinein. Ingo, der freundliche Booker und neuerdings Labelmensch von Vaz, erklärt uns, dass Vaz nicht genügend CDs mitgebracht haben. Es gebe jetzt am Ende der Tour nur noch Vinyl von den beiden Alben "Dying To Meet You" (2003) und "Demonstrations in Micronesia" (2001), letzteres gerade in Deutschland wiederveröffentlicht über eben The Company With The Golden Arm und X-Mist. Haben wir sowieso schon, das Interesse richtet sich auf die fix während der Tour von den beiden Vazzern selbst bedruckten T-Shirts und Poster.

Es entfacht sich ein kleiner Disput, wer das letzte weiße T-Shirt mit rotem Vaz-Männchen erstehen darf. Er habe auch noch ein sehr schönes anderes Exemplar da, meint Ingo lachend und hält uns ein schwarzes T-Shirt mit schwarzem Vaz-Aufdruck vor die Nase. Wahrscheinlich hat das auch der Typ gemacht, der beweisen wollte, dass schwarz gleich weiß ist. Bekanntlich fand der auf einem Zebrastreifen sein Ende. Die Rezensentin versucht ihrem Begleiter einzureden, dass das schwarze T-Shirt Kult sei. Der zeigt ihr einen Vogel. Um weitere Handgreiflichkeiten vor seinem Merch-Stand zu verhindern, holt Ingo Paul, den Sänger und Gitarristen, heran: "Hey, die prügeln sich jetzt schon um das letzte T-Shirt, Du musst entscheiden!". Er solle bloß nichts Falsches sagen, raunt die Rezensentin dem Frontmann ins Ohr. Und – puh! – Paul Erickson aka Apollo Liftoff hält tatsächlich das schicke schwarze Teil dem Begleiter an die Brust und sagt, das stehe ihm vorzüglich. Bei derartiger Weihung kann der nicht anders, als freudig erregt seinen Geldbeutel zu ziehen. Jeder mit seinem T-Shirt schlendern wir nun zur Kasse. Faire 6 EUR Eintritt werden da lediglich für drei Bands abverlangt, das soll hier mal positiv erwähnt werden.

Verglichen mit dem letzten Vaz-Konzert vor ca. einem Jahr an gleicher Stelle ist der Laden sehr gut gefüllt. Auf die Hamburger kann man sich eben verlassen! Am Dienstag in Berlin waren nur 20 Leute, ts, ts, ts. Mit Tschilp und Uri Geller haben heute gleich zwei Hamburger Vorgruppen die Ehre, den Abend einzuläuten. Vazfixiert, wie wir heute sind, ist es kaum möglich, den Support-Bands die volle Aufmerksamkeit zu schenken, die sie eigentlich verdient haben. Uri Geller jazzen sich frickelnd über die Bühne, das Hafenklang füllt sich, viele Gespräche finden hier und da im Vorraum an der Bar statt. "Uri Geller wollen wohl die Hamburger Make-Up werden", sagt einer in Anspielung auf das urigellersche quietschende Rumgehüpfe und auf das am Sonntag anstehende Konzert von Weird War. Wir lachen. Auch wenn der Vergleich natürlich hinkt, wissen alle, was gemeint ist. Es zieht sich. Endlich kommen Tschilp auf die Bühne, die hüpfen weniger, auch wenn der Name das vermuten lässt, sondern spielen behutsame langsame Nummern mit filigran-schrägen Laut-Leise-Wechseln. Die Vaz-Spannung ist nur noch mit bierseligem Gequatsche im Zaum zu halten. "Tschilp wollen wohl die Hamburger June Of 44 sein", meint ein anderer. Auch für diese Aussage gilt Gleiches wie oben.

Gegen 0.30 Uhr versammeln wir uns vor der Bühne und schauen den beiden Vazzern beim Aufbauen zu. Bitte die Schrauben fest anziehen, denn bei einem Schlagzeuger wie Jeff Mooridian Jr. aka Dionysos Powerdown läuft man in der ersten Reihe durchaus Gefahr, ein Becken in die Fresse zu bekommen. Der Mann ist eher klein und schmächtig, aber spielt Schlagzeug mit der Kraft und Energie eines Gottes. Vielleicht ist er einer. Es dauert, bis die vielen Effektgeräte verkabelt sind. "Hey, Mr. Monitor, hello, Mr. Monitor, Hi, Mr. Monitor", raunt Apollo Liftoff ins Mikrofon. Warum eigentlich nicht Mrs. Monitor? Ist ja egal.

0.45h, endlich geht es los, mit - wie soll es bei einer Band, die fast nur Knaller im Programm hat, anders sein – einem Knaller: "Elastik-C", eine Midtempo-Nummer vom zweiten Album "Dying To Meet You" bringt die Köpfe der Anwesenden sofort zum Headbangen. Gleich hinterher kommt vom selben Album "I.V.", jetzt geht’s ordentlich nach vorne. Dionysos Powerdown hängt über seinem Schlagzeug wie ein Eisschnelläufer in der Kurve, wirft seine Gliedmaßen um sich, als gelte es, ein Rennen zu gewinnen. Apollo Liftoff hat zwei Basssaiten neben Gitarrensaiten auf seiner Gitarre aufgezogen und spielt sowohl dunkle als auch fiese schräge Töne zusammengerührt zu einer vollen Breitseitenmixtur und begleitet von seinem meist melancholischen, traurigen Gesang. Im Vergleich zu seinem Kompagnon ein Hüne, wirft er sich beim Gitarrenspiel mit seinem ganzen Oberkörper schwungvoll über die Gitarre. Nach 4 Nummern sind seine Klamotten schweißdurchtränkt. "They've won... Drill screams are deafening you" …im Kampf gegen die heute etwas widerspenstige Technik wird sein Gesang mitunter zum Geschrei, seine Gesichtszüge wirken schmerzverzerrt. Der Sound ist nicht der Beste, aber der songsichere Fan ergänzt das live Dargebotene im Kopf mit den von den Platten bekannten Texten und Sounds und labt sich an der unglaublichen Bühnenpräsenz der beiden.

Immer wieder kurze Pausen, Feinjustierungen. Aber das bietet auch dem Publikum die Chance, Luft zu holen, die Ohren zu massieren und die Lauscher für den nächsten Song wieder in Position zu bringen. Bei Vaz könnte jeder Song der letzte sein. Denn die beiden wirken, als spielten sie um ihr Leben, gegen eine dunkle Macht, die in den Wänden lauert. Heute gilt es aufzusaugen, was sie am Ende ihrer Tour noch zu geben bereit sind. Plötzlich ist Schluss, Mr. Powerdown hat seine Snare zerdeppert. Sie gehen von der Bühne. Gefühlte Konzertdauer: 10 Minuten, tatsächliche: 30 Minuten. Jeff kommt mit einem Handtuch über dem Kopf und neuer Trommel wieder und schraubt am Schlagzeug. Paul dreht an den Knöpfen seines Verstärkers. Er solle endlich die Gitarre in die Hand nehmen und spielen, brüllt jemand energisch aus dem Publikum. Apollo Liftoff geht zum Mikro und sagt, sie werden jetzt noch zwei Nummern spielen. Nach dem nächsten Song sagt er das wieder und korrigiert sich sogleich grinsend: nee, nee, einen hätten sie ja schon gespielt, jetzt gebe es nur noch einen. Das Publikum buht. Nach dem nun letzten Song zieht Apollo Liftoff die Kabel aus seinen Effektgeräten, zeigt uns kopfschüttelnd demonstrativ die Geräte und verschwindet. Die Musik aus der Konserve ertönt gnadenlos. Es war zu kurz. Kurz und hart. Kurz und intensiv. Einige Knaller hätten wir noch hören wollen. Aber gute Bands spielen gerne mal kurz und knackig auf den Punkt – und geben keine Zugaben. Es war eben das Konzert des Jahres...

 

Am nächsten Tag gab es ein Interview mit Vaz:

>> Zum Interview

 

Links:

>> Künstlerinfo Vaz bei POP FRONTAL

>> Homepage Vaz

>> Schöne Foto-Galerie zum Auftritt am 20.11.04 in San Francisco

>> Homepage The Company With The Golden Arm

>> Homepage X-Mist

>> Vaz - Dying To Meet You: Reinhören und Kaufen bei amazon.de

>> Konzertbericht Vaz / 30.11.03, Hamburg bei POP FRONTAL

>> Homepage Tschilp

 

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