Startseite POP FRONTAL

Gesehen! Lovefield Festival / Scheeßel, Eichenring, 27. – 29.08.2004

Nass und heiter bis wolkig

Text/Fotos: Michael Kellenbenz  

>> Zur Foto-Galerie

Folkert Koopmanns’ Miene spricht Bände am Samstagabend auf dem Lovefield. Was genau in ihm vorgeht, mag erahnen, wer zwischen den ruhig gesprochenen Zeilen liest. Nackte Tatsachen stehen im Raum. Dass der Wettergott auch dieses Mal in Scheeßel so unnachahmlich brutal nass zuschlägt, manifestiert sich nun offenbar zu jedem Festivalbeginn an diesem Ort. Dass die Besucherzahl nicht im Entferntesten dem Wunsch entspricht, dürfte auch für jeden sichtbar sein. Dass mit alledem nun aber auch die Zukunft eines Festivals, welches die hiesige Landschaft um viele Facetten bereichern könnte, ernsthaft in den Sternen zu stehen scheint, ist das wohl traurigste Fazit nach einem insgesamt gelungenen Wochenende. Dem FKP-Scorpio-Kopf dürfte das alleine jedoch nur ein schwacher Trost sein und für viel Diskussionsbedarf sorgen.

Faithless @ Lovefield

Faithless

24 Stunden vorher gleicht das im Vergleich zum Hurricane etwa halbierte Gelände einer flachen Seenlandschaft. Das bringt dort, wo sich die bunten Lichttürme widerspiegeln, schöne Effekte mit sich und fordert Mensch wie Kleidung zu geschickten Kombinationen. In den vier großen Zelten, die zum Glück mit Holzboden versehen sind, stört das wenige. Dort ist es warm und trocken. Kante jedoch frieren und versammeln ein leider recht überschaubares Publikum vor der einzigen offenen Bühne. Peter Thiessen scherzt in Regenjacke und kündigt gut behütet das Stück über den "Warmen Abend" an. Die dort besungene "Feuchte unserer Haut" fühlt sich zum Glück anders an, als die gerade spürbare. Der Rest der Band macht gute Miene zum bösen Spiel und widmet sich konzentriert den noch frischen Liedern des neuen Albums "Zombi" sowie der "Summe der einzelnen Teile".

Anne Clark trotzt dann bewegungslos den Widrigkeiten und singt uns zurück in die Achtziger. Endzeitstimmung. Irgendwie sind plötzlich Filme mit dunklen Häuserschluchten, Neonröhren und Starkregen (!) im Sinn. 2Raumwohnung kontern dagegen mit kübelweise Sonne im Herz, fordern zum Mitspielen auf, holen sich tanzende Mädchen und einen Quotenmann aus der Menge auf die Bühne und verbreiten endlich an diesem Tag richtig gute Laune. Dieser Band wird man noch die Hütte einrennen auf der kommenden Herbsttour. Falschmachen kann die Moonbootica-Crew nichts mehr im Anschluss unter dem Zeltdach. Menschen tanzen in den Morgen hinein, als gäbe es selbigen nicht mehr zu erleben. Doch der beginnt tatsächlich... im Sonnenlicht!

Frühstück, Mund abputzen, weiter tanzen! Dann die nächste Regenwolke in Form der Turntablerocker-Absage für den frühen Abend, die auf der Hauptbühne ein recht großes Loch klaffen lässt und der Handvoll Händler auf dem Platz so manchen Shopping-Besuch verspricht. Zwischen den wenigen Wolken klingen Spillsbury gewohnt wütend, darf Model Eva Padberg im Halbdunkel zu DJ-Klängen ins Mikrofon hauchen (ohne dabei aber sonderlich zu beeindrucken) und trägt das Deichkind ein richtiges kleines, übermütiges DeichKIND auf den Schultern. Absolutes Highlight und verdient abgefeiert: The Havana Boys! Auf ihren Scheiben ja oft so ein ganz klein wenig hinter den Möglichkeiten zu bleiben scheinend, spielen sie all ihre Sounds über den Köpfen der Menge aus, zupfen und shouten und sind am Ende viel zu schnell wieder weg. Erlend Oye, norwegisches Skurrilium ohne Frisur und mit Brillengläsern, die in der Fläche bald das halbe Gesicht verdecken, überzieht dann sogar ein wenig. Doch wer, außer Hamburgs DJ-Ikone Boris Dlugosch, mag ihm dafür wirklich böse sein.

Auf der Hauptbühne geben sich derweil zwei Bands die Klinken in die Hand, die man schon fast ein wenig abgeschrieben hatte. Doch Groove Armada und auch Faithless heizen unter dem aufgehenden Mond einer kühlen Augustnacht noch einmal richtig ein. Das erste und letzte Mal wird es hier richtig voll. Insbesondere das Team um Prediger Maxi Jazz macht mit einem homogenen Mix aus altem und neuem Material wieder Lust und knüpft phasenweise an die Zeit vor 5 Jahren an, als die Band auf ihrem Zenit war. Für Momente erscheint es, als seien sie fein mit der eigenen Vergangenheit (den immer wieder gewünschten Klängen von "God is a DJ" und "Insomnia") und fänden darüber letztlich doch den Zugang im Publikum zu den, naturgemäß etwas im Schatten stehenden neueren Stücken. Dann wird es kalt, und Ex-Kraftwerkler Karl Bartos kann mit seiner sterilen Altklangsammlung immer noch nicht im Entferntesten begeistern. Abwanderung in die Zelte, wo sich die Nadeln noch bis in den frühen Morgen und den gesamten Sonntag ins Vinyl graben.

Wir treffen eine Besucherin im Getümmel: "Die Musik setzt so dermaßen viele körpereigene Stoffe frei, dass ich mich total berauscht und euphorisiert fühle. Es ist kaum in Worte zu fassen, und manchmal weine ich einfach vor Glück. Dass meine Beine noch laufen können, grenzt nach zwei Tagen an ein Wunder…!" So läuft sie lachend in Richtung DJ-Zelte, und wir verschwinden hinterher. Das Lovefield sieht und zeigt viele Gesichter. Dass nicht alle glücklich dreinschauen, mag an den teils widrigen Umständen gelegen haben. "Ob man mit noch ein wenig mehr Liebe zum Detail in der Gesamtgestaltung etwas erreichen kann?", wird später ein anderer fragen. Und in der Tat: manchmal wirkt alles ein wenig nebenher, als fehlte das richtig kickende Gesamtkonzept. Animierende Theatergruppen, die über den Platz ziehen, Performances, Outdoor ChillOut Gelegenheiten könnten vielleicht dem Eindruck entgegenwirken, dass das Gelände etwas auseinandergerissen erscheint. Von Facetten war eingangs die Rede und von Bereicherung. Die Idee und der Spirit des Lovefield bringen all das mit. Zur optimalen Umsetzung ist es zum einen kein weiter Weg. Zum anderen darf dann aber auch endlich mal der Wetterbericht deutlich weniger auf Krawall gebürstet sein. Denn bitte: wo sind wir denn hier...?

 

>> Zur Foto-Galerie

 

Links:

>> Festival-Info Lovefield mit Künstlerinfos bei POP FRONTAL

>> Homepage Lovefield-Festival

>> Festival-Tip! Lovefield-Festival - Mit dabei: Kante

>> Festival-Tip! Lovefield-Festival - Mit dabei: Raphael Marionneau

>> Festival-Tip! Lovefield-Festival - Mit dabei: Moonbootica

 

Deichkind

Deichkind

 

Kante

Kante

 

Randszenen

Randszenen

 

2Raumwohnung

2Raumwohnung

 

Startseite | Tickets | Konzertsuche: Genres | Konzertsuche: Städte | Konzertsuche: Bands A-Z | Konzertsuche: Festivals |

Magazin | Rundbrief | Live-Tipps | Archiv: Live-Berichte |

Konzerte eintragen | Content-Broking | Impressum | Datenschutz

© POP FRONTAL, 2003-2021; Design by Akupower!