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Gesehen! Dockville Festival / 17. - 18.08.2007, Hamburg, Reiherstieg Wilhelmsburg

Weniger ist mehr

Text: Simone Deckner      Live-Fotos: Sandra György, u.a.

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Festivals - man muss sie lieben oder verabscheuen. Letzteres fällt leicht: Es ist immer zu voll. Das Bier ist immer zu teuer und schmeckt wie modrige Füße. Andauernd wird man belästigt. Von Mücken, lauten Menschen und Bands, die einen nicht die Bohne interessieren. Schlimm: Die "Klos" entsagen jeder Beschreibung. Schlimmer: Die tätowierten Typen im Nachbarzelt können ohne Schlaf existieren. Festivals machen einen fertig. Und doch, es gibt Ausnahmen. So wie das Dockville Festival, das jetzt Premiere feierte. Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, keiner coolen Gegend. Mit nur wenigen großen Namen im Lineup. Dafür mit skurrilen Kunstaktionen. An nur zwei Tagen – die reich an guten Momenten waren.

2raumwohnung

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Die Kurzfassung für alle Ungeduldigen: Turbostaat und The Whitest Boy Alive waren die Bands des Festivals. Man muss sich das nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Erlend Oye (Kings of Convenience), der harmloseste aller Indie-Nerds mit seinen zurückhaltenden durchgejazzten Electro-Dance-Songs, und die lauten Punkrocker Turbostaat, deren Sänger Jan Windmeier Sachen wie "Fuck Winter / so'n Scheiß" ins Mikro schreit. Auch gut: To My Boy – die kaum einer kannte und die alle mit ihren lauten, schnellen 80er-Electroclash-Beats überraschten. Zweite Überraschung: 2Raumwohnung. Inga "Ich seh noch immer so jung aus" Humpe und Knöpfchendreh-Tommy spielten Hits wie "Ich und Elaine", "Freie Liebe" und wie sie alle heißen, deuteten Versautes an, tanzten eierig herum, und wir müssen gestehen: Was uns bislang als seichter Schmarrn erschien, bekam in so einer Atmosphäre eine Leichtigkeit, die durchaus zu gefallen wusste. Punk war das natürlich trotzdem nicht.

Punk waren eher die über das weitläufige Gelände verstreuten Kunstaktionen. Da stand ein Klavier mit Orgelpfeifen mitten im hohen Gras. Bunte, zerschnittene Sonnenschirme bildeten ein Spalier auf der grünen Wiese. Die Hauptattraktion wurde kurzerhand wegen schlechter Witterung auf nächstes Jahr verschoben, und niemanden störte es: Daniel Richter, Maler und Buback-Label-Chef, konnte seine Version der Elbphilharmonie nur andeuten, da der Boden ausgerechnet an dieser Stelle matschig war. Dafür hatte jemand vor dem alten Getreidespeicher am Elbkanal ein graumeliertes Sofa platziert – das in dieser Umgebung so passend wirkte wie eine Poserband wie The Films vorne auf der Bühne. Wer bei 12 Grad Außentemperatur mit nacktem Oberkörper auf die Bühne kommt, wer die Libertines auf so arme Art nachäfft und sich dann noch nicht einmal den Namen der Band (Good Heart Boutique) merken kann, deren Sängerin sich zuvor nicht zu schade war, sich öffentlich an The Films heranzuschleimen, auf den können wir nächstes Jahr verzichten. Sehr gut fingen hingegen die Mönchengladbacher Punkrocker NeinNeinNein an, als sie das Publikum mit den Worten "We are the Films and we are very, very, very impotant" begrüßten. Danach gab’s - Marke Einfachstrick - leider schon sehr viel besser gehörten Punkrock.

 

 

Am Samstag machten uns Station 17 Freude. Was die behinderten Künstler an Energie und Eigensinn auf die Bühne brachten, rockte. "Ich bin kein Börsenmensch", "Ich hatte mal ne Party" oder "Meine Frau" wurden im Stakkato-Sprechgesang deklamiert, Männer trugen rote Röcke und alle Anwesenden ein Lächeln im Gesicht. Auch fein: Zwanie Johnsons entspannter Country-Pop mit Ex-Blumfeld-Bassist Lars Precht an der Gitarre. Dennoch mussten wir leicht übernächtigt feststellen, dass der Freitag der bessere der beiden Tage war. Da hatten uns doch auch noch The Robocop Kraus sehr gefallen. Den Tanzstil von Sänger Thomas Lang kopieren wir jetzt dreist. Und das im September erscheinende neue Album "Blunders And Mistakes" - allen voran den Song, wo alle "Ah, ah, ah" singen - bringen wir in die Charts. Nun gut, wir arbeiten daran.

Bis zum Schluss haben wir uns die Lobhudelei auf Tocotronic aufgehoben, "die besten Tocotronic aller Zeiten" (Turbostaat-Jan). Ok, der Sound war miserabel, aber wer Sätze wie "Music is the healing force of the universe” in die Nacht predigt und Ansagen wie "Liebe Kameradinnen und Kameraden, das ist für Euch Verrückte, ihr Ausgeflippten, ihr Freaks" macht, souverän im Löcherpulli (Dirk von Lowtzow) auftritt, wer "Mein Ruin", "Kapitulation", "Imitationen von Dir" und "Fahrradfahrer dieser Stadt", "Hi Freaks" und das großartige "Sie wollen uns erzählen" spielt und damit seine Zeitlosigkeit auf’s Eindrucksvollste belegt - den werden wir immer ehren. Wenn beim nächsten Mal dann auch noch fähigere Bedienungen, zwei bis drei mehr spannende Bands und der Spätzle-Stand wieder da sind, kommen auch wir wieder. Versprochen.

 

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Links:

>> Festivalinfo Dockville Festival (mit Bandinfos) bei POP FRONTAL

>> Homepage Dockville Festival

>> Dockville Festival @ myspace.com

 

The Robocop Kraus

The Robocop Kraus

 

Whitest Boy Alive

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Station 17

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Good Heart Boutique

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The Films

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Turbostaat

Turbostaat

 

Tocotronic

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