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Gesehen! Burg Herzberg-Festival, 14. - 17.07.2005, Breitenbach/Hessen

Heiße Nächte in Freak City

Text: Carlo G. Reßler

 

Fast das ganze Jahr über sagen sich Fuchs und Igel im ländlichen Gebiet zwischen Fulda und Kassel recht ungestört "Gute Nacht". Doch regelmäßig im Sommermonat Juli suchen seit vielen Jahren ungewöhnliche Gestalten aus allen Teilen Europas - oft mit langen Haaren, alten Autos und allerlei obskurem Gepäck - diese Gegend auf. Wenn dazu noch tausende Zelte, Wohnmobile und Lagerfeuer auf den gut gedüngten Kuhwiesen zu sehen sind, freuen sich nicht nur Hippies, dass "Freak-City" seine Tore wieder geöffnet hat.

The Amber Light

The Amber Light

In diesem Jahr waren bei schönstem Sommerwetter gut 7000 Besucher der Veranstalter-Einladung ins "Land of Milk and Honey" in freier Natur gefolgt. Zwischen orientalisch bunten Basaren, leckeren Essensständen und vielen Infobuden feierten sie an vier Tagen und Nächten das schöne "Love & Peace"-Leben, untermalt von gut 25 teils hochkarätigen Bands.

Zu den musikalischen Highlights des ersten Abends gehörte dabei zweifelsohne der Mitternachtsgig am Donnerstagabend von The Amber Light, die mit ihrem verspielten Psychedelic-Rock, eingängigen Songs und einer abgefahrenen Lightshow viele Fans magisch in ihren Bann zogen. Am Freitagnachmittag dann wurde es richtig voll auf dem Festivalgelände, die Anekdoten aus Schweden standen auf dem Programm. Sie spielten eindringlichen, recht schrägen und melodisch düsteren Neorock mit viel Mellotronsound. Nachdem sie sich vom "King Crimson-Stil" in den vergangenen Jahren lösten, finden die vier Musiker mittlerweile sehr eigenständige Facetten in ihrem Soundkosmos.

Der spätere Abend gehörte dann ganz dem britischen Space-Rock. Zuerst mit Ozric Tentacles, die dem Artrock der 70er durch Wordmusic-Elemente und viel Keyboard-Gewabber auch live ihren ganz eigenen Stempel aufdrückten. Später folgte dann die Late-Night-Show der mit Spannung erwarteten Hawkwind-Ableger Space Ritual. Ex-Hawkwind- Saxophonist Nik Turner scheint mit dieser Band endgültig sein neues Zuhause gefunden zu haben. Er holte schier Unglaubliches aus seinem Saxophon hervor und trieb "seine Jungs" mit der Zeit in einen geradezu sphärischen Spielrausch, der auch die vielen Fans vor der Bühne mitnahm und bis gegen drei Uhr früh anhielt.

Der Samstagnachmittag stand dann erst einmal im Zeichen des guten alten Krautrocks. Die auch privat enger befreundeten Deutschrockgrößen Epitaph und Jane (Gitarrist Klaus Waltz spielte lange in beiden Formationen) traten in sengendheißer Sonne nacheinander auf. Wie bereits beim WDR-Krautrockfestival im letzten Winter präsentierten sich beide Bands in hervorragender Form, und besonders Jane konnte die vielen ausflippenden Fans voll überzeugen. Ihre großen Hits wie "Daytime" oder "Out in the Rain" wurden von vielen auf der Wiese lautstark mitgesungen. Grandios auch das knapp 20minütige "Windows", mit dem bestens aufgelegten Werner Nadolny an den Keyboards.

Eine echte Überraschung waren danach die drei schwedischen Musiker von Siena Root. Sie spielten ein hervorragendes Heavyrock-Set im Stil von Led Zeppelin und Deep Purple, mit vielen gekonnten Improvisationen, harten, melodischen Gitarrenriffs und einem wahrhaft brennenden Schlagzeugsolo: dabei wurden die Sticks des Drummers sogar angezündet!

Nach der lebenden Bluesrock-Legende Ten Years After und der in diesem Jahr fast überall anzutreffenden Manfred Mann's Earth Band (leider diesmal mit technischen Soundproblemen bei ihrem sonst starken Gig) galt es am späten Abend neben den Ohren besonders auch die Augen weit zu öffnen, denn IQ traten auf die für eine Lightshow mit Filmen und Bildern leider zu kleine Festivalbühne. IQ sind mit ihrem Artrock-Sound zwischen Marillion und Yes hierzulande nur Insidern ein Begriff, obwohl sie nun schon seit gut 20 Jahren zusammenspielen. Ihr überzeugender Frontmann Peter Nicholls verstand es in der milden Mondnacht großartig, mit wilden Gesten und starken Songs das Publikum vor der Bühne in seinen Bann zu ziehen. Seine Mitmusiker boten zudem starke Soloeinlagen, und das Ganze wurde von berauschenden Filmclips mit satter Lightshow bestens untermalt.

Gegen 2.30 Uhr morgens kam mit Korai Öröm aus Ungarn der Überraschungs-Geheimtipp des Festivals auf die Bühne. Neun begnadete Musiker rollten einen psychedelischen Drum- Percussion-Soundteppich aus, der richtig göttlich krachte und blubberte. Trance-Acidmusik vom Feinsten, mit spacigen Keyboardeinlagen und mächtigen Basslines, dazu fantastisch kosmische Film- und Diaclips. Von Müdigkeit war bei den ekstatisch tanzenden Fans keine Rede. Erst im ersten Morgenrotlicht gegen 4 Uhr früh ging dieser Rausch dem Ende entgegen.

Kaum waren die ersten Freaks am Sonntagmorgen aus den Zelten gekrochen, spielten Psycho Key aus der Dominikanischen Republik ihren rockigen Worldgroove zum Frühstück. Feinste Reggae-Beats mit heulenden Gitarren, indischer Sitar und der begnadeten russisch-kanadischen Sängerin Kyra Jolliet, sorgten direkt für beste Tanzlaune.

Später am Nachmittag kam mit der deutsch-liberischen Songwriterin Zoe ein echtes Funk-Reggae-Soul-Energiebündel auf die Bühne. Coole Soundvibes, starke, manchmal melancholische Songs mit eindringlicher Stimme und überaus anmutige Tanzeinlagen sind ihre Markenzeichen, mit denen sie das Publikum zu wildem Tanz einlud. Optimal dazu passend folgte später das Bukovina Star Orkestar: mit Pauken und Posaunen brachte hier der Musiker Shantel "Balkan-Technomusik" auf die Bühne, die dem heute discoüblichen Ravesound voll das Wasser reichen kann. Nur ist dieser Sound mit natürlichen Instrumenten erzeugt und kein Elektronik-Mix und verwandelte die Festivalwiese in ein zuckendes Tollhaus – und das ganz ohne die sonst üblichen Szenedrogen.

Am Abend gab es gutgelaunten, bodenständigen Southern Rock von Tito & Tarantula. Zum Abschluss des Festivals präsentierte sich die Band um den charismatischen Frontmann Tito Larriva in einer energiegeladenen und schweißtreibenden Show den vielen wild tanzenden Fans vor der Bühne.

Fazit: Ein starkes Festival mit einer bunten Vielfalt großartiger musikalischer Entdeckungen, guter Laune und spannenden neuen Begegnungen, das alles in einer ganz eigenen exotischen Welt. Die Veranstalter haben auch diesmal wieder ein gutes Händchen bei der Bandauswahl und Organisation bewiesen, nur die Bühne dürfte gerne ein wenig größer werden. Der WDR-Rockpalast sendet auf WDR III übrigens am 13.09. von 1.00 – 3.00 Uhr morgens Highlights des Herzberg-Festivals.

 

Links:

>> Festivalinfo Burg Herzberg Festival 2005 bei POP FRONTAL

>> Homepage Burg Herzberg Festival

 

 

Anekdoten

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Jane

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Siena Root

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Zoe

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