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Getroffen! Interview mit Porky / Deichkind (Februar 2012)

Mit dem Mähdrescher in der Halfpipe

Interview: Mathias Frank     Bilder: Pressefreigabe

So kann man sich täuschen. Da schrieben wir in unserem Live-Tipp noch "Auf Platte waren Deichkind früher deutlich besser. Als sie noch Hip Hop gemacht haben, als sie mit dem Arsch gewackelt und bitte durchgezogen haben. Doch das war früher, das ist zehn Jahre her." Wir freuten uns irgendwie zwar auch auf das neue Album, aber erwarteten ehrlich gesagt nicht so richtig viel. Nun, was für ein Irrtum. "Befehl von ganz unten" ist ein Hammer von Platte, ist gefüllt mit Hits, Hits, Hits wie "Bück Dich hoch", "Leider geil", "99 Bierkanister", "Partnerlook" und "Illegale Fans". Mit großer Lyrik und famoser Musik, mit Witz, Charme, Stil und Klasse. Mit Beats, Hip Hop, Punkrock, Techno und Kirmes. Junge, waren Deichkind schon immer so stark und unsereins hat es nur nicht kapiert? Oder haben Porky, Philipp und Co. echt so einen riesigen Sprung gemacht? POP FRONTAL sprach mit Porky.

Deichkind

 

Wenn wir jetzt sagen: "Super Platte!" - interessiert euch das überhaupt?

Porky: So lange auch ab und zu einige Leute dazwischen sind, die es nicht so gut finden, kann ich dir auch glauben. Ich freu mich also sehr, dass du das sagst. Bisher sind aber 98 Prozent der Leute überwältigt, was viel mehr als beim "Arbeit nervt"-Album (von 2008) sind. Ich find die neue aber auch besser, denn bei der "Arbeit nervt" hört man, dass wir uns noch nicht so gefunden haben. Es war da ja eine andere Konstellation als bei "Aufstand im Schlaraffenland" (von 2006), zum Beispiel kam Ferris dazu. Aber jetzt sind wir echt eine eingeschworene Crew und machen, worauf wir Bock haben. Das hört man einfach, und das gefällt den Leuten.

 

Manche sehen in euch die "durchgeknallten Chaoten", andere sagen, dass ihr richtig starke, intelligente Texte habt und Sachen auf den Punkt bringt. Was stimmt denn nun?

Porky: Wir sind beides. Wir sind ADS- und Tourette-Patienten, ich hab einen extrem schlechten Schulabschluss, schreibe aber trotzdem diese Texte. Also irgendwas kann da ja nicht stimmen. Mit Philipp ist es genau so, der hat mit Ach und Krach sein Abi geschafft, aber mit Anfang 30 schon keine Zähne mehr im Mund gehabt, weil er nur Haribo isst. Ich würde es mal so beschreiben: Wir versuchen uns nicht zu profilieren und versuchen uns nicht darzustellen, sondern halten den Leuten einen Spiegel vor und schreiben über Sachen, die wir sehen. Wir schreiben nicht über unser Liebesleben oder unseren neuen Pitbull oder Silikontitten, sondern Themen, die wir beobachten. Die Texte sind uns schon wichtig, das ist eine Leidenschaft, eine Ausdrucksform. Der Kern der Texte stammt von Philipp und mir, ein paar sind auch von Ferris.

 

Wenn man sich einen Song wie "Leider geil" anhört, kann man sich direkt vorstellen, wie ihr zusammen sitzt und immer einer sagt: "Ey, ich hab auch noch einen Satz!" - war es so?

Porky: Ganz genau so war es. Wie soll es sonst anders sein?

 

Wie muss man sich das sonst vorstellen, wenn ihr an Songs oder im Studio arbeitet?

Porky: Es kommt vor, dass die Kreativität nur so sprudelt, dann heißt es schnell den Laptop auf, ich hab ’ne Idee und dann geht das zack zack zack. Und dann hat man einen Text auch mal in 30 Minuten wirklich komplett fertig. Es ist wie ein kreativer Pilz, der wächst, und den man versucht, dann auch schnell abzuernten, weil danach eben auch wieder Brachlandschaft ist und eine Zeit lang nichts passiert. Da muss man sich dann auch dran gewöhnen, dass man nicht immer Output hat. Wir haben für dieses Album jetzt 30 Songs geschrieben, zwölf haben es auf’s Album geschafft. Der andere Kram wird dann auch weggeschmissen, das wird nicht noch mal verwurstet. Wir machen lieber neue Sachen.

 

Darf denn da jeder alles machen bzw. versuchen oder habt ihr feste Aufgabenverteilungen?

Porky: Natürlich darf jeder was sagen, aber wir haben schon einen Instinkt dafür, was gut ist und was nicht. Man merkt schon selber, ob etwas Kraft hat oder nicht. "Befehl von ganz unten" zum Beispiel ist ein Satz, der hat so eine Power, wir wussten selbst nicht wie viel. Es war vielleicht das erste Mal in der Musikgeschichte, dass es erst einen Satz gab und dann ein ganzes Album drum herum gebaut wurde. Normalerweise bekommen Alben einen Namen, wenn sie fertig sind, bei uns war es andersrum. Wir sind bei jedem Song diesen Satz gefolgt.

 

Muss man sich zwischenzeitlich auch mal zwingen?

Porky: Doch, klar. Vor allem, weil wir faule Säcke sind. Wir zwingen uns dazu, dass wir eine Tour buchen und die Plattenfirma alle Schalter anmacht, ohne dass wir nur einen Song geschrieben haben. Wenn wir das aber nicht machen würden, dann würden wir die Platte auch nicht fertig bekommen.

 

Das ist jetzt eure fünfte Platte. Ist man vor der Veröffentlichung noch aufgeregt oder ist man inzwischen Profi genug und weiß, dass schon alles gut geht?

Porky: Man ist auf jeden Fall noch aufgeregt. Man weiß nie, was passiert, aber es ist dieses Mal schon ein bisschen anders. Früher war man unsicher, fragte sich, ob das nun geil ist, was man da gemacht hat. Aber bei diesem Album weiß ich es, ich mag es, und das macht es ein bisschen entspannter. Wir sind inzwischen an einem Punkt, an dem wir niemanden mehr etwas beweisen müssen und nur noch das machen, worauf wir Bock haben. Das hat vielleicht auch mit unserer Erfahrung zu tun, mit dem ganzen Quatsch, den wir mitgemacht haben. Man wird also schon abgebrühter, das aber im positiven Sinne.

 

Und wo seht ihr euch jetzt in der deutschen Musiklandschaft? Seid ihr etabliert, seid ihr wichtig, habt ihr was geschafft?

Porky: Also da mach ich mir jetzt nur, weil du mir die Frage stellst, Gedanken. Denn eigentlich ist es so, dass wir, sobald wir etwas fertig haben, schon mit etwas Neuem beschäftigt sind. Ich sag dir ganz ehrlich, Philipp und ich sind keine Nostalgiker. Der Glam von einer Bierdusche, ein Konzert vor 70.000 Leuten oder wenn du einen geilen Track gemacht hast - dann bist du davon high. Aber das hält ungefähr eine Woche an. Dann willst du das Gefühl wieder haben, dass du etwas geschaffen hast, was noch nicht da war. Erfolgreiche Menschen machen weiter, weil sie diesem Gefühl nachjagen.

 

Was ist denn derber: Wenn 70.000 Leute austicken oder die Leute eure Platten lieben und auf ihren Partys auflegen?

Porky: Es ist natürlich geil, wenn die Leute austicken. Wenn jemand austickt, aber die Platte kacke findet, ist mir das auf der Bühne erstmal egal. Es schmeichelt mir natürlich, wenn jemand die Musik gut findet, aber das Live-Erlebnis, Deichkind auf der Bühne, ist schon ein ganz besonderes Phänomen, das uns selber sehr beeindruckt. Wir wissen auch nicht, woher das kommt. Es ist einfach aufregend.

 

Für uns ja auch, ihr seid auf Tour. Was dürfen wir erwarten?

Porky: Größenwahn, wie immer. Wir spielen auch damit, dass es mal nicht funktionieren könnte, das ist immer unser Thrill. Scheitern als Chance spielt bei uns also immer eine Rolle. Aber die Leute müssen ein bisschen Angst bekommen, dass Menschen so viele Möglichkeiten haben, Sachen auf die Bühne zu bringen, die eigentlich kein Schwein braucht. Wir hoffen, dass das wieder klappt. Dafür bauen wir das World Trade Center nach, haben sechs fahrende Roboter, 4,50 Meter hohe Säulen. Wir arbeiten wie die Besessenen. DJ Phono macht sieben Tage die Woche Nachtschichten. Wir haben keine Produktionsfirma, die das für uns macht, wir machen das alles selber. Manchmal gibt’s dann auch morgens um fünf einen Anruf, weil jemand eine Idee hat. Und wenn die dann noch so schwachsinnig ist, wir machen das dann einfach. Wir haben zum Beispiel mal zwei Meter riesige Fahnen gemacht und haben dafür 800 Euro bezahlt. Wir haben die auf die Bühne geschleppt und dann gemerkt, dass die viel zu schwer sind und man die gar nicht hochheben kann. So was ist natürlich dabei. Dafür ist aber auch die Bierdusche im Auto entstanden, als jemand meinte "Ey, lass mal ’ne Palette Bier ins Publikum schmeißen, und die sollen das dann aufmachen" - und da wurde dann was Legendäres raus. Dafür muss man dann aber schon eine gewisse Naivität und Abgebrühtheit an den Tag legen.

 

Wie spontan ist eine Deichkind-Show?

Porky: Halb, halb. Wir haben inzwischen ein festes Konstrukt, das arrangiert ist. Früher und beim Anfang mit "Remmidemmi" haben wir nur "Fuck Of" gemacht, dann wurde es aber immer größer und uns auch langweilig. Wir mussten uns ja auch entwickeln, sonst hätte es keinen Spaß mehr gemacht. Jetzt ist es also choreographiert und wir haben einen Plan, aber die Anarchie und das freie Spektakel bleiben bestehen, damit wir weiter Spaß auf der Bühne haben und nicht die Backstreet Horsts oder irgendein Ami-Act sind. Das soll schon Deichkind bleiben.

 

Habt ihr aber nicht trotzdem manchmal Lust, einfach in Jeans und Shirt auf die Bühne zu gehen und eure Songs zu spielen?

Porky: Klar, dazu machen wir ja unsere Clubgigs. Dann geht’s in 500er Läden, ne Buddel in die Hand und auf die Bühne und dann wird das Publikum eineinhalb Stunden zerfickt. Das gönnen wir uns ab und zu, und das können wir auch. Wir können auch klein, das haben wir nicht verlernt.

 

Welchen Stellenwert nimmt die Band inzwischen in deinem Leben ein?

Porky: Es ist eine Parallelwelt zu meinem Privatleben. Ich glaube, ich würde in ein Loch fallen, wenn es Deichkind nicht mehr geben würde. Ich hoffe, dass das später ganz entspannt ausfadet und nicht abrupt aufhört. Es ist einfach ein Teil von mir. Ich habe eine Persönlichkeit auf der Bühne entwickelt, die sich manchmal auch im Privatleben meldet. Ich würde, glaube ich, ganz schön strampeln, wenn es auf einmal nicht mehr da wäre.

 

Was waren denn so die bisherigen Deichkind-Highlights?

Porky: Also die ersten großen Festivals natürlich. Wir kamen damals aus Würzburg oder so, und da waren echt nicht viele Leute. Danach sind wir in Richtung Hamburg gefahren, um das Hurricane 2007 zu spielen. Da kam ein aufgeregter Veranstalter und meinte, die Leute drehen durch, die sprengen jetzt schon das Zelt, wir müssen euer Konzert auf die große Bühne verlegen. Und plötzlich siehst du 70.000 Leute steil gehen. Dann natürlich der Melt-Auftritt, als die ganze Bühne gestürmt wurde. Das kannst du nach der Love Parade heute natürlich nicht mehr machen, da hatten wir echt Glück gehabt, dass niemandem etwas passiert ist. Aber wir haben sehr viel Aufmerksamkeit und Ruhm sicher auch diesem Auftritt zu verdanken. Und dann eine ganze Epoche, also wir mit der "Aufstand"-Platte und mit Bo und Sarah Walker rum getourt sind, auf der Mayday waren und mit einer roten Kiste voller Kostüme und Pyramidenhüten unterwegs waren - das war eine Zeit, die ich den Rest meines Lebens nicht vergessen werde.

 

Und was wollt ihr unbedingt nochmal machen, habt es aber noch nicht geschafft?

Porky: Einen Mähdrescher in der Halfpipe. Nein, jetzt sind wir so weit, dass wir jeden Quatsch, der uns einfällt, einfach machen. Ob es funktioniert oder nicht.

 

Du wirkst grad sehr glücklich.

Porky: Ich war ziemlich am Limit und ausgebrannt, gerade als Sebi gestorben ist und privat einiges in die Brüche gegangen ist. Aber ich hab mich zusammen gerissen und hab auf mich geachtet. Und jetzt bin ich wirklich sehr glücklich und dankbar.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

 

 

Links:

>> Info/Konzerte Deichkind bei POP FRONTAL

>> Live-Tipp (12.01.12): Deichkind - Unverzichtbar, irgendwie

>> Konzertbericht Deichkind @ Magdeburg (04.11.06) bei POP FRONTAL

>> Deichkind: Befehl Von Ganz Unten - Kaufen bei amazon.de

>> Homepage Deichkind

>> Deichkind @ Facebook

>> Video "Illegale Fans" bei youtube.com

>> Video "Bück Dich Hoch" bei tape.tv

 

 

Deichkind: Befehl von ganz unten

Deichkind: Befehl von ganz unten

(Vertigo / Universal)

 

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