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Gesehen! Highfield Festival 2008 / 15.-17.08.2008, Hohenfelden bei Erfurt

Musikalisches Olympia in Ostdeutschland

Text: Claudio Castello      Live-Fotos: Nico Schmidt

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Erstmalig so gut wie ausverkauft! Ausverkauft! The Killers das erste Mal bei einem Festival auf deutschem Boden! Die Meldungen der Highfield-Veranstalter ein paar Tage vor Festivalbeginn zeugen am besten vom vorherrschenden Hochgefühl. Sie strotzen nur so vor Stolz - und das zu recht: Eins der schönsten Festivals hierzulande hat den Olympia-Sommer ein Wochenende lang verschönert. Während sich in China Sportler aus allen Herren Ländern in Begeisterungsstürmen baden, Medaillen hinterher hecheln und Protest-Überreste um die Ohren kriegen, wird in Hohenfelden der Startschuss für die Sommerspiele des Highfield Festivals 2008 gegeben.

Bloc Party

Bloc Party

Die Eröffnungsfeier

Wie es sich gehört, werden die Festivitäten vom Gastgeberland eröffnet, bevor internationale und nationale Größen losgelassen werden, um ihr Können zu zeigen. Daniel Wirtz heißt der Auserwählte, der mit Band durch deutschsprachigen Alternativrock führt und - wie er meint - von Dingen singt, "die mal gesagt werden müssen". Das Publikum lauscht dabei, vereinzelt noch mit Regencape, eher unberührt. "Kennt ihr uns überhaupt?" ist da wohl eine rhetorische Frage.

Danach beginnen die 11. Sommerspiele am Stausee in Hohenfelden aber richtig: Die Briten schicken mit The Subways ihre ersten Teilnehmer ins Rennen. Ab dem Opener "Oh Yeah" ist heftige Bewegung in das bereits zahlreich erschienene Publikum gekommen. Auf der kleineren Bühne im "Cola Soundwave"-Zelt sind währenddessen Red Light Company zu Gange und bezaubern mit sphärischen Gitarren, zitternd leiernder Stimme und Glockengebimmel. Gedanken schweifen ab und gehen in Richtung Arcade Fire, derweil draußen The Subways von deutscher Seite durch Tocotronic abgelöst werden. Trotz gewohnt souveräner Leistung wird kapituliert, später jedoch knüpfen ihre Landsmänner und Sportfreunde an, die auch Subways zuvor gespieltes "Rock'n'Roll Queen" auf Deutsch covern, bevor es zu den Höhepunkten der Sommerspiele des diesjährigen Highfield kommt.

Die Nacht ist bereits angebrochen, als Bloc Party für England die Hauptbühne betreten. Und wieder geht das Konzept auf: Mondlicht spiegelt sich auf dem Stausee, farbige Lichtkegel wandern über die Bühne und tauchen Kele Okereke passend zum dunklen, spannungsreichen und sich pompös aufladenden neuen Song "Mercury" in stimmungsvolles Licht. Das Gelände ist voll, und man merkt, dass es ausverkauft ist: Bis nach hinten stehen die 25.000 Besucher, um die pathetische Show zu erleben und ausgelassen zu tanzen. Die einzigen Highfield-Teilnehmer, die dem noch etwas entgegen zu setzen haben, sind The Killers aus dem US-Lager. The Dresden Dolls im Cola-Zelt haben dank Zeitfenstern im Spielplan noch kurz Gelegenheit, ihr theatralisches Musik-Kabarett zu demonstrieren. Doch da es bisher das erste und einzige Mal gewesen ist, dass The Killers in Deutschland auf einer Festivalbühne stehen, sind entsprechende Aufmerksamkeit und Reaktionen abzusehen: Ab Mitternacht gerät das Highfield aus den Fugen, Gesangschöre und frenetisches Feiern allenthalben, egal ob zu Liedern der alten Alben oder zu neuen Songs. Vor allem die bekanntesten Hits wie "Mr. Brightside", "Somebody Told Me" und "When We Were Young" versetzen das Publikum in Ekstase. Regelrecht berauscht wird es zurückgelassen, als The Killers nach einer beachtlich starken Live-Leistung und mehreren Zugaben gegen halb 2 den ersten Tag der Sommerspiele beenden.

 

Zweiter Tag

Während die ersten Teilnehmer bereits schon zur Mittagszeit antreten, lassen die meisten Zuschauer den zweiten Tag langsamer angehen. Bei angenehmen Temperaturen und besserem Wetter (vortags hatte es noch bis in den frühen Nachmittag hinein geregnet) wird typische Festivalkost serviert und sich für den Tag vorbereitet. Was die Medaillen angeht, haben heute neben Kettcar besonders Die Ärzte ihre Chance, für Deutschland auf's Treppchen zu kommen: Zeltplatz und Festivalgelände scheinen von einer stetig steigenden Zahl an Ärztefans mit Fan-Shirts bevölkert zu werden. Doch auch in anderen Lagern steckt Potential: Nach Madonnas Lieblingsband Gogol Bordello gehen The (International) Noise Conspiracy für Schweden an den Start. Punk in purple mit politischen Texten und schrammeligen Gitarren wird präsentiert. Dieser wird noch mit einer großen Portion Orgel, Luftsprüngen, Akrobatik und lasziven Räkeleien seitens Sänger Dennis Lyxzén garniert.

 

 

Nach dem zur körperlichen Betätigung animierenden Folk-Punk von Flogging Molly (samt Akkordeon und Fidel) geht es für Deutschland wieder um die Wurst. Kettcar treten an und überzeugen auf ganzer Linie. Wiebusch nimmt das Publikum an die Hand und mit nach "Sylt", genauer nach "Graceland", zu den Landungsbrücken und zur "Ausfahrt zum Haus deiner Eltern". Es rockt, besonders die neuen Nummern. Oder klingt einfach nur schön und ist dabei so wahr. Es stimmt: was Wiebusch singt, kann bedenkenlos in Stein gehauen werden. Nach soviel klanglicher Schönheit ("Balu" wieder ein Juwel) ist es Zeit für etwas raueren Sport. Die rüden Louis XIV verwandeln für Amerika das "Cola Soundwave"-Zelt in eine schmutzige Angelegenheit. Rohe Gitarren, bluesig und verzerrt, untermalen die textlichen Anzüglichkeiten und Obszönitäten. Eine dargebotene Textpassage soll hier nur als Beispiel dienen: "Hey carrot juice, I wanna squeeze you away until you bleed / And your vanilla friend, well she looks like something I need". Roh und laut wird es auch auf der Mainstage. The Hives folgen ihren schwedischen Teamkollegen vom Nachmittag und zerschreddern nach dem Intro in gewohnt punkiger Manier die romantische Stausee-Mondschein-Atmosphäre mit blechernen Gitarren und hyperaktivem Pelle Almqvist. Die Hives performen wieder mal tadellos, die Menge tobt, und Pelle mimt wie immer die überhebliche Rampensau. Alles beim Alten also, was auch für die Truppe auf der letzten Startposition gilt. Während im Zelt I Am Kloot den Abend ruhiger ausklingen lassen, wird draußen Deutschlands Favorit ins Rennen geschickt. Die Ärzte sind so wie immer: Sie spielen und unterhalten, sind bedingt lustig, ein Lacher hier, einer da. Der Masse gefällt's. Und wer bisher nicht einmal gesungen hat, kann seine Puste nur für diesen Moment aufgespart haben. Dass in den über zwei Stunden alle bekannten Lieder und so ziemlich jedes Album abgegrast wurde, dürfte die Ärzte-Fans in dieser Nacht auch beruhigt schlafen lassen. Aber ob das für Gold gereicht hat?

 

Die Abschlussfeier

Am Sonntagmittag dann Deutschlands Amateure: Jennifer Rostock fragen "Hast du Feuer?" Ein großer Teil der Festivalbesucher sagt "Nein!" und bleibt um 12Uhr lieber noch auf dem Zeltgelände. Dann doch lieber erst Amerikas Punk-Athleten MXPX, Post-Hardcoreler von Thrice oder die schwedischen The Bones (Alkaline Trio mussten absagen). Bemerkenswerte Ergebnisse erzielen am letzten Tag der musikalischen Sommerspiele vor allem die Teilnehmer im Zelt: In der Disziplin Hardrock haben Year Long Disaster die Nase von Beginn an weit vorn. Echter Männersport, der schwer im Magen wiegt, wird mit verzerrter Gitarre dargeboten, die Daniel Davies, Sohn vom Kinks-Bassisten Dave Davies, immer wieder laut und lang gezogen aufheulen lässt. Seine Stimme wandelt derweil in ungeahnten Höhen. Was danach folgt, ist zwar nicht ganz so hart, verdient aber trotzdem eine Medaille. Das britische Duo Blood Red Shoes wird im rappelvollen Cola-Zelt für ihre harten und griffig schnellen Alternative-Rocknummern bejubelt. Frontfrau Laura-Mary Carter scheint etwas unsicher und verschämt, was wiederum niedlich wirkt, wenn sie dem begeisterten Publikum zugleich sägende Gitarrenriffs vor den Latz knallt. Und da "Box Of Secrets" das bisher einzige Album ist, sind die Leute auch mit den Songs vertraut und stimmen euphorisch mit ein, bis es von den Wänden tropft. Zum Abschluss der Festivitäten ist wieder das Gastgeberland an der Reihe: Die Beatsteaks legen erneut eine hervorragende Leistung hin. Alles feiert begeistert, Songs wie "Summer", "Let Me In", "Hand In Hand" oder "Jane Became Insane" lassen die komplette Masse in einer Welle der Ekstase dahin gleiten. Und zu folgsamen Schäfchen mutieren, die auf Geheiß ihre Shirts ausziehen und der nächtlichen Kälte zum Trotz mit ihnen herumwedeln. Mit einem Gemisch aus Adrenalin, Testosteron plus internationaler Härte und guter Stimmung dürfte dem Deutschen Team damit mindestens eine Medaille sicher sein.

 

Siegerehrung

Das deutsche Team geht wie schon erwartet mit zwei Goldmedaillen für die brillant rockenden Beatsteaks und die intelligent und gefühlvollen Kettcar sowie einer Silbermedaille für die allzu routinierten Ärzte nach Hause. In der Disziplin punkiger Alternativerock gibt es Gold für die überzeugenden Blood Red Shoes, Silber für die frühen Anheizer The Subways und trotz gutem, aber weniger erstaunlichen Ergebnis Bronze für The Hives. Was die dreckige Blueskategorie angeht, haben sich Louis XIV von The International Noise Conspiracy abgesetzt. Die besten Leistungen im sphärischen Indie-Rock haben zugleich The Killers und Bloc Party erbracht, eine leicht gold schimmernde Silbermedaille gibt es für die Red Light Company.

 

Links:

>> Festivalinfo Highfield Festival 2008 bei POP FRONTAL

>> Homepage Highfield Festival

>> Festivalbericht Highfield 2007 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Highfield 2006 bei POP FRONTAL

>> Festivalbericht Highfield 2005 bei POP FRONTAL

 

Gogol Bordello

Gogol Bordello

 

The Subways

The Subways

 

Kettcar

Kettcar

 

The Hives

The Hives

 

Blood Red Shoes

Blood Red Shoes

 

 

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