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Gesehen! 19. Wacken Open Air / Wacken, Auf der Wiese, 2. Tag: 01.08.2008

Zynisch währt am längsten

Text: Klaus Reckert      Live-Fotos: Christoph Lenz

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Immer mal was Neues: Morgens um 11 ist die Wackenwelt zwar in Ordnung, das Duschzelt aber plötzlich kostenlos, dafür die Kackzeile stundenlang überhaupt nicht mehr betretbar. Naja, da heißt es, Prioritäten zu setzen. Nachdem diese erfolgreich gesetzt wurden, konnte man sich noch über die schwachsinnige Regelung ärgern, dass wieder mal der Zugang vom VIP-/Pressebereich zum Festivalgelände um 11:30 Uhr noch von bereits gestern anwesenden Breitschultern verrammelt blieb. Die Auftritte beispielsweise von Grave und Primordial fanden also unter Ausschluss der Journalisten statt - vermutlich nur, damit im Backstagebereich noch ungestört Salatblätter onduliert werden konnten.

Opeth

Opeth

Es blieb genau wie gestern Nacht natürlich noch die Alternative, abermals einmal die Runde ums Gelände zu drehen. Bei den zunächst nur akustisch genossenen Grave fielen allerdings auch beim Marschieren und auch auf diese Distanz noch ein bemerkenswert eindrucksvoller Sound und die fetten Flanger-Effekte über den Drums auf. Allerdings bespielten die Old School-Deather die Black Stage so laut, dass Primordial auf der Party Stage Mühe hatten, sich klanglich durchzusetzen. Die sympathischen Iren um den weiß geschminkten, kahlrasierten, edel klagenden Sänger A. A. Nemtheanga gefielen dennoch mit eindringlichem Material wie "As Rome Burns" oder dem hymnischen "Heathen Tribes" vom aktuellen Album "To The Nameless Dead" oder dem besonders schönen "Coffin Ships" von "The Gathering Wildness".

Es blieb noch Zeit für einige Takte Mortal Sin und ihrem sehr sortiert und auf den Punkt gespielten Old School Thrash: Das "Love, Death, Hatred" der Australier knallte erheblich und erinnerte angenehm an Overkill & Co.

Trotz gefährlich inkontinent wirkender dichter Bewölkung fanden sich jetzt mehrere tausend Kenner vor der Party Stage ein, wo nur wenig verspätet die frisch reformierte Kultformation Cynic zum Regentanz aufspielte. Doch trotz der synchron einsetzenden Schauer hielt man mehrheitlich vor der Bühne aus, von der eine für dieses Festivalformat nicht ganz typische Melange aus Jazz, Progressive und Death Metal auf’s jubelnde Publikum niederging. Lediglich das einzige je erschienene, dem Jahr '93 entstammende Meisterwerk "Focus" reichte der Florida-Formation, um auch heute noch mit Respekt und ausgesprochenem Sonderstatus behandelt zu werden. Mit einem solchen Ruf heißt es natürlich besonders vorsichtig umzugehen. Und genau das taten die Gründungsmitglieder Paul Masvida (voc, guit) und Sean Reinert (drms, key) sowie ihr Live-Support Tymon (guit, voc) und Robin Zielhorst (bss) nach Kräften. Die nach einem gruseligen Intro und stets unterteilt durch Rezitations-Samples gebotenen Stücke begeisterten durch den flexiblen Gesang zwischen Falsett, Kreischen und Growlen, die Polyrhythmie, den herrlich pumpenden Phaser-Bass. Dabei kam neues Material wie das bei aller Komplexität doch sehr gefällige "Evolutionary Sleeper" ähnlich gut über die Rampe wie die kultigen Klassiker "How Could I", das zauberisch schöne "Veils Of Maya" oder der Nackenbrecher "Uroboric Forms".

Beim Bierholen passten sogar noch ein paar Takte Job For A Cowboy dazwischen, deren "Suspended By The Throat" angenehm an alte Slayer erinnerte. Später am Tag vertiefte eine Prelistening Session im Pressezelt noch die Bekanntschaft mit den neuen Cynic-Songs vom Ende Oktober auf Season of Mist herauskommenden Album "Traced In Air", die tatsächlich von Sigur Ros-haften Qualitäten bis hin zu Morbid Angel-artigen Teilen vieles bieten und mehr als gespannt auf die Fortsetzung des Kults machen.

 

Gruppenbild mit Fahne

Inzwischen regnet es nicht mehr. Es wolkenbricht. Erstmals für Ensiferum trauen wir uns wieder unter einer Zeltplane vor. Die wüst geschminkten Rockträger bieten süffigen Folk-Metal à la Korpiklanii, Finntroll oder Turisas auf. Ein Stück wie "Token Of Time" vom Debüt weist neben deftigem Geriffe auch Dudelsack- und Zinkengepfeife (von der Keyboarderin abgerufen) sowie einen loshüpfenden Humppa-Part auf. Das zieht alsbald auch nahezu echt wirkende Elche vor die mit fahnenartigen Backdrops und einem Wikingerrundschild gezierte Bühne. "Ahti" von "Victory Of Souls" peitscht die Fans trotz mittlerweile arg matschigem Boden zu Hüpfhöchstleistungen auf.

Später am Tage ließen sich die abschließenden Takte Kasperlemucke von Sonata Arctica nicht vermeiden: "The Cage". Im Takt dazu jongliert ein Metalhead neben uns mit Schlammkugeln. Der scheint allerdings auch mehr auf Opeth zu warten. Die mal wieder kamen, sahen, siegten. Das Sitar-Intro zu "Demon of the Fall" eröffnete sehr atmosphärisch, "The Baying of Hounds" (wie beim R.A.R. 08) und "Master's Apprentices" langten fürchterlich zu und mit "Heir Apparent" fand auch - auffallend wenig - aktuelles Material Berücksichtigung. "Wreath" bot schon kaum noch Steigerungsmöglichkeiten, und "The Drapery Falls" mit toller Slidegitarre von Fredrik Åkesson (Ex-Arch Enemy) machte den Sack vollends zu. Leider hatte die Band mit ausnahmsweise mal leicht matschigem Sound zu kämpfen, bei dem sich speziell Per Wilberg nicht optimal durchsetzen konnte. Dennoch hätte das so für uns noch mehrere Stunden weiter gehen können. Aber auch für immerhin eine volle Stunde Opeth lernt man, dankbar zu sein. Insbesondere für die Entertainer-Qualitäten eines Mikael Åkerfeldt und seiner Ansagen, die ähnlich legendär wie seine Band sind: "If you do not recognize this song, you're a fucking cunt"; "Wir sind alle verkatert, denn wir waren im gleichen Hotel wie Iron Maiden untergebracht. Ich musste mir schrecklich Mut antrinken, um Bruce und Steve 'Hallo' sagen zu können.". "The Drapery..." wird Uli Jon Roth (Ex-Scorpions) gewidmet, den Mikael Backstage getroffen hat.

Pausenfüller für die Zeit bis The Haunted: Children Of Bodom, wie so oft in Wacken, wie so oft extrem großmäulig. Beispielsweise "Hatecrew Deathroll" stellt doch immer noch ziemlich zwingenden Melo-Death dar. Während dieses Auftritts verzeichnete die Security am Fotograben den bisherigen Crowdsurfer-Rekord aller W:O:As: 2.100 Mal nehmen die breitschultrigen Herren horizontal anfliegende Fans entgegen. Doch dann sind der heute leider eher überheblich aufgelegte Peter Dolving und seine Verhexten von The Haunted soweit, die Party Stage zu entern. "In Vein" knallte enorm, ließ aber die frühere Melodieverliebtheit der Formation etwas vermissen; "The Drowning" und "Trenches" setzten diesen Trend fort, später sollen auch noch "99", "All Against All", "No Compromise" und "The Flood" gefolgt sein - allerdings schon ohne unseren Beistand. Wir haben diese Band schon absolut genial Clubs rocken sehen, heute aber zündeten sie irgendwie nicht.

 

 

Corvus Corax hatten bereits "Cantus Buranus I" vor zwei Jahren zu mehr oder weniger großem Entzücken auf dem W:O:A inszeniert. Auch der Carl Orff verpflichteten Einspielungen zweiter Teil wurde dem kopfstärksten Heavy-Metal-Publikum Europas nicht vorenthalten, mit abermals im Sopran schmetternder Operndiva, vollem Chor, Krummhörnern, Dudelsäcken und Zinken zuhauf.

Nach dem gigantomanischen Feuerwerksfinale ist es Zeit für den ersten Festivalauftritt des Avantasia-Projekts um Tobi Sammet, dem von Edguy bekannten jodelnden Geck mit Cowboyhut und Tüchlein auf der rechten Gesäßtasche. Mit "Twisted Mind" ging's denn auch kongenial los, gefolgt von "The Scarecrow" und dem Auftritt des ersten Gaststars: Jørn Lande kam die gewaltige Treppe des Bühnenaufbaus herunter und schmetterte dabei ganz augenscheinlich auch gehörig in sein Mikro. Ohne allerdings, dass das Publikum irgendwas davon mitbekam. Jørns Monitorkanal scheint offen gewesen zu sein, aber ansonsten erfuhr sein Gesang leider viele minutenlang keinerlei Verstärkung. Für "Reach Out For The Light" gewandete sich der von einem Penis-Kalauer zum nächsten moderierende Tobi in Rüschenhemd und roten Mantel. Dafür erscheint zu "The Story Ain't Over" (bei dem Tobi sich nicht entblödet, eine Deutschlandfahne zu schwenken) Bob Catley (Magnum) auf der Bühne. Nicht nur bei "Lost In Space" zeigt sich übrigens, dass auch die Bildregie (vom neuen Medienpartner Rockalarm?) völlig verloren scheint: So wurden die Zuschauer beispielsweise minutenlang mit Einstellungen gelangweilt, die völlig untätige Keyboarderfinger zeigen, während munter Gastsänger die Bühne erklommen oder stramme Gitarrensoli abgefeuert wurden. Zu "Toy Factory" steuert beispielsweise niemand Geringeres als der schon Backstage aufgefallene, mal wieder stets friedlich vor sich hinlächelnde Uli Jon Roth Schützenhilfe auf der Sky Guitar bei, ohne dass Soundmixer oder Bildregie das jedoch hervorgehoben hätten. Trotz unglaublicher Besetzung (Sascha Paeth, Andre Matos, Oliver Hartmann, Michael "Miro" Rodenberg, Felix Bohnke, Robert Hunecke sowie besagte Gaststars) waren wir doch froh, als nach der Pseudozugabe "Sign Of The Cross" der Spuk vorbei war. Pseudo, denn obwohl seit Wochen jeder in der Running Order der Wacken-Site nachlesen konnte, wann der Avantasia-Auftritt beendet zu sein hat, tat Tobilein emsig so, als habe ihn nur das ergebene Publikum nochmal aus den Kulissen hervorgelockt.

Der Kontrast zu Gorgoroth hätte nicht größer ausfallen können. Das "opulente" Bühnenbild mit gehäuteten Lammschädeln, wohin das Auge reichte, sowie nackten Gekreuzigten mit verhüllten Gesichtern wollte offensichtlich schockieren. Ansonsten blieb vor allem norwegischer Old School-Black Metal zu verzeichnen, der nicht allzu lange zu fesseln vermochte.

 

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Links:

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