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Gesehen! Nils Petter Molvaer / 04.10.2004, Hamburg, Fabrik

Seelenvoller Nachtflug im Zeitraffer!

Text: Michael Kellenbenz

 

Zwei Menschen begegnen sich an einem verabredeten Ort. Sie unterhalten sich gut, wissen einander zu faszinieren. Bald berührt es sie, berühren sie sich, breiten sich die Wellen aus und beginnen ganz langsam rauschend über ihnen zusammen zu schlagen. Dann irgendwann ist es wieder still, und nur ein einziger leiser Ton aus der Ferne erreicht sie. Das besondere daran: es geschieht in einer komplett abgedunkelten Umgebung an einem für beide fremden Ort. So in etwa ließe sich die Dynamik eines Konzertes von Nils Petter Molvaer annähernd nachfühlbar beschreiben. Selbst wenn statt der Finsternis hier dezentes Licht eine tragende Rolle spielt.

Nils Petter Molvaer

Molvaer holt in seinen bizarren Klanggebilden weit aus. So weit, dass die Spannung fast schon schmerzt. Wer hier ist, benötigt Geduld. Dass hinten am Tresen anfangs gepoltert wird und ein Mobiltelefon für akustische polyphone Folter sorgt, scheint ihn, zumindest sichtbar, nicht anzufechten. Man hält den Atem für Momente an, doch der Norweger ist zu versunken in seine nur äußerst sacht anschwellenden Trompetenklänge. Im tiefblauen Hintergrund warten vier Begleiter. Links das konventionelle Instrumentarium, bestehend aus Schlagzeug und Gitarre. Rechts sein kongenialer Partner und Produzent Paal "DJ Strangefruit" Nyhus (Turntables) sowie mit Raymond Pallicer eine wahrhaft schamanenhafte Tanzfigur an den Sample-Maschinen.

Das Konzert nimmt Fahrt auf. Gemächlich nach wie vor und doch voller Dynamik. Trompete und Elektronika beginnen sich miteinander zu verweben. Dann der Bruch. Molvaer verlässt die Bühne, und George W. Bushs Stimme ertönt unerwartet aus dem Off. Das Licht wandelt sich in ein giftiges Grün, die Klänge bekommen einen aggressiven Unterton. Grelle weiße Lichtblitze lassen uns sofort bekannte Kriegsbilder assoziieren. Wenige Pfiffe sind zu hören. Sie gelten eher Bush, wohl aber nicht der Performance. Wer weiß, wer da seiner Begleitung politische Korrektheit beweisen wollte. Doch ehe sich Molvaer politisieren lassen kann, führt er uns hinaus in die nächste Welt. Die Party beginnt, die Beats schwellen an, einige sitzende Besucher springen tänzelnd in die vorderen Reihen. Rauch steigt auf und bildet einzigartige Formationen, ein Streichholz fällt zu Boden und verglüht wie in Zeitlupe.

Dann haben sie das halbe Haus in Bewegung gebracht. Der zerbrechliche Trompetensound, welcher (allerdings zu recht) so oft in einem Atemzug mit dem unvergleichlichen Miles Davis in Verbindung gebracht wird, besteht auch an diesem Abend, wen wundert es, gegen Breakbeats und allerlei klingende Fragmente. "We love your soul, we want your soul!", rufen Stimmen. Hier und jetzt ist diese Mission erfüllt. Noch ein einziges Mal ertönen kurz Pfiffe. Die Menschen wollen mehr als die bisherigen grandiosen einhundert Minuten. Doch nach einem kurzen Solo ist endgültig Schluss. Das Hallenlicht beendet einen Nachtflug im Zeitraffer. Und auch die zwei Menschen begegnen sich in einem ganz anderen, erlebnisreichen Licht wieder.

 

Links:

>> Künstlerinfo Nils Petter Molvaer bei POP FRONTAL

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(Peculiar / Edel)

 

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