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Getroffen! Interview mit Simon Moskon / Cryptex (April 2012)

"Auf die harte Tour"

Interview: Klaus Reckert     Live-Fotos: Lutz (Progrockfoto.de)

"Cryptex sind drei unkonventionelle Tausendsassa. Drei spleenige, komplizierte, verrückte, exzentrische, multiinstrumental-affine Rock-Idealisten, welche es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, handgemachte, erdige, ehrliche und innovative Mucke unters Volk zu bringen." Nachdem das exzellente Trio aus Salzgitter sich einige Jahre lang auf die harte Tour mittlere, kleinere und kleinste Gigs sowie diverse (erfolgreich bestrittene!) Talentwettbewerbe selbst gebucht hat, kam nun mit der Berufung zum Support für Pain Of Salvation auf der 14 Länder bereisenden "Road Salt"-Tour so etwas wie der belohnende Ritterschlag. Gründe genug für ein Update >> unseres früheren Gespräches mit Chefcryptiker Simon Moskon zum aktuellen Stand der Dinge!

Cryptex - Simon Moskon @ Bochum/Zeche am 13.03.2012

 

Simon, wie war die Tour für Euch - und wie fühlt es sich an, wieder daheim zu sein?

Simon Moskon: Es war eine unglaubliche, extrem bereichernde Erfahrung für uns alle. Nach ca. sechs Wochen im schaukelnden, vom Tageslicht abgeschotteten Nightliner fällt es einem recht schwer, wieder die Hacken zusammenzuschlagen und runterzukommen. Man freut sich selbstredend auf's eigene Bett und die gewohnte Umgebung... Das bleibt aber nicht von allzu langer Werthaltigkeit (grinst). Denn wenn einen erstmal das "Tourfieber" gepackt hat, möchte man, um ehrlich zu sein, so schnell wie irgend möglich zurück auf die Straße und den ganzen Film von vorne abspielen.

 

Wie seid Ihr an den Support-Slot für Pain Of Salvation gekommen? Was hat das gekostet? Wer hat das organisiert?

Simon Moskon: Wir haben das große Glück, dass unser Management in Zusammenarbeit mit uns sehr rührig und ehrgeizig arbeitet. Als Pain Of Salvation im Herbst 2011 ihre zweite Headlinertour für Anfang 2012 announced haben, leckten wir Blut und hängten uns an die Agentur der Band. Unser Lager hat dann einiges an Überzeugungsarbeit geleistet, da es anfangs eher zurückhaltendes Feedback in Bezug auf die von uns vorgeschlagene Aktion gab. Doch wenn sich die alten Herrschaften im Musikbusiness gemeinsam in verrauchte Hinterzimmer zurückziehen und der eine dem anderen ein paar "mein Auto, mein Haus, mein Boot, meine Band"-Kunststückchen vorführt, kann es dann letztlich doch zu interessanten Vereinbarungen kommen, wie man ja nun an der mehr als erfolgreich gelaufenen Tour bewiesen bekommen hat. Es hat in der Tat wirklich hervorragend zusammengepasst. Bezüglich der Kosten berufe ich mich auf eine gut funktionierende, weltmännische, aber zugleich auch aalglatte Aussage: Der Gentleman genießt und schweigt! (lacht) Natürlich hat man bei solch einer Geschichte mit allem Drum und Dran gewisse Kosten, die es zu stemmen gilt. Allerdings stehen die in keiner Relation zu dem, was wir an wertvollen Erfahrungen und wunderbaren Momenten wiederbekommen haben. Wenn man eine Vision hat und von dem, was man tut, fest überzeugt ist, sollte es eigentlich selbstverständlich sein, auch bereitwillig in große und viel versprechende Projekte zu investieren. Bei der Organisation (ich kann jetzt nur für Cryptex sprechen), waren wir so ziemlich auf uns allein gestellt. Das soll nun kein Kritikpunkt an unserem Management sein! Es ist schlicht und ergreifend darauf zurückzuführen, dass die endgültige Bestätigung dafür, sechs Wochen in 14 Ländern als Greenhorn auf Tour zu fahren, etwa einen Monat vor dem Tourbeginn in den Posteingang geflattert kam. Da fängt man natürlich sofort an, im Kreis zu drehen, alle Hebel in Bewegung zu setzen und mit unserem wunderbaren Team in die "Shitloads" voller Arbeit zu preschen. Wir sind als Band gottlob sehr gut aufgestellt und können uns gut organisieren. Hier an dieser Stelle noch mal ganz besonderen Dank an Gerd, Helli, Eva, Rainer, Jonathan, Ben und Dan.

 

Lässt sich so eine Aktion irgendwie refinanzieren? Durch Merch-Verkauf, durch die Referenz, ein in Zukunft erleichtertes Booking? (Label-)Kontakte? Mehr Sichtbarkeit in der Presse?

Simon Moskon: In diesem Falle schon. Pain of Salvation ist eine extrem geerdete und kollegiale Band, was sich nicht zuletzt darin widerspiegelte, dass sie uns die Möglichkeit gaben, ohne jegliche Restriktionen direkt neben ihrem Merchandise-Stand den Fans unser eigenes, nicht grad bescheidenes, Merch-Agebot zu kredenzen. Wir haben über den gesamten Zeitraum der Tour - zumindest für eine Supportband - extrem guten Merchverkauf gehabt, so dass sich ein ganz großer Batzen amortisiert hat. Eine Tour auf diesem Level bringt viele Multiplikatoren mit sich. Zum einen natürlich die erneut aufflammende Aufmerksamkeit der gesamten europäischen Presselandschaft, eine ordentliche Neubestückung der Plattenläden mit dem physischen Produkt sowie neue großartige Kollaborationen und Perspektiven. Die aktuellste ist, dass wir stolz verkünden können, dass wir bei der renommierten Booking-Agentur Dragon Productions "a division by A.S.S. concerts and promotion GmbH" angeheuert haben! (strahlt)

 

Wie wurdet Ihr auf Tour von der Tourneeleitung (Pain Of Salvation-Tour-Managerin) und vom Top Act behandelt (verlässliche Spielzeit, Soundcheck, Platz auf der Bühne, x % vom Licht, y % vom Sound)?

Simon Moskon: Wie bereits erwähnt, haben wir mit Pain Of Salvation als Headliner wahnsinniges Glück gehabt. Wir wissen, dass es aber auch anders laufen kann und die Kollegen von Pain Of Salvation erst recht. Demnach legen die Jungs und vor allem Daniel Gildenlöw hohen Wert auf ein professionelles Arbeiten auf hundertprozentig gleicher Augenhöhe. Das gesamte Team der Band, sei es Tourmanagerin, Backliner, Soundmann, Gitarren-Tech, usw. haben sich für uns beinahe genauso den Arsch aufgerissen wie für die Hauptband! Verlässliche Spielzeiten, erstklassige und großzügige Soundchecks, viel Platz uffe Bühne, Licht, Nutten, Koks, alles! (lacht) Einfach nur Godlike!

 

Wie findet Ihr selbst Pain Of Salvation, ihre Entwicklung, Ihren Frontmann Daniel, die aktuellen "Road Salt"-Alben?

Simon Moskon: Pain Of Salvation haben folgendes Mission-Statement: "The Bravest Band Alive". Für Außenstehende wirkt diese Aussage vielleicht etwas hochtrabend und pathetisch. Wenn man sich dann aber über einen so langen Zeitraum wie eine große, reisende Familie durch ganz Europa bewegt und dementsprechend sehr viele persönliche Gespräche führt, über die Geschichte und Geschehnisse in dieser Band viel mitbekommt, wird einem sehr schnell klar, dass dies wahrlich zutrifft. Ich finde, dass Daniel Gildenlöw ein Mann mit einer großen Vision und einer unermüdlichen Kraft ist, wovor man schlicht und ergreifend in der heutigen Zeit seinen Hut ziehen sollte. Ich besitze seit der Tour die "Road Salt Two" in meiner CD-Sammlung. Meiner Meinung nach ist der Sound vielleicht ein wenig strange, aber zugleich auch mutig. Die Arrangements und die Kompositionen (vor allem "To The Shoreline", "The Physics Of Gridlock" oder auch "1979") sind sehr eingängig, zugleich aber auch komplex. Sie strotzen vor hammermäßigen Melodien und Ideen. So gefallen mir die Jungs... Diese Schiene sollten sie weiter fahren. Die Vorgänger (die ich mir natürlich auch angehört habe) entsprechen nicht vollständig meinem Geschmack. Allerdings kommen viele der Songs live auch noch mal ganz anders... teils noch fetter und besser! Ich finde es beeindruckend, dass diese Band sich in letzter Zeit extrem wandelbar und facettenreich zeigt. In meinen Augen allesamt großartige Künstler und Musiker!

 

Ihr habt live einen ungemein souveränen, so verspielten, rasend spielfreudigen wie selbstbewussten Eindruck gemacht - gab es denn zumindest ganz am Anfang Unsicherheiten wegen der doch relativ berühmten Hauptgruppe und den größeren Auditorien?

Simon Moskon: Danke für das Kompliment. Um ehrlich zu sein, waren wir am Anfang allesamt ziemliche Nervenbündel. Man sitzt da alleine in einem großen Nightliner, fährt von Mönchengladbach nach London, um die Hauptband abzuholen, sieht dann einen Schwall an Entourage und Musikern, die irgendwie alle total wichtig, charismatisch und weltbürgerlich aussehen, auf einen zukommen und hat dann halt erst mal ein bisschen Muffe, wie das erste Aufeinandertreffen und Beschnuppern denn wohl so abgehen wird... Aber es hat sich ja dann innerhalb von Sekunden oder Minuten in absolutes Wohlgefallen aufgelöst. Bei der ersten Show in Glasgow ging uns dann noch mal mindestens genauso die Düse, da vor allem die erste Show so eine Art "Exempel" für den weiteren Verlauf einer Tour statuiert - ist irgendwie so ein psychologisches Ding... Da schießen einem tonnenweise Gedanken durch den Kopf, wie die Leute wohl nun auf den Opening-Act ihrer Lieblingsband reagieren, wie wird die Kommunikation zwischen mir und dem Publikum funktionieren, werden wir souverän spielen oder vom Druck übermannt, usw. usf. Doch als man uns dann gar nicht mehr von der Bühne lassen wollte, wir bereits beim Changeover zig Autogramme geben mussten und der gesamte Laden rhythmisch CRYPTEX, CRYPTEX, CRYPTEX brüllte, blieb nur eines zu sagen: Mission Accomplished.

 

Wie hattet Ihr Euch auf die Tour vorbereitet?

Simon Moskon: Musikalisch so gut wie überhaupt nicht, weil einfach kaum noch Zeit war. Demzufolge blieb uns nicht viel übrig, als gemeinsam nur ne ordentliche und bunte Setlist zusammen zu stellen, zwei bis drei Mal zu proben, und dann Augen zu und durch. Die Orga-Hauptvorbereitungen drehten sich in erster Linie um folgendes:

- Inventur + Equipment-Aufrüstung

- Ausführliche Equipment-Checks und Reparaturen

- Extremst aufwendige Zoll/Carnet-Odyssee

- Reisepässe beantragen

- Auslands-Krankenversicherungen

- Fremdwährungen bestellen

- Komplettes Equipment wiegen, ausmessen, protokollieren sowie Probepacken

- Tourshirts designen und auf Termin ordern

- Komplettes Merchandise-Angebot aufrüsten

- Transporte von A nach B organisieren

- Großeinkäufe für die persönlichen Belange

- ständige Korrespondenz mit endlos vielen in die gesamte Produktion involvierten Leuten

- Meetings über Meetings, damit unser Team vor Ort in Deutschland sich im Zeitraum der Tour sozusagen um das "Tagesgeschäft" kümmert.

Wie man sieht, war das echt eine ordentliche Packung! Wir gingen jedenfalls alle schon auf'm Zahnfleisch, bevor wir überhaupt die erste Saite auf einer Bühne angeschlagen hatten.

 

Mal abgesehen von den Finanzen - wie habt Ihr es zeitlich hinbekommen, so relativ lange auf Tour zu gehen? Was sagen Arbeitgeber und "significant others" zu solchen "Eskapaden"?

Simon Moskon: Scheiß auf irgendwelche Arbeitgeber..."Good Morning, How Did You Live?"...Wir sind unsere Arbeitgeber! (lacht)

 

Wie geht man nach so einer relativ langen gemeinsamen Zeit im Nightliner wieder auseinander - mit knappem "Take care", Umarmung oder gar mit dem Beteuern, in Kontakt bleiben zu wollen?

Simon Moskon: So ungefähr ne knappe Woche vor Schluss, schlich sich bei allen ganz subtil eine Art melancholische Grundstimmung im Bezug auf das bevorstehende Tourende ein. Nach dem finalen Konzert in Stockholm, welches übrigens mit "Pranks" (Streichen) von den Technikern übersät wurde (Babypuder auf den Toms, mit Klopapier verstopftes Didgeridoo, das Demontieren des Drumsets bei Leo von Pain Of Salvation während eines Songs, usw.), gab's dann beim "Auf Wiedersehen" Sagen am Tourbus reichlich Tränen und lange, feste Umarmungen. Es war wirklich sehr emotional, und wir stehen alle weiterhin in Kontakt. Im Juni werden wir uns bei ihrer Show in Leipzig (ein One-Off-Akustik-Set gemeinsam mit Dark Suns! d. Red.) wieder treffen und noch mal ordentlich feiern!

 

Was waren besondere Erfahrungen, die ihr von dieser Tour mitgenommen habt?

Simon Moskon: Der krasse, euphorische Zuspruch der Fans bei jeder einzelnen Show. Der tolle Zusammenhalt innerhalb der Band. Dass wir so viele tolle Menschen treffen durften. Das Freiheitsgefühl. Der Beweis, dass man alles nur Erdenkliche schaffen kann, wenn man nur lang genug dran festhält und den Mut hat, seine Träume in die Tat umzusetzen. Und vor allem der Moment, als bei der letzten Show in Stockholm, während unserer Performance Pain Of Salvation auf die Bühne kamen und den heimlich einstudierten Chor bei unserem Song "Alois" als Überraschung mitsangen... Das war eine so tolle und große Geste uns gegenüber und unterstreicht einfach einmal mehr, was die Jungs und die gesamte Crew für tolle Menschen sind!

 

Wie soll es jetzt weitergehen?

Simon Moskon: Gigs, Gigs, Gigs, Songwriting, die übliche Bandarbeit, ganz allmählich mal Richtung Album Nr. 2 schielen und natürlich so schnell wie möglich die nächste große Tour an Land ziehen... Ich halte Dich auf dem Laufenden (lacht).

 

 

 

Links:

>> Tourdaten/Konzerte Cryptex bei POP FRONTAL

>> Interview mit Simon Moskon / Cryptex (09/2011) bei POP FRONTAL

>> Konzertbericht Cryptex & POS @ Bochum (13.03.12) bei POP FRONTAL

>> Video "Cryptex, 'It's Mine', live @ Barcelona" bei youtube.com

>> Live-Tipp (31.01.12): Pain Of Salvation supported by Cryptex - Die Qual der Wahl

>> Tour der Woche (20.02.12): Pain Of Salvation + Cryptex

>> Live-Tipp (25.05.11): Cryptex - Good Morning World!

>> Homepage Cryptex

>> Cryptex: Good Morning, How Did You Live? - Kaufen bei amazon.de

>> Homepage Dragon Productions

 

 

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