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Nick Cave & The Bad Seeds: Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus (Doppel-CD)

20.09.2004; Text: Michael Kellenbenz

Lyrische Choräle aus dem Schlachthaus

Wie ein schönes altes Buch vom Flohmarkt ist das Album verpackt. Eines, das eigentlich zwei ist. Blumen blühen auf dem hellen Cover. 17 Kapitel enthält es. Dazu einen offenen Rotwein auf dem Tisch. Wer mag, zündet sich edle Rauchware an und beginnt irgendwo mitten darin zu lesen. Nichts bestimmt die Reihenfolge. Wer mit dem poetischeren "The Lyre Of Orpheus" beginnt, fällt danach in das schwerere "Abattoir Blues", in die Gesänge aus dem Schlachthaus.

Beiden gemein sind Autor wie Entstehungsgeschichte. In das, wie man leichtfertig immer noch behauptet, romantische Paris hat es Cave mit den Bad Seeds verschlagen. Dort fand man im engsten vertrauten Kreise Studios, bestehend aus purem analogem Equipment, den Geist von Gainsbourg und Halliday und nistete sich fortan wohlig in der, so Cave, "abgehalfterten" Umgebung ein. Alles fast wie immer. Wären da nicht die jungen Menschen des Londoner Community Gospel Choir, die dem Album eine zusätzliche stimmige Note verschaffen.

Womit beschäftigt sich eine solche derart kreative und unermessen spielfreudige Band in den Pausen zwischen Album, Tour und nächstem Oeuvre? Violinist Warren Ellis penetriert die eigene Familie mit neuem Instrumentarium, Cave selbst nimmt jede Gelegenheit wahr, der nach dem verabschiedeten Blixa Bargeld hinterbliebenen "trauernden Witwe" Bad Seeds den Kopf nach oben zu rücken und der Tatsache Sinn wie Möglichkeiten abzuringen.

Der rauere Part beider eigenständiger Alben ist "Abattoir Blues" vorbehalten. Üppig arrangiert, mäandert sich die Leidenschaft hinaus dem himmlischen "Get Ready For Love", lässt (Gospel-)Chöre erstmalig erklingen ("Hiding All Away"), eine schemenhaft klagende Ballade ("Let The Bells Ring") folgen und kumuliert im sagenhaft selbst zweifelnden "There She Goes, My Beautiful World". Dort besingt Cave sich selbst in einer Reihe ausgebrannter Denker wie Dylan Thomas, Johnny Thunders, Karl Marx oder Gaugin. Nie zuvor wurde das Burn-Out-Syndrom wohl auch nur annähernd so romantisiert.

Apropos Romantik. Wer daraufhin lieber Cave’s tieftraurig klagenden Abgründen folgen will, steigt sodann um auf Orpheus’ Spuren. Der Tag endet in sagenhaft schöngeistiger Tristesse, wandelt um Pianoläufe, bringt uns schräge Flötentöne bei ("Breathless") und verliert bei aller durchdringenden Trauer seine dunklen aber komischen Momente nicht. "Supernaturally" zum Beispiel kommt mit einer Idee Flamenco daher, während "Easy Money" leise mit den Tindersticks spaziert. Im abschließenden "O Children" darf die Londoner Community noch einmal sämtliche chorale Register ziehen. Umwerfend, wie konsequent Cave die ultimative Chance zur Vertonung seines immerzu währenden Fadens zwischen Himmel und Erde genutzt hat.

Unglaublich, wie sehr typisch dennoch auch wieder dieses Album geworden ist, selbst auf einer Länge von anderthalb Stunden keine Längen zeigt und sich als weiteres, nach dem harschen "Nocturama" etwas zurückgenommenes Meisterwerk in eine lange Geschichte einreiht. "We are all jumping on the train that goes to the Kingdom. We are happy, Ma, we’re having fun. And the train ain’t even left the station." heißt es prophezeiend am Schluss und hinterlässt Fragen. "Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus" erfordert viel Aufmerksamkeit in seiner Schönheit, will verschlungen werden und wehrt sich gegen allzu nüchterne Betrachtungen. Eine gute Flasche Rotwein lang...

 

Weiterführende Links:

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Nick Cave

Nick Cave & The Bad Seeds

 

 

Nick Cave & The Bad Seeds

Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus

(Mute / EMI)

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