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Gesehen! 17. Wacken Open Air / 1.Tag: 03.08.2006

Regenbogen und alte Recken

Text: Stephan Kunze      Live-Fotos: Stephan Kunze

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Hä? Waggen? Was’n das? Der Name des kleinen Ortes im hohen Norden, den selbst viele Bewohner des nahe gelegenen Hamburgs nicht kennen, ist für die Metal-Gemeinden Europas nicht erst seit der diesjährigen 17. Auflage des Festivals der vielleicht wichtigste Eintrag im Kalender und gleichzeitig Dreh- und Angelpunkt eines exzessiven Jahresurlaubs. Der Wohlfühleffekt setzte wie üblich schon bei der Anreise ein, wo man von ständig wachsenden Pulks eindeutig gekennzeichneter Fahrzeuge eskortiert wurde, aus deren Fenstern lautstark skandierende, mattenschwingende Kuttenträger hingen. Doch zunächst trieb ein heftiger Gewitterschauer vereinzelte Sorgenfalten in die vorfreudigen Gesichter der massenhaft heranströmenden Metalheads und rief Erinnerungen an die letztjährige Schlammschlacht wach, als man sich witterungsbedingt eher im Watt mutete, als auf einem Sommerfestival.

Scorpions

Scorpions

Wenn deutlich mehr als 60.000 Freaks – was einen Besucherrekord darstellt – in erwartungsfeuchter Feierlaune mit technisch nicht immer einwandfreien Gefährten in eine 1.800-Seelen-Gemeinde einfallen, kommt es naturgemäß zu Megastaus auf den beschaulichen Gemeindestraßen. Trotzdem wurden die Massen von einem Großteil der Eingeborenen auch dieses Jahr wieder freundlich begrüßt. Schließlich ist das größte Metalfestival Europas für den kleinen Ort im Niemandsland mit Abstand das ereignisreichste und auch einträglichste Event des Jahres.

Endlich am Ziel angekommen, wichen die Regenwolken viel Sonne sowie einem Regenbogen mit erstaunlichem Durchhaltevermögen und luden für die verbleibende Zeit bis zum offiziellen Start zu einem ausgedehnten Erkundungsgang über das Gelände ein. Die endlosen Agrarflächen bieten eine geradezu ideale Voraussetzung für ein riesiges Camping- und Festivalareal, und wenn die Fans ihrer lange angestauten Fantasie freien Lauf lassen, entstehen so abgefahrene Parties und Nebenevents, dass es schwer fällt, sich loszureißen.

Aber um 18 Uhr wurde es ernst. Die ersten Verstärker brummten. Faster Inferno betraten als Opener die True Metal Stage und heizten für eine Viertelstunde mit unspektakulären, aber sympathisch groovigen Klängen an. Die Gitarre bediente übrigens Tyson Schenker, der Sohn des später noch öfter zu bewundernden Michael. Auf dem Gelände herrschte eine relaxte, abwartende Stimmung. Man ahnte wohl, dass es Flüssigkeiten für den Rest des Festivals nicht mehr aus Wolken, sondern nur noch aus Bechern geben würde.

Mit dem leicht verspäteten, aber dreimal längeren Auftritt von Victory füllte sich das Gelände zusehends. Durchgreifende Neuerungen wurden von der altgedienten Truppe weder erwartet noch geboten. Solide Metalkost für den Hausgebrauch stimmte auf das ein, was der Abend noch bieten sollte. Apropos Kost: spätestens hier bot sich ein Raubzug über die vielfältigen Fress- und Saufmeilen an, der zumindest eine Neuerung brachte: ein Stand mit original Hamburger Labskaus mit Hering und Spiegelei, liebevoll garniert von der netten Bedienung. Hier bot sich nicht der übliche Festivalfraß, sondern eine willkommene Abwechslung, enorm schmackhaft und sättigend.

 

 

Noch ein Bier zum Verdünnen, und dann war es Zeit für das erste musikalische Schwergewicht des Abends: Michael Schenker, der u.a. mit den Scorpions, UFO und MSG seit 35 Jahren die Höhen und Tiefen des Musikerdaseins durchlebt, spielte mit seiner aktuellen Combo auf und passte prima ins Konzept des ersten Abends, der traditionell eher historischen Spielarten des Metals gewidmet ist. Die Band wurde erwartungsvoll begrüßt und bot in gut 90 Minuten einen breit gestreuten Querschnitt durch das umfangreiche Schenker-Material. Ältere, bekannte Stücke wurden vom Publikum besser angenommen als neuere, obwohl der Sänger speziell dabei etwas dünnhäutig wirkte. Schenker selbst spielte ordentlich, reichte aber in seiner Soloperformance nicht ganz an alte Glanzzeiten heran. Die Parts, bei denen er früher mit schier unglaublicher Saitenartistik glänzte, wie z.B. das lange Solo von "Rock Bottom", waren in der Lautstärke dezent zurückgenommen, so dass einzelne Töne nur schwer zu unterscheiden waren – alles in allem hinterließ die Band aber einen guten Eindruck.

Dem Auftritt der Headliner dieses Abends, den Scorpions, wurde je nach Neigung und Alter der Fans mit großen Erwartungshaltungen oder ebensolchen Befürchtungen entgegengesehen. Was folgte, war aber eine fette – positive – Überraschung. Nahezu drei Stunden anberaumte Spielzeit boten den Altrockern bei ihrem ersten Wackengig reichlich Gelegenheit, sich durch das Material der 35jährigen Bandgeschichte durchzufräsen, wobei sie den Schwerpunkt vor begeistertem Publikum eindeutig auf die alten Klassiker setzten. Phasenweise unterstützt von früheren Bandmitgliedern (Uli Jon Roth und Michael Schenker an den Saiten sowie Hermann Rarebell an den Sticks) rockten sie mit viel Spielfreude und passenden Verkleidungen los und boten so ziemlich alles, was speziell Fans der frühen Phasen gerne hören. Selbst Klaus Meine hielt sein sonst oft nerviges Anmachergekreische in engen Grenzen und lieferte eine tolle Darbietung ab. Beim langen Zugabenteil waren dann alle auf der Bühne und feierten, ausgehend von Ravels Bolero, eine ausgiebige Jamsession. Zum Ende dieses edlen Marathons robbte ein riesiger Roboterskorpion etwas ungelenk, aber eindrucksvoll auf die Bühne und rockte zu "Hurricane" so richtig ab.

Das war auch schon das Ende eines gelungenen Festivaleinstiegs mit netter Mucke, durchweg gutem Sound und geradezu idealem Wetter. Der Tag entließ ein zufriedenes, gut gelauntes Publikum in eine Nacht mit zahl- und endlosen ausgelassenen Partys. Und am nächsten Tag ging’s weiter in Wackööön…

 

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Links:

>> Festival-Info Wacken Open Air 2006 (mit Künstlerinfos) bei POP FRONTAL

>> Homepage Wacken Open Air

>> Festivalbericht Wacken Open Air 2005 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Wacken Open Air 2004 bei POP FRONTAL

 

The Rainbow

The Rainbow

 

Moon over W.O.A.

Moon over W.O.A.

 

Michael Schenker

Michael Schenker

 

Victory

Victory

 

Wikinger

Wikinger

 

Faster Inferno

Faster Inferno

 

Scorpions

Scorpions

 

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