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Gesehen! Bob Geldof and The Bob Katz, Waterboys, The Hooters / 06.06.2004, Bonn, Museumsplatz

"Summer Storm" für Arrivierte

Text: Klaus Reckert   Fotos: Bettina Reckter

 

Statt süßen Haschschwaden wie sonst beim Betreten der meisten Konzertaustragungsorte lag diesmal der Duft von edlen Parfüms und teuren Rasierwässerchen in der Luft - es war ja auch noch hellster Nachmittag. Doch das großzügige Gelände der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn auf der Museumsmeile bleibt auch im weiteren Verlauf des Abends ein gepflegter Ort, dominiert von Stuhlreihen auf geharktem Kies, einer unaufdringlichen, aber allgegenwärtigen Security, einer Zeltkonstruktion, die effektiv vor etwaigen Unbillen der Natur schützt, natürlich einem kristallinen, niemals zu lauten (welch' Wohltat!) Livesound sowie nicht zuletzt einem Catering mit Speisekarten, die den Namen verdienen.

Waterboys / Mike Scott

Mike Scott / Waterboys

Die Speisekarten gestatten gar die Auswahl von Sekt und Lachs im Wrap zur Stärkung, und es gibt sogar Gäbelchen zum Dönerburger: wer hier die 42,50 Euronen (Abendkasse) über hat, um die Heroen seiner Jugend noch einmal live zu erleben, schätzt das bürgerliche Ambiente, das den Rahmen zum heutigen unter das Motto "Summer Storm" gestellten Aufeinandertreffen dreier Rockgrößen aus den (primär) 80er Jahren bildet - ein bisschen stürmisch ja, aber bitte nicht zu wild.

Bereits gegen 15:30 Uhr übernimmt ein nicht zu identifizierender Singer/Songwriter die Aufwärmaufgabe mit Songs wie "Tell Me, Tell Me, Tell Me: How Are You" oder "Capture Me". Selbst das Merchandise-Team, zu dem er das durch seinen einigermassen unspektakulären Vorträg zur akustischen Ragtime-Gitarre womöglich doch zum CD-Kauf animierte Publikum schickt, kennt den Herren leider nicht.

Aufgrund offensichtlicher Top-Organisation auf und hinter der Bühne ist diese bereits um 16:20 Uhr bereitet für einen Sir Bob Geldof, der kein Hehl daraus macht, dass er um diese Zeit normalerweise langsam über das Aufstehen zu meditieren pflegt: "Usually this is sound check time". Die noch verklebten Augen des Ex-Chefs der legendären Boomtown Rats hindern ihn aber nicht, auf das noch nicht allzu zahlreich erschienene Mitvierziger-Publikum hinunterzublinzeln und zu spotten: "That's German culture, you sit down for rock". Auch der Umstand, dass der u.a. für seinen Einsatz für das '85er "Live Aid"-Festival geadelte einstige Punk sich das ganze Konzert über nicht von seinem Kaugummi trennen mag, lässt zunächst wenig Gutes erwarten. Doch die Ex-Ratte wacht und wärmt sich von Minute zu Minute mehr auf, angefeuert von seinen ausgezeichneten fünf Sidemen, den Bob Katz. Passenderweise beginnen die Katzen den Gig mit dem "Great Song Of Indifference" von "Vegetarians Of Love", bei dem sich schon die Orchestrierung mit Fiddle und Quetschkommode sehr angenehm bemerkbar macht. So wie dieser Song bewegt sich auch das folgende, minütlich besser werdende Konzert häufig und sehr angenehm zwischen keltischen Folkeinflüssen und harten Rockriff-Einsätzen. Highlight ist ein Block aus drei Oden an die Heimatstadt der Rats, Dublin: "When The Night Comes", "Boys Are Back In Town" (fulminantes Thin Lizzy-Cover) und "Walking Back To Happiness". Die Reggae-Anverwandlung von "Scream In Vain" (von "Sex, Age & Death") kommt ebenso gut über die Rampe wie das alte, herrliche "Rat Trap" sowie - natürlich - der größte Rats-Hit "I Don't Like Mondays", dessen Thema "Amoklauf in der Schule" ja heute leider aktueller denn je ist. Auf die Gutmenschen-Hymne "This Is The World Calling" hat Sir Bob heute keine Lust, dafür beschließt eine neuerliche Version von "Indifference" den Bogen und ein Konzert mit allen Höhen und Tiefen.

Doch weiter zum musikalischen Höhepunkt des Abends: Mit Alben wie "A Pagan Place", "This Is The Sea", "Fisherman's Blues", "Room To Roam" oder "Dream Harder" hatte die irische Band um Mastermind Mike Scott von Anfang der 80er bis Anfang der 90er Jahre bewiesen, dass Folkrock eine mindestens so aufregende wie ästhetische Angelegenheit sein kann. Neben der intelligenten, leidenschaftlichen Poesie von Scotts Texten ("A Man Is In Love"), seinem Melodien für die Ewigkeit ausschwitzenden Songwriting und der leicht näselnden Gesangsstimme zum Verlieben hatte vor allem ein weiteres Mitglied die Waterboys in dieser Dekade einzigartig gemacht: Anthony Thistlethwaite an Mandoline, Bass, Gitarre und Keyboards sowie den spannendsten, bisweilen sehr majestätischen Saxophon-Linien, die man außer von Mel Collins damals kaum zu hören bekommen konnte. Doch Mr. Thistlethwaite und seine Wunderkanne suchte man ab 18:30 Uhr auf dem Platz zwischen den Museen vergebens: die Waterboys sind inzwischen auf ein Trio geschrumpft - mit Steve Wickham (Fiddle, Mandoline) und Richard Naiff (Keyboards). Doch diese drei spielen so derartig auf den Punkt und aufeinander zu, dass selbst Stücke, die damals erst durch das Saxophon magisch wurden, im neuen Kontext hervorragend funktionieren, was viel mit Wickhams Teufelsgeige zu tun hat, die mal wie ganze Bläsersätze daherkommt, mal eine elektrische Gitarre evoziert und immer wieder unvermittelt in rasante irische Tänze ausbricht. "Vampire Man" ist eines seiner Showpieces, gefolgt von dem wunderbaren "Life Of Sundays" von '90 oder "Good News" von "Dream Harder", dem zarten "Wonderful Disguise" oder einer nicht enden wollenden Fassung von "Sweet Thing", das "Black Bird" von den Beatles zitiert. "Bring 'em All In", der Titelsong von Scotts besseren von zwei Soloalben schafft einen Ruhepunkt, von dem aus sich "When Ye Go Away" als einem der schönsten Heartbreak-Songs der Waterboys erhebt. Diese Musik ist Rock im besten Sinne, doch lässt sie gleichzeitig die Salzluft der Küste riechen, zeichnet die Höhenzüge der Wicklow Hills nach und lässt den Geschmack eines Murphy's Stout nacherleben. "The Pan Within" und "Fisherman's Blues" beenden einen Auftritt, der trotz seiner relativen Kürze von 60 Minuten kaum Wünsche offenließ.

Außer vielleicht dem, die nun folgenden Hooters aus Philadelphia hätten den Waterboys etwas mehr Zeit von ihrem Set abgegeben. Sie waren zwar erkennbar Headliner dieses 'Summer Storms' und wurden vom Publikum beim Wiedererkennen von Hits wie "Brother Don't You Walk Away", "Fighting On The Same Side", "Johnny B." (die Version von Perzonal War ist aber immer noch um Längen stärker), "Satellite", "500 Miles" und dem unvermeidlichen "Karla With A K" entsprechend beklatscht, doch nach der feingliedrigen Musikalität von Sir Bob und den Waterboys kamen viele der von den Oberhooters Rob Hyman und Eric Bazilian geschriebenen Beiträge doch vergleichsweise als Rumtata rüber. Darüber konnte auch Bazilians schönes Doppelhalsinstrument aus E-Mandoline und E-Gitarre sowie Rob Hymans Solo auf dem Synthesizer zum Reinpusten (einer Art gigantischen Alcotesters) nicht hinwegtäuschen.

Dennoch eine runde Sache: Two Out Of Four der am Sturm beteiligten Bands waren grandios und aller Ehren wert. So macht 80er-Nostalgie noch richtig Spaß.

 

Bob Geldof in Bonn

Bob Geldof in Bonn

Bob Geldof

 

 

Waterboys in Bonn

Waterboys in Bonn

The Waterboys

 

 

Links:

>> Künstlerinfo Bob Geldof bei POP FRONTAL

>> Homepage Bob Geldof

>> Künstlerinfo Waterboys bei POP FRONTAL

>> Homepage Mike Scott / Waterboys

>> Künstlerinfo The Hooters bei POP FRONTAL

>> Homepage The Hooters

The Hooters in Bonn

The Hooters

 

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